Hüter des Heilwissens

Die Nomaden des Zagros-Gebirges

Karawanen trugen einst das Grüne Gold Persiens hinaus in die Welt. Doch auch im dritten Jahrtausend gibt es sie noch. Gemeinsam mit dem jungen Botaniker Iraj stößt der Medizinhistoriker Johannes Mayer ins Zagros-Gebirge westlich von Isfahan vor.

Es ist der Lebensraum der letzten Nomadenstämme in dieser Region. Sie schlagen ihre Zelte meist dort auf, wo wenig Konkurrenz um Weidegründe besteht - weit abseits asphaltierter Straßen. Wer sie besuchen will, muss reiten.

Ritt auf dem Wüstenschiff

Iraj war schon oft für botanische Erkundungen im Zagros-Gebirge unterwegs. Für den Deutschen dagegen ist es der erste Ritt auf einem Wüstenschiff. Sein Begleiter Iraj erweist sich für Mayer als großer Gewinn. Kaum jemand besitze bessere Kenntnisse der iranischen Gebirgsflora, hatte Professor Moattar gesagt. Dazu kennt Iraj auch die Pfade zu den Nomaden bestens.

500 Nomadenstämme sind bis heute im Iran auf Wanderschaft. Im Sommer ziehen sie in die Berge, zum Beispiel ins Zagros-Gebirge, wo ihre Ziegen und Schafe dann die frischesten Kräuter finden. Die Reisenden treffen noch am gleichen Tag auf den Stamm der Bahrámi. Kaum eine andere Volksgruppe dürfte sich mit natürlichen Heilmitteln besser auskennen als die Nomaden. Sie leben noch im Einklang mit der Natur.

Grüne Apotheke

Während des ganzen Jahres sind die Nomaden weit abseits der Städte und Dörfer unterwegs - viele Kilometer von ärztlicher Hilfe entfernt. Nicht einmal Reittiere besitzen sie. Dromedare gelten im Zagros-Gebirge als Luxus und erregen großes Aufsehen. Männer dürfen nur ihresgleichen die Hand schütteln. Als Johannes Mayer erklärt, dass er wegen der Heilkräuter des Zagros-Gebirges hier ist, sind die Nomaden schnell begeistert. Gern teilen sie ihr Wissen über die Grüne Apotheke in ihrer Heimat. Und es schmeichelt ihnen, als Experten angesehen zu werden.

In der Abgeschiedenheit der Berge wurden sie zu Hütern eines uralten Erfahrungsschatzes. Wissen, das mündlich weitergegeben wurde - bis Avicenna es aufschrieb. Medikamente selbst zuzubereiten, gehörte zur ärztlichen Kunst. Apotheker waren im Persien der ersten Jahrtausendwende unbekannt.

Frage der Ehre

Die Lehre von den Heilmitteln um eigene Erfahrungen zu bereichern, war für jeden Arzt eine Frage der Ehre. Auch Avicenna übte sich in Pharmazie und Chemie, doch mit Vorsicht. Seinem großen Vorgänger Rhazes hatten chemische Dämpfe fast das Augenlicht geraubt. Rhazes gab seine Experimente auf. Avicenna aber schuf in zehnjähriger Arbeit die wohl umfangreichste Rezeptsammlung des Mittelalters.


Bei den Nomaden sind schriftliche Aufzeichnungen unüblich. Sie haben ihr Kräuterwissen im Kopf. Rasch zeigt sich, dass sich mit der Gebirgsflora am besten Habibi auskennt - eine Frau. Auf den Hügeln, so meint sie, findet man vieles von dem, was die Forscher suchen. Habibi wird bei ihrem Stamm als Heilerin sehr geschätzt und kann hunderte von Pflanzen unterscheiden.

Rätsel um Rhabarber

Für Johannes Mayer ist das die Gelegenheit, noch eines der Rätsel aus Avicennas Buch aufzuklären: Welche medizinische Wirkung hat der im "Kanon" so oft genannte persische Rhabarber? Und wo in diesem scheinbar grenzenlosen Gebirge wächst er? Zunächst finden sie iranischen Salbei - ein Sinnbild des ewigen Lebens. Dann Rainfarn, er wird seit dem 8. Jahrhundert zu Heilzwecken genutzt - unter anderem gegen Rheuma.


Nach zwei Stunden Aufstieg, nur wenig unterhalb des Gipfels der ersehnte Moment: der Medizinalrhabarber - zu finden nur in Westchina und im Orient. Avicenna beschreibt seine Wirkung gegen Malaria, Nierenschmerzen und sogar Schlangenbisse. Habibi nennt sogar noch mehr Anwendungsgebiete. Im Labor wird sich herausstellen, welche davon stimmen.

Die Nomaden sind beeindruckt, dass Johannes Mayer um die halbe Welt gereist ist, um mit ihnen zu sprechen. Und um etwas zu finden, das sie wie selbstverständlich pflücken. Ob die Nomaden ahnen, wie wertvoll ihre Kräuterschätze einmal für Menschen in aller Welt werden könnten?

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