Heilige Pfade aus Gras

Magische Rasenlabyrinthe

Als die großen Adelshäuser ihre ersten aufwändigen Projekte in Auftrag gaben, entstand auch ein schlichteres Modell. Vor allem in kleinen Gemeinden in Deutschland und England. Gestochen aus Grassoden, gepflegt und bewahrt bis in unsere Tage. Die Geburtsstunde des Rasenlabyrinths.

Die Briten kopierten häufig die Vorlage von Chartres. Sie kannten den Ort seit dem Mittelalter als Pilger, Soldaten und Handelsreisende.

Unter freiem Himmel

Da ihre Dorfkirchen für das Chartres-Maß zu klein waren, legten die Engländer die heiligen Linien unter freiem Himmel an - auf einem Grasplatz in unmittelbarer Nähe der Gotteshäuser. Die kleinen Kirchen schmückte allenfalls eine Miniaturausgabe - wie in Alkborough im Nordosten der Insel. Zu den Fairs, den Jahrmärkten, kam das ganze Dorf und feierte dort. Meist zusammen mit der Jugend der Nachbargemeinden. Damaliger Höhepunkt des Festes - der gemeinsame Marsch über den kunstvoll gestalteten Rasen.

Sicher ging es dabei ebenso turbulent zu wie in Kaufbeuren im Allgäu. Dies zumindest lassen historische Aufnahmen vom Anfang des 20. Jahrhunderts vermuten. Beim berühmten Tänzelfest zogen Jung und Alt durchs Labyrinth - ein Riesenspektakel. Auch in Saffron Walden - nördlich von London - zelebrierten die Bürger seinerzeit "labyrinthische Feste". Mit einem Durchmesser von 42 Metern gehört die gigantische Konstruktion zu den größten noch erhaltenen Rasenlabyrinthen - mit einem seltenen Grundriss. Das Vorbild stammt ebenfalls aus einer Kathedrale.

Ritueller Weg

In Reims gab es im Mittelalter die gleiche Form mit vier Bastionen. Festungen zur Abwehr böser Geister, zum Schutz des heiligen Raums. Der rituelle Weg läuft über mehr als einen Kilometer von der Mitte bis zu den Ausbuchtungen. Mit Licht sichtbar gemacht, fallen die ausladenden Proportionen der magischen Linien besonders ins Auge. In der Abendsonne erscheint das Labyrinth wie der Abdruck einer mächtigen Burganlage.

Seit Generationen führt die kleine thüringische Gemeinde Graitschen in ihrem Amtsstempel ein Rasenlabyrinth. Eines der letzten in Deutschland - die Bühne für ein uraltes Frühlingsritual. Ein kleiner kreisrunder Grashügel in der Mitte stellt die Sonne dar. In einem zeremoniellen Spiel sollte die Dorfgemeinschaft das gleißende Gestirn zum Winterende befreien. Dieselbe Geschichte erzählen die magischen Linien von Steigra in Sachsen-Anhalt. Bei beiden weisen die Namen "Schwedenhieb" und "Schwedenring" auf ihre Entstehungszeit hin. Schwedische Soldaten sollen sie im Dreißigjährigen Krieg angelegt haben.

Rätselhafte Bezeichnung

Für das Labyrinth von Steigra wählten die Männer einen besonderen Platz. In unmittelbarer Nähe liegt ein steinzeitliches Hügelgrab - gekrönt von einem Menhir. Die Meinung der Wissenschaftler ist gespalten: Könnte die Grundform im Rasen nicht viel älter sein als angenommen? Möglicherweise führt ihre Entstehungsgeschichte weit vor den Dreißigjährigen Krieg zurück. Auch die landläufige Bezeichnung "Trojaburg" gibt Rätsel auf.

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