Heiliges Wudang

Die Geburtsstätte des Tai Chi

1200 Kilometer nördlich von Kanton ist vor Jahrhunderten das Tai Chi entstanden. In dieser Einsamkeit liegt die hervorragendste Schule dieser Kunst - und vielleicht der Schlüssel zum Geheimnis des Chi.

In Wudang, wo die Gipfel oft von Wolken verhüllt sind, legte ab dem 15. Jahrhundert ein größenwahnsinniger Kaiser der Ming-Dynastie riesige Tempelanlagen und Paläste an. 300.000 Arbeiter schufen in nur sechs Jahren jenes Weltwunder. Mit dem Tempelbau sollte ein kleiner Mönch geehrt werden.

Stille Kampfeskunst

Zhang Sanfeng ist der legendäre Ahnherr von Wudang. Der Taoist wurde der Sage nach 200 Jahre alt. Er gilt als Begründer des "Tai Chi", der inneren Schule des Wushu. Einer Legende nach beobachtete er eines Tages den Kampf zwischen einer Schlange und einem Kranich und entdeckte dabei das Grundprinzip des Tai Chi. Zhang sah, wie die Schlange den harten, schnellen Stößen des Kranichschnabels immer wieder geschickt auswich, bis der Kranich schließlich erschöpft aufgab. Daraus leitete Zhang das Prinzip des "weichen Kämpfens" mit innerer Kraft ab. Diese stille Kampfkunst wirkt konzentrierter, innerlicher als das Shaolin-Wushu.

Wudang zeichnet sich nicht nur durch seine Kämpfer aus, sondern auch durch die Anwendung zahlreicher Heilkräuter. Sie wachsen am Pfad zum Tempelberg entlang. Neugierig fragt Meiling nach dem Namen eines Baumpilzes. Lingzhe, meint der Verkäufer. Er helfe gegen Beinschmerzen, Rheuma, Hexenschuss und Arthrose. Außerdem rege er die Blutzirkulation an. 600 Heilpflanzen gibt es hier, viele kommen nur in Wudang vor. Gegen fast jedes Gebrechen gibt es ein Mittel. Ob sie wirken? Aber natürlich - wenn man sie mit viel Schnaps einnimmt. Da ist sich der Verkäufer sicher.

Heiliger Ort

Für gläubige Taoisten ist die Pilgerreise nach Wudang von ebenso großer Bedeutung wie für Buddhisten die Reise nach Shaolin. Über einen viele Kilometer langen steilen Pilgerweg aus Steinstufen gelangt man in knapp drei Stunden zum Ziel in 1600 Meter Höhe: der "Pfeiler des Himmels". Schon früh hatte man festgestellt, dass die Lebenserwartung hier erheblich höher war als anderswo. Damit war klar: Dies ist ein heiliger Ort. Auf dem höchsten Punkt des Berges werden Opfer dargebracht, in Form von Geld oder Lebensmitteln; hier in der Höhe verrichten die Pilger ein stilles Gebet.

Über Jahrhunderte wurde das Wissen über das Tai Chi nur mündlich weitergegeben. Selbst die großen Meister Wudangs hinterließen kaum Schriften. Einer der berühmtesten Lehrer hat Meiling eine Audienz gewährt: Meister You. Er vermutet, was Meiling wissen will. Das Wudang-Tai Chi ist der beste Weg, um geistige und körperliche Gesundheit zu erreichen, erklärt er. Mit Hilfe der Übungen kann der Schüler diese erlangen, indem er das Chi aus Himmel und Erde in sich aufnimmt. Denn Chi ist nicht nur innere Kraft, es ist der Urstoff der Welt.

Urkraft der Welt

Das Chi sollte man sich bildlich vorstellen: als wärmendes Feuer, als aufsteigenden Dampf, als nährendes Getreide. So hat der Praktizierende teil an der universellen Harmonie. Bei jeder Bewegung muss das Chi ungehindert in die Spitzen der Gliedmaßen fließen können. Jeder Angriff, jede Verteidigung muss mit Chi erfüllt sein. Auf diese Weise fließt die Urkraft der Welt in die Bewegung der Kämpfer ein und macht sie unüberwindbar.

Über Jahrhunderte hinweg bewahrten die Meister von Wudang das Geheimnis des Kung-Fu. Nicht weil sie viele Schüler hatten - sondern weil sie die wenigen Schüler umso besser ausbildeten. Sie werden das Wissen über das Chi weitergeben an die nächsten Generationen.

Reife und Weisheit

Die Natur des Geistes ist unbegrenzt. Das unterscheidet ihn von unserem Körper. Kung-Fu lehrt, die unbegrenzte Macht des Geistes zu nutzen. Wer dies versteht, der kann sich über die materielle Welt ein Stück weit hinwegsetzen. Doch es gehören Reife und Weisheit dazu, diese Kraft zu nutzen. Deshalb war das letzte, was Meister You Meiling mitgab, die Quintessenz des Kung-Fu: "Die höchste Ebene des Kampfes ist es, nicht zu kämpfen."

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