"Homo sapiens war kein Dummkopf"

Interview mit Regisseur Jacques Malaterre

Der französische Filmemacher zeichnete auch schon für die 2003 produzierte erste Staffel von "Geheimnis Mensch" verantwortlich und spricht hier über Idee und Entstehung von "Homo sapiens". Das Interview führte Buch- und Drehbuchautor Frédéric Fougea.


Frédéric Fougea: Wann hatten sie die Idee zu "Homo sapiens"?


Jacques Malaterre: Die Idee zu "Homo sapiens" hatten wir schon, als wir noch nicht einmal mit dem Vorgängerprojekt waren. Wir hatten Lust, einen großen Sprung in die Vergangenheit zu machen und in die 400.000 Jahre lange Geschichte von "Homo Sapiens" einzutauchen. Homo sapiens ist unser direkter Vorfahre. Er ist es, der uns hervorgebracht hat, der uns zu dem gemacht, was wir heute sind.

Das Drehbuch entsteht


Fougea: Wissenschaftlicher Berater der Produktion war Yves Coppens. Wie empfanden Sie die Zusammenarbeit mit dem großen alten Mann der Paläoanthropologie?


Malaterre: Wir erarbeiteten zusammen mit Yves Coppens ein wissenschaftliches Drehbuch. Zu diesem Zweck haben wir uns mehrmals getroffen und gemeinsam nachgedacht. Wir versuchten, die großen Momente der Geschichte von Homo sapiens zu erfassen. Ich bin immer versucht zu sagen, dass ich am Anfang wie ein Kind an die Vorgeschichte herangegangen bin. Ich hatte ja nicht diese vielen Jahre an Erfahrung wie Yves Coppens. Er nahm mich zu Beginn der Produktion an die Hand und führte mich zum Wissen. Sobald es jedoch zur Erfindung des Vorstellbaren kam, wenn es um Realisierung und Inszenierung ging, ließ er mich los und sagte: "Jetzt bist du dran! Du bist derjenige, der weiß wie's geht".


Fougea: Den Schauspielern ging es doch sicher ähnlich. Wie konnten sie sich in die Vorgeschichte versetzen?


Malaterre: Ich glaube, die Maske hilft dem Schauspieler. So stark verändert, verkörpert er auf einmal seine Rolle. Er sieht sich im Spiegel, er schlüpft in einen neuen Körper. Er hat weniger den Eindruck, spielen zu müssen, denn er spürt, dass er sich verändert hat, dass er ein anderer ist.




Fougea: Die Schauspieler hatten ja noch andere Schwierigkeiten zu meistern. Einige von ihnen kämpfen gegen ein Mammut, das nur im Computer existierte. Wie kamen sie damit zurecht?


Malaterre: Der Regisseur musste den Impuls geben und ihnen sagen: "Aufgepasst, ihr habt ein Mammut vor Euch!" Nur dass es heute keine Mammuts mehr gibt und die Darsteller sich trotzdem etwas vorstellen müssen. Also sagt man: "Das ist ein Elefant, das ist ein Etwas und es ist böse!" Manchmal musste ich ihnen das Mammut sozusagen vorspielen.


Fougea: Gab es so etwas wie einen Star unter den Darstellern?


Malaterre: Man kann sagen, dass es 80 Hauptrollen gibt, aber keinen Star. Wir haben Protagonisten - und die anderen könnte man in einem normalen Film Statisten nennen. Aber hier sind die Statisten nicht so, wie man sie in einem Restaurant oder einer Kneipe für eine einfache Spielszene filmen würde. Die Statisten müssen etwas spielen und glaubwürdig verkörpern, das sie nicht sind - sie müssen frühe Menschen darstellen. Alles ist problematisch. Ich kann mich nicht auf einen sehr guten Schauspieler stützen und mir sagen, die hintendran sind uns egal, die sehen wir nicht. Man wird umso mehr auf sie achten, da sie maßgeblich daran beteiligt sind, dass die Illusion funktioniert. Also muss derjenige, der sich im Hintergrund bewegt, genauso gut sein wie der, der vorne agiert.

Glaubwürdige Schauspieler


Fougea: Wie ist es den Schauspielern überhaupt gelungen, glaubwürdig zu spielen, wenn wir so wenig über diese ferne Vergangenheit wissen?


Malaterre: Der Vorteil ist, dass die Schauspieler versuchen, Verhaltensweisen in sich wieder zu entdecken, die über 60.000 Jahre zurückliegen. Das ist überhaupt die schönste Art zu schauspielern, die man sich nur vorstellen kann: Man muss Dinge aus sich herausholen, die verschüttet sind. Falls es heute noch Menschen gibt, die wie Sapiens leben, dann sind sie trotzdem nicht unbedingt in der selben Situation. Die Inuit, die Massai, die Buschleute sind im Gegensatz zu Sapiens hoch angepasste Menschen. Homo sapiens war kein Dummkopf. Aber es passiert oft, dass jemand, wenn man ihn auffordert, einen frühen Menschen darzustellen, erst mal einen Idioten spielt. Homo sapiens kannte sich bestens in der Welt aus, in der er lebte. Nehmen Sie doch ein Tier als Beispiel. Haben Sie jemals ein Tier gesehen, das sich in seiner natürlichen Umgebung dumm verhält? Nein, weil es sich bestens in seiner Umwelt auskennt. Außerdem war Homo sapiens ein Mensch, der ständig beobachtete und permanent versuchte, die Welt zu verstehen.




Fougea: Die Schauspieler sprechen in Ihrem Dokudrama eine Sprache, die eigens für die Produktion entwickelt wurde. Wie kamen sie mit den fremden Lauten zurecht?


