Höchst geheime Orte

Städtisches Arsenal und Insel Lazaretto Vecchio

Die Lage in der Lagune hatte für Venedig auch enorme Vorteile, angeblich fuhren Handelsschiffe quasi bis vor die Haustüre. Noch zur Zeit Dürers sollen selbst große Schiffe direkt unter der Aufsicht des Regenten an der Kaimauer vor dem Palast angelegt haben. Die geheimen Orte wie das Arsenal und die "Insel der Verdammten" bekamen aber nur wenige zu sehen.

Tatsächlich finden Archäologen direkt vor dem Palast die mittelalterliche Kaimauer aus Ziegel. Hier lag eine ganze Reihe von Schiffen vertäut, die dreißig, vierzig, manchmal sogar fünfzig Meter lang waren. Darunter auch große Rudergaleeren, Koggen und andere Holzschiffe. Die schnellen Rudergaleeren waren für wertvolle Fracht auf kurzen Strecken. Die langsameren Frachtschiffe hingegen fuhren mit zum Teil mehr als 500 Tonnen Ladung bis zu den britischen Inseln.

Keramik für den Export

Für die Archäologen ist der Hafenmüll neben schriftlichen Unterlagen die wichtigste Informationsquelle über das Warenangebot, das in Venedig umgeschlagen wurde. Eine Keramikscherbe zeigt ein Bildnis einer Venezianerin. Solche Keramikartikel waren Massenware, die eigens für den Export hergestellt wurden. Ganze Handwerkszweige in Venedig produzierten ausschließlich für ausländische Märkte. Mit dem Gewinn mussten Lebensmittel teuer importiert werden. Vor allem Getreide und Fleisch , da es kaum Acker- und Weideflächen in der Lagune gab.


Dürer wartet wochenlang, ohne dass es ihm gelingt, Kontakte zu italienischen Künstlern zu knüpfen. Die Stadt zeigt ihm, wie jedem Reisenden ihre repräsentative Fassade - ihre Geheimnisse hingegen offenbart sie ihm nicht. Höchste Geheimhaltungsstufe galt beispielsweise für das Arsenal. Hinter gewaltigen Mauern war Venedigs Militärhafen gegen neugierige Blicke gesichert. Die Schiffsbautechnologie, die hier entwickelt worden war, sicherte die Überlegenheit der venezianischen Flotte. Unbefugte, die auf dem Gelände aufgegriffen wurden, erwartete Gefängnis und eine Verurteilung als Spion.

Stadt in der Stadt

Das Arsenal war eine Stadt in der Stadt, eine Festung mitten in Venedig. Dort gab es alle Handwerksberufe, die man sich nur vorstellen kann. Das Treiben und der Lärm auf dem Gelände waren beeindruckend und inspirierten Dante Alighieri zu seiner Beschreibung der Hölle in der Göttlichen Komödie. Selbst für viele Venezianer markierten die Pforten des Arsenals den Eingang zu einem unheimlichen Ort. Hinter den waffenstarrenden Mauern gingen angeblich geheimnisvolle Dinge vor.

Die venezianischen Bootsbauer sollen - so eines der hartnäckigsten Gerüchte - in der Lage gewesen sein, ein Schiff, das am Morgen auf Kiel gelegt wurde, bereits abends zu Wasser zu lassen. Hier konnte nach Auffassung so mancher Zeitgenossen nur Zauberei im Spiel gewesen sein. Tatsächlich sorgten nicht Zauberei, sondern modernste Produktionsverfahren für die Geschwindigkeit, mit der Schiffe vom Stapel liefen. 7000 hoch spezialisierte Arbeiter - Männer, Frauen und auch Kinder - arbeiteten Hand in Hand und setzten die Schiffe aus vorgefertigten Modulen zusammen.

Seemacht dank Arsenal

Die Kriegsgaleeren, die im Arsenal produziert und ausgerüstet wurden, hatten die Aufgabe, die Handelswege zu sichern und Konvois gegen Piraten und Kriegsgegner zu verteidigen - vor allem gegen Genueser und Türken. Erst diese schnellen, wendigen Schiffe machten Venedig zur bedeutendsten Seemacht im Mittelmeer. Ohne das Arsenal wäre Venedig keine so bedeutende Seemacht geworden. Es war das Herz dieser Stadt, die acht Jahrhunderte das Mittelmeer beherrschte. Und das nur weil der gesamte Handelverkehr von Schiffen kontrolliert wurde, die aus dem Arsenal stammen."

Das Arsenal war Schiffswerft und Waffenschmiede zugleich. Unter undenkbaren Arbeitsbedingungen wurden neue Schiffe gebaut und alte ausgebessert. Die Arbeiter gossen Kanonen und mischten Schwarzpulver in großen Mengen. Immer wieder kam es dabei zu schrecklichen Unfällen, verheerenden Bränden und gewaltigen Explosionen.

Düsteres Geheimnis

Einen anderen sagenumwobenen Ort hätte Dürer niemals freiwillig besucht. Wissenschaftler aus Venedig und Padua erforschen erstmals ein düsteres Geheimnis Venedigs genauer. Ihr Ziel: die Insel Lazaretto Vecchio. Zu Dürers Zeiten, ein Ort der Verdammten. Kaum einer, der auf die Insel gebracht wurde, hat sie je wieder verlassen.


Die Menschen sprachen nur hinter vorgehaltener Hand über die Insel, auf die man in Pestzeiten Kranke deportierte. Wo man die Toten verscharrte. Männer, Frauen, Kinder. Arme und Reiche. Sogar Dogen wurden hier her gebracht, um sie hier sterben zu lassen. Venezianer und Fremde. Matrosen, Kaufleute. Geistliche und Pilger, deren Reise hier endete. Diese Insel hatte eine besondere Bedeutung. Die Menschen, die hierher kamen, wussten, dass sie zum Sterben kamen. An dem Ort haben sich sicherlich tragische Szenen abgespielt. Viele Pestkranke starben bereits innerhalb der ersten Woche.

Chronologie des Sterbens

Mit forensischen Methoden versuchen die Forscher eine Chronologie des Sterbens zu rekonstruieren. Zu Anfang einer Pestwelle wurden die Toten noch einzeln bestattet, später nur noch in Massengräbern verscharrt. Der Schwarze Tod entvölkerte die Stadt: Oft bis zu 50 Prozent der Bürger konnten einer Pestwelle erliegen. Die Isolation der Kranken auf einer Insel konnte die Seuche nicht aufhalten. Die Pest machte vor niemandem halt. Selbst gesunde Erwachsene mit massivem Knochenbau und offenbar guter Gesundheit raffte der Schwarze Tod dahin.




Kaum eine Generation blieb verschont. Alle 20, 30 Jahre fegte der Schwarze Tod durch Venedig. Die Seuchen kamen mit den Schiffen in die Stadt: tödlicher Tribut für profitablen, weltweiten Handel.

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