Hundert Tage unterwegs mit Hape Kerkeling

Drehbericht des Regisseurs

Hundert Tage unterwegs. New York, Washington, Ägypten, Paris, Rom, Florenz, Pompeji, der Teutoburger Wald - das sind nur einige der dreißig Stationen unserer Reise durch 5000 Jahre, auf der man immer wieder hautnah spürt, wie die Menschheit zu dem wurde, