Herrscherdynastien im Wandel der Zeit

Das Königtum bestand länger als 500 Jahre

Das Königtum von Qatna bestand über einen sehr langen Zeitraum von mindestens 500 Jahren. Die Gründung der Dynastie ging von den Amurritern aus, ehemals nomadischen Steppenbewohnern, die sich zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. im Fruchtland Syriens und Mesopotamiens niederließen.

Königszepter aus Qatna
Königszepter aus Qatna

Sie begründeten an vielen Orten Königtümer, die für die nachfolgenden Jahrhunderte die Geschicke des Alten Orients bestimmen sollten. Qatnas bedeutendste amurritische Könige waren Ischchi-Addu und Amut-pi'el im 18. Jahrhundert v. Chr.

Königtum im Wandel

Wie viele Dynastien in Qatna bis zur Zerstörung des Königtums um 1340 v. Chr. aufeinander folgten, wissen wir nicht. Aufgrund der Tatsache, dass in der ersten Phase, während der Mittleren Bronzezeit, die Herrscher von Qatna eine herausgehobene Stellung unter allen syrischen Königtümern hatten, während sie in der zweiten Phase, der Späten Bronzezeit, als Kleinkönige von den Großkönigen der externen Macht Mittani in Nordmesopotamien abhängig waren, erfuhr das Königtum einen beträchtlichen Wandel. Dennoch war es als politische Institution über diesen langen Zeitraum hinweg durch eine erstaunliche innere Stabilität und Kontinuität gekennzeichnet.

Karte aus der Zeit Qatnas Blüte
Karte aus der Zeit Qatnas Blüte Quelle: ZDF

Die Funktionsweise dieses langlebigen politischen Systems lässt sich bisher nur punktuell erkennen. Um ein Gesamtbild des Königtums dieser Zeit zu erhalten, müssen unsere Kenntnisse über die anderen Reiche Syriens, insbesondere Mari, Alalach und Ugarit, mit einbezogen werden. Wenn es ihm gelang, andere Könige in politische und ökonomische Abhängigkeit zu bringen, erreichte ein Herrscher eine herausgehobene Stellung.

"Patchwork-Staaten"

Eine Tontafel des 18. Jahrhunderts v. Chr. aus Mari erläutert: "Es gibt keinen König, der alleine wirklich stark ist. 10 bis 15 Könige folgen Hammurapi von Babylon, ..., genauso viele folgen Amut-pi'el von Qatna". Die auf diese Weise errichteten Herrschaftsgebiete waren folglich nicht Territorialstaaten, sondern sind eher als "Patchwork-Staaten" mit variablen Grenzen zu bezeichnen. Eine übergreifende, zentrale Verwaltung fehlte, da jeder Unterkönig sein eigenes Gebiet kontrollierte.

Im Gegensatz dazu war der Kern des Königtums streng hierarchisch gegliedert. Die Machtbasis des Königs bildete seine Stadt, das Zentrum eines Stadtstaates. Als politischer Mittelpunkt und Symbol des Königtums diente der Palast. Wie das Stadtzentrum von Qatna veranschaulicht, war der Königspalast von weiteren öffentlichen Gebäuden umgeben, die administrative oder ökonomische Funktionen hatten. Die Bürokratie des Staates war in unterschiedliche Institutionen gegliedert. Dazu gehörte in Qatna zum Beispiel auch eine Textilmanufaktur mit zahlreichen Arbeiterinnen, deren Bestände auf einer im Königspalast gefundenen Tontafel verzeichnet waren. Da das Königtum außerhalb des engeren Stadtstaates dezentral organisiert war, bestand allerdings keine Notwendigkeit zum Aufbau eines großen Beamtenapparates.

Kein orientalischer Despot

Die zahlreichen Dörfer um ein Palastzentrum wirtschafteten prinzipiell eigenständig, waren aber zu regelmäßigen Abgaben und Fronarbeiten für den Palast verpflichtet. Über einzelne Dorfgemeinschaften und ihre zugehörigen Ländereien konnte der König vollständig verfügen, wenn er das Recht dazu durch Kauf oder Tausch erworben hatte. Er war also kein orientalischer Despot und nicht der Eigentümer des gesamten Landes. Darüber hinaus erhob er nicht einmal Anspruch auf den alleinigen Besitz des Ackerbodens. Er war Oberbefehlshaber der Armee, musste aber die marijannu, die kriegerische Elite des Landes, die im Besitz von Streitwagen war, und die schanannu, die Bogenkämpfer auf den Streitwagen, durch Verträge, Lehen oder Sold an sich binden.

Das kennzeichnende ökonomische Prinzip des Königtums war die Palastwirtschaft. Sie war in Form eines großen, wirtschaftlich tätigen Haushaltes unter Führung des Königs organisiert. Der Palasthaushalt dominierte die wirtschaftlichen Aktivitäten im Lande, parallel dazu existierten aber zahlreiche ökonomisch tätige private Haushalte. Sogar Familienangehörige des Königs oder - wie dies für Alalach belegt ist - selbst die Königin konnten einen autonom wirtschaftenden Großhaushalt besitzen. Innerhalb der Palastwirtschaft spielte die landwirtschaftliche Produktion eine herausragende Rolle. Agrarische Erzeugnisse wurden in staatlichen Magazinen gelagert, um sie für den Konsum im Palast, aber auch zur Bezahlung von Bediensteten zu verwenden. Davon zeugen Rationslisten für Getreide oder Bier, die in Qatna im Königspalast und auch im Unterstadtpalast gefunden wurden.

Palasteigene Werkstätten

Der König übte auch eine einflussreiche Rolle in der Finanzwirtschaft aus. Durch die Vergabe von staatlichen Darlehen an Privatpersonen konnten diese zu Zinszahlungen oder Arbeitsleistungen für den Herrscher verpflichtet werden. Listen über Ausgaben von Silber sowie über Guthaben und Ausstände von Silber, die im Königspalast von Qatna gefunden wurden, könnten damit in Zusammenhang stehen. Neben Mietarbeitern konnten auch Arbeitskräfte für den königlichen Palast durch dieses Kreditsystem rekrutiert werden.
Ein großer Teil der handwerklichen Produktion war dem Palast angegliedert. Es gab palasteigene Werkstätten für Töpferwaren sowie für die Metall- und Textilproduktion. Sicherlich produzierte die im Idanda-Archiv erwähnte Textilmanufaktur für den Bedarf des Palastes. Die wertvollen Stoffe dienten dem Export und spielten auch beim königlichen Geschenkaustausch eine wichtige Rolle.

Eine direkte Kontrolle über wichtige Rohstoffe war ein vorrangiges Anliegen der Palastwirtschaft. Aufgrund der Holzarmut Mesopotamiens besaß Zedernholz einen besonders hohen Wert und diente somit als lukratives Exportgut. Deshalb strebte man die politische Kontrolle über die Zedernbestände im Libanongebirge und im Ansariyegebirge an. Eine juristische Urkunde aus dem Idanda-Archiv zeigt, dass diese territoriale Hoheit bis in die Spätzeit des Königtums im 14. Jahrhundert v. Chr. aufrechterhalten werden konnte.

Kostbares Elfenbein

Eine andere kostbare Ressource war Elfenbein, da daraus Luxusgüter hergestellt wurden. Funde von großen Elefantenknochen im Königspalast von Qatna weisen darauf hin, dass die einst im Orontesbecken unweit westlich von Qatna lebenden Elefanten von den hiesigen Königen gejagt und als Trophäe in die Residenz verbracht wurden. Hier verband sich die Beschaffung von Rohstoffen mit der Selbstdarstellung der Könige durch mutige Taten. Der Handel mit Rohstoffen und Fertigprodukten war nicht die einzige Methode zum Erwerb fremder Güter durch den Palast.

Eine ebenso wichtige Rolle spielte der Geschenkaustausch zwischen den Königshöfen: Gold, Stoffe, Pferde und andere Kostbarkeiten wechselten ihren Besitzer auf diese Weise. Briefe aus dem Amarna-Archiv verraten, dass dabei auf eine Gleichwertigkeit von Geschenk und Gegengeschenk penibel geachtet wurde. Notfalls reklamierte man eine Unverhältnismäßigkeit beim Austauschpartner. Dadurch wurden die friedlichen Beziehungen zwischen den Königtümern gestärkt, aber auch Hierarchien zwischen den Staaten manifestiert. Mögliche Zeugnisse eines Geschenkaustausches mit dem Pharaonenreich sind die in Qatna gefundenen Steingefäße mit ägyptischen Inschriften.

Diplomatische Heiraten

Selbst Frauen wurden zur Stärkung politischer Allianzen zwischen den Königtümern ausgetauscht. Das kommt in der Eheschließung der jungen Prinzessin Damchurazi, genannt Beltum, einer Tochter des Königs Ischchi-Addu von Qatna, mit dem König Jasmach-Addu von Mari zum Ausdruck. Auch exotische Gegenstände aus fernen Ländern wurden in den Gabenaustausch einbezogen. Damit ließen sich die internationalen Kontakte und die Weltläufigkeit des Königshofes zur Schau stellen, was das Prestige der Herrscher erhöhte.

Selbst fremde Handwerker wurden an die Höfe vermittelt und bei der Ausgestaltung der Paläste beschäftigt. So lässt sich der offenkundige ägäische Stil der Wandmalereien im Königspalast von Qatna erklären. Die Herrscher wetteiferten miteinander um den größten Palast, die exklusivste Ausstattung und die exotischsten Objekte. Sicherlich besaß das Löwenkopfgefäß aus baltischem Bernstein in der Königsgruft von Qatna einen hohen Prestigewert. Dies veranschaulicht die auf politischer Herrschaft, wirtschaftlicher Macht, verzweigter Diplomatie und hohem Prestige streben beruhende Strategie und Ideologie der syrischen Königtümer.

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