Malaterre: Ich habe nicht von Ihnen verlangt, systematisch zu lernen, dass das Wort "Sonne" Sonne heißt. Ich habe sie statt dessen aufgefordert, während der Proben kommunizieren zu lernen. Es war mir wichtig, dass sie sich tatsächlich verstanden, sonst hätte ich nur Missklänge bekommen. Am Ende merkt man, dass sie zu kommunizieren beginnen - ohne die Sprache oder das einzelne Wort zu verstehen. Die Bedeutungen der Wörter, die sie sprechen, kennen sie zum Teil, jedoch nicht vollständig. Aber ihre Sätze haben auf der Gefühlsebene einen Sinn.


Fougea: Sie haben ausschließlich an Originalschauplätzen gedreht. Hätte nicht ein Teil des Drehs ins Studio verlagert werden können?


Malaterre: Ich glaube, dass ein Dokudrama soviel Wirklichkeit wie möglich zeigen sollte, man muss für diese Art der Produktion einfach in der Natur sein.

Kampf mit der Natur


Fougea: Hollywoodregisseure bevorzugen das Studio, weil die Realität nicht planbar ist. Hat die Natur Ihnen denn auch mal einen Strich durch die Rechnung gemacht?


Malaterre: Wir haben zum Beispiel an einem Tag einen Sandsturm vorgesehen - es war ein echter Kinodreh. Sandsturm stand auf dem Skript, es war alles geplant, wir hatten Leute für die Spezialeffekte da, die mit großen Flugzeugpropellern Wind machen sollten, und wir fingen an, diese Szene zu drehen. Da kam plötzlich ein echter Sandsturm auf. Der war aber nicht kontrollierbar. Nichts war mehr wie im Spielfilm. Wir konnten nichts mehr sehen, die Darsteller hatten den Sand in den Augen, im Mund. Die Kamera machte ständig Schwierigkeiten, denn der Sand hat sich überall reingesetzt.


Fougea: Was macht der Regisseur in einem solchen Fall?


Malaterre: Ja, was macht man da als Regisseur? Soll man alles abbrechen? Soll man mit allem aufhören und warten, bis das Wetter wieder schön ist? Nein, das kann man nicht. Damals sagte ich mir: Das ist ein Zeichen. Die Natur fragt mich: Willst du etwa so tun, als hättest du schon mal einen Sandsturm in der Vorzeit gefilmt? Na gut, da hast du einen Sturm, jetzt sieh' zu, wie du klar kommst. Also bin ich damit zurecht gekommen. Ich habe versucht, in diesem Sturm zu drehen.


Fougea: Und wie passte das ins Drehbuch?


Malaterre: Ein Drehbuch ist nie unbeweglich, muss immer variabel sein. Man muss es in die Hand nehmen und verändern können. Man muss es sogar in die Vorgeschichte mitnehmen und anpassen können. Dort ist nämlich die Deko - die Natur, also das Reelle - der wirklich entscheidende Darsteller des Films. Ich musste vor allem die richtigen Orte finden, um meine Geschichte zu erzählen.


Fougea: In den Alpen war der Dreh ebenfalls ziemlich stürmisch ...


Malaterre: Auch hier muss ich ein Dankeschön an die Natur loswerden, die mir einen besonderen Dreh schenkte, einen sehr glaubwürdigen Sturm: Der Himmel ist grau, überall ist Schnee, man fühlt die Kälte an der Kamera, und letztlich habe ich Bilder, von denen ich nie zu träumen gewagt hätte. Ich habe reale Bedingungen, um meine Geschichte zu erzählen.

Zusammenarbeit mit Tieren


Fougea: Für reale Bedingungen sorgten sie auch durch den Einsatz von Tieren. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit ihnen?


Malaterre: Bei Tieren fängt tatsächlich der Ärger an: In der Straußenszene mussten wir versuchen, das Tier dazu zu bringen, das zu tun, was wir verlangten. Wir spürten, dass es zehn Minuten zur Mitarbeit bereit war, also mussten sich 80 Personen nach einem Tier richten. Und wenn der Strauß gar nicht wollte, dann mussten wir eben warten, bis er endlich bereit war - und das war gar nicht so oft. Manchmal ließen wir dem Tier einfach seinen Willen und schafften es nur dank der Kameraposition unsere filmische Erzählung weiterzuführen. Als der Strauß beispielsweise los läuft, rennt er überhaupt nicht dem Homo erectus hinterher. In Wirklichkeit will er zu seinen Freundinnen, die sich allesamt in einem Gatter in der Nähe befinden. Ziel des Spiels ist es also, zunächst den Strauß festzuhalten und ihm dann seine Partnerinnen zu zeigen, die 200 Meter weit weg auf ihn warten. Schließlich läuft der Akteur los und der Strauß, der einfach nur zu seinen Freundinnen will, hinterher.


Fougea: Wer war Homo sapiens?


Malaterre: Er war jemand, der das Leben annahm, das man ihm schenkte. Sein einziges Ziel war es, dieses Leben der nächsten Generation zu übertragen. Und wenn Sie heute in den hintersten Teil von Sibirien oder in das hinterste Eck der Mongolei gehen und Sie treffen einen Nomaden, dann wird er sie beschenken, Ihnen die Tür öffnen und Ihnen das Beste, was er hat, zu essen geben. Er tut das, weil er sie nicht als Fremden sieht, sondern als einer seiner eigenen Art, ein Träger des menschlichen Lebens, und das Leben ist schließlich das Wichtigste, was es auf unserer Erde gibt.

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