Herrscher der Welt

Der erste Medici-Papst kennt keine Selbstzweifel

Das 16. Jahrhundert beginnt in Rom mit einer lange nicht gesehenen Prachtentfaltung. Papst Julius II. beauftragt die bedeutendsten Künstler der Zeit mit dem Bau einer gigantischen Kathedrale. Sein Nachfolger, Leo X. sieht sich als Oberhaupt einer Kirche, die die Gläubigen mit äußerem Glanz zu den unsichtbaren Werten des Glaubens führen will. Doch die Menschen im Abendland verlieren zunehmend das Vertrauen in die Päpste.

Porträt Leo X. Quelle: ZDF

Mit seiner selbstdarstellerischen Art bringt Leo X. das Fass zum überlaufen. Er ist der Spross der reichsten Bankiersfamilie Italiens, den Medici. Von ihm stammt der Ausspruch: "Da Gott uns das Papsttum gegeben hat - lasst es uns genießen!" Ist das die richtige Arbeitshaltung für den Stellvertreter Christi? Für den florentinischen Papst sind Luxus und christliche Moral kein Widerspruch. Er fühlt sich als Stellvertreter Christi auf Erden und empfindet seine prunkvolle Hofhaltung als selbstverständlich. Mit der Schlichtheit der Urkirche, so die päpstliche Annahme, könne man im 16. Jahrhundert keine Seelen mehr gewinnen.

Leo X. mit seinen Neffen Quelle: ZDF

Wie ein weltlicher Fürst

Leo X. lässt sich vom berühmten Künstler Raffael portraitieren. Im Bild ist verewigt, wie Leo sich selbst sieht: als machtbewussten Renaissancefürsten auf dem Papstthron - als Herrscher der Welt. Und genau wie ein weltlicher Fürst denkt Leo strategisch. Auch er will eine Dynastie gründen - und sein Neffe Giulio di Medici soll ihn später beerben. Doch Rom - das Zentrum der Christenheit - lässt sich nicht regieren wie ein fürstlicher Privatbesitz.

Anschlagen der 95 Thesen Quelle: ZDF

Es gibt Gottesmänner, für die die Kirche mehr ist, als bloß eine mächtige Institution. Einer von ihnen heißt Martin Luther. Im Jahre 1511 besucht der Augustinermönch die Ewige Stadt, die ihm wie ein Sündenbabel vorkommen muss: überall Bettler, Dreck und Unordnung. Kaum ein heiliger Ort, der wirklich zur Andacht einlädt. Und der neue Petersdom ist immer noch eine trostlose Bauruine. Das soll der heiligste Ort der Christenheit sein? Luther antwortet darauf und auf andere Missstände mit Hammerschlägen, die die Weltordnung des späten Mittelalters erschüttern. Mit seinen 95 Thesen lehnt er sich 1517 gegen die Kirchenoberen auf. Vor allem dagegen, dass der Papst den Gläubigen Sündenvergebung gegen Bargeld verspricht.

"Bloß Mönchsgezänk!"

Gemälde Bibel als Statussymbol von Leo X. Quelle: ZDF

Der Sturm, der vor der Schlosskirche des kleinen Städtchens Wittenberg losbricht, wird zur größten Bedrohung in der Geschichte des Papsttums. Aber davon weiß Papst Leo jetzt noch nichts. Das "kleine Mönchlein" aus Wittenberg beunruhigt ihn wenig. "Bloß Mönchsgezänk!", spottet er. Oft schon gab es antipapistische Bewegungen, die zumeist von selbst wieder verschwanden. Warum sollte es jetzt anders sein? Leo X. lebt unbeeindruckt sein fürstliches Christentum. Und die Bibel scheint ihm mehr Statussymbol zu sein als moralischer Leitfaden.



Vier Jahre lang hat Leo X. bisher politisch erfolgreich regiert. Bei seiner Ernennung zum Papst hatten viele Kardinäle auf den Medici gesetzt, weil er Renommee und ökonomische Macht seines Bankhauses in die Waagschale geworfen hatte. Doch Leo führt mit seiner Verschwendungssucht die Kirche an den Rand des Abgrunds. Er handelt in erster Linie wie ein sinnenfroher Renaissance-Fürst und an zweiter Stelle als Oberhaupt des christlichen Abendlandes.

Professionelle Spaßmacher

Der Pontifex umgibt sich mit Künstlern, Artisten, Gauklern. Professionelle Spaßmacher sorgen für Unterhaltung wie am königlichen Hofe. Der berühmteste ist Fra Mariona, ein Dominikanermönch, der mit viel Witz Priester parodiert. Leo ernennt ihn als Belohnung zum Piombator, demjenigen, der die päpstlichen Bullen mit Blei zu verschließen hat und dafür Gebühren - manchmal vielleicht auch von dritter Seite Bestechungsgelder für nachträgliche Veränderungen des Inhalts - kassieren kann.

Aber Leo will noch mehr. Er will sein Fürstentum Rom gleichsam vergöttlichen - und er wählt dazu die Mittel der Kunst. Rom soll sich auf Wunsch Leos X. zu seiner großen und glänzenden Vergangenheit bekennen, die unter dem Schutt der Jahrhunderte liegt.

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