Homers neue Heimat

Raoul Schrotts brisante Thesen um Troia

Als der renommierte Literaturwissenschaftler Raoul Schrott im Frühjahr 2008 das Buch "Homers Heimat" publizierte, sorgte der Österreicher für helle Aufregung in der Fachwelt. Der exzellente Kenner der hellenistischen Frühzeit behauptete nämlich, Heinrich Schliemanns Troia im Nordwesten der Türkei sei nicht der Ort, den der griechische Dichter Homer - nach neuen Erkenntnissen vermutlich im 7. Jahrhundert vor Christus - in der Ilias beschrieb.

Montage: Büste Homers und Epos Ilias
Montage: Büste Homers und Epos Ilias Quelle: ZDF

Seitdem Heinrich Schliemann auf dem Hügel Hisarlik im Nordwesten der Türkei zufällig den "Schatz von König Priamos" gefunden hatte - seine Zuweisung zum legendären König von Troia musste später korrigiert werden - sind Generationen von Archäologen unermüdlich auf der Spur des Mythos um die legendäre Stadt.

War Karatepe der Schauplatz?

Wissenschaftler sind überzeugt, dass Troia auf dem besagten Hügel in der Türkei Homers literarischer Schauplatz ist. Raoul Schrott hält den Befund von Hisarlik für nicht ausreichend. Er plädiert für einen anderen, 800 Kilometer entfernten Kandidaten: für die Festung Karatepe im südanatolischen Kilikien. Seine These untermauert er mit mehr als hundert Indizien. In der Fachwelt sind sie jedoch zum Teil umstritten.

Beschreibungen passen nicht zu Troia

Porträt Raoul Schrott
Porträt Raoul Schrott Quelle: ZDF

Schrotts These ist das Resultat einer langjährigen Auseinandersetzung mit dem gewaltigen Epos Ilias, das er in eine modernere Fassung adaptiert hat. Dabei verglich er die von Homer beschriebenen Orte - die Festung, das Schlachtfeld, die Furt - mit den topografischen Gegebenheiten in Troia im Nordwesten der Türkei. Und stieß auf viele Ungereimtheiten.

So stand das literarische Troia auf einem "steilen, windigen Hügel" - der Hügel Hisarlik aber ragt gerade einmal 25 Meter über dem Meeresspiegel empor. Und: Die Mauer um die einstige Burg umsäumt archäologisch nachweisbar nur eine Fläche von 150 mal 200 Metern - keine imposante Festung, wie sie Homer in der Ilias beschreibt.

Hügel Hisarlik im Nordwesten der Türkei
Hügel Hisarlik im Nordwesten der Türkei Quelle: ZDF

Außerdem gibt es in der Gegend keine schroffen Berge und keine weitläufige Ebene, um eine Armee von vielen tausend Mann, wie sie die Griechen laut Homer aufgestellt hätten, aufmarschieren zu lassen. Und: Historische Quellen für einen Kampf um Troia fehlen gänzlich. Es gibt auch kaum archäologische Funde wie Speerspitzen oder Wurfsteine, die auf einen langjährigen Kampf schließen lassen.

Topografische Indizien

Das kilikische Karatepe entspräche haargenau Homers Beschreibung, meint Schrott: die weite Ebene mit schneebedeckten Bergen und schroffen Gipfeln im Hinterland, die reißenden Flüsse und Bäche sowie die beiden genannten Quellen im Hinterland.

Reste der Festungsmauer Karatepe
Reste der Festungsmauer Karatepe Quelle: ZDF

Weiteres Indiz für ihn ist die Festung Karatepe. Ihre Ruinen entdeckten türkische Archäologen 1946; über Jahrzehnte rekonstruierten sie die mächtigen Außenmauern. Ihr Ergebnis: Die Zitadelle sei etwa dreimal so groß wie Schliemanns Troia gewesen. Zudem habe die Burg 225 Meter hoch gelegen, auf einem steilen, windumtosten Hügel, und zwei Tore gehabt - wie Homer es beschreibt. Vor allem die stimmigen Details bei der Darstellung der Flusslandschaft stützen die These Schrotts. So kämpfen die Griechen an einer Furt, die am Fluss vor dem historischen Troia aber gar nicht existiert. Dies sind nur einige der Ungereimtheiten, auf der Literaturwissenschaftler Schrott bei seiner Auseinandersetzung mit dem Epos stieß.

Ilias: Lokalgeschichten aus Homers Zeit?

Rekonstruktion: Festung Karatepe
Rekonstruktion: Festung Karatepe Quelle: ZDF

Mehr noch: Raoul Schrott ist überzeugt, dass Homer zwar den Mythos von Troia und die Goldene Ära der griechischen Königtümer erzählt. Er glaubt aber auch, dass dessen Epos die aktuellen Ereignisse seiner Zeit widerspiegelt und dass Homer Karatepe als prächtige Kulisse für die Geschichte Troias wählte.

Der Werdegang von Karatepe ist belegt. Um 700 vor Christus wurde die Burg nahe den großen Karawanenstraßen errichtet. Sie war eine bedeutende Zollstation - ähnlich wie Troia. Und genau wie in Troia weckte die günstige Lage des Ortes Begehrlichkeiten: Die Assyrer kontrollierten das Gebiet, das eine Schlüsselposition im Fernhandel zu Land und zu Wasser innehatte, aus wirtschaftlichen Interessen.

Zehnjährige Belagerung Karatepes?

Hinterland bei Karatepe
Hinterland bei Karatepe Quelle: ZDF

In drei großen Revolten wehrten sich die Einheimischen, darunter auch Danaer oder Achaier, die auch Homer erwähnt. Wie assyrische Quellen berichten, fällt der letzte Aufstand in das Jahr 667 vor Christus.

Karatepe trotzte neun Jahre lang der massiven Bedrohung durch die Assyrer. Im zehnten Jahr schließlich wurde die stolze Festung erobert und durch eine Feuersbrunst zerstört. Die Sieger kannten keine Gnade. Den König von Kilikien zwang der assyrische Machthaber zur Kapitulation. Zur Abschreckung für andere Aufständische im Reich vollstreckte er das Todesurteil.

Homer als Zeitzeuge kilikischer Aufstände

Schrotts These: Homer habe als Zeitzeuge die blutigen Aufstände kilikischer Könige gegen die assyrische Großmacht geschildert. Den Ort kannte der Dichter gut - das Schlachtfeld, den Fluss, die Furt und die Burg. Denn hier verbrachte er eine Zeit seines Lebens.

Seine These untermauert der Fund einer Stele in Kilikien. Auf deren Inschrift sind der alte Name Kilikien und deren Bewohner genannt. Bei ihnen klingen die Begriffe der Danaer und Achaier durch, die Homer als Verbündete gegen die Griechen antreten ließ. Womöglich erhoben sich die Danaer oder Achaier gegen die assyrischen Besatzer - so wie in der Ilias Danaer beziehungsweise Achaier gegen Troia ziehen.

Schreiber in assyrischen Diensten?

Filmszene: Homer schreibend
Filmszene: Homer schreibend Quelle: ZDF

Bei seiner Neufassung der Ilias beschäftigte sich Schrott auch mit dem Werdegang Homers. Anders als andere Forscher geht er nicht davon aus, dass der antike Dichter ein blinder Sänger war - wie hätte er seine Texte niederschreiben sollen, fragt sich Schrott. Er glaubt vielmehr, dass Homer ein Schreiber in assyrischen Diensten gewesen sei.

In diesem Beruf hätte Homer nicht nur Zugang zu Verwaltungstexten gehabt, so Schrott, die er möglicherweise kopierte. Er hätte so auch das Gilgamesch-Epos kennen gelernt und die Kriegsberichte der Assyrer studieren können. Die unterschiedlichen Quellen lieferten Homer - so Schrott - den Stoff für das Jahrtausendwerk.

Cocktail aus Fiktion und Fakten?

Aus den Versatzstücken hätte der Gelehrte ein vielschichtiges Drama von Sieg und Niederlage, von Göttern und Helden komponiert - eine großflächige epische Schlachtenbeschreibung, eingefärbt mit Lokalkolorit. Nichts Ungewöhnliches: Ein Cocktail aus Fiktion und Fakten ist seit jeher ein bewährtes Muster für Sagen und Legenden.

Und Troia? Raoul Schrott vermutet, dass Homer niemals in Schliemanns legendärem Ort gewesen sei. Außer alten Mauerresten und zwei Heiligtümern hätte es dort auch nichts mehr zu sehen gegeben. Zur Zeit Homers bewohnten längst griechische Siedler den Hügel der versunkenen Residenz.

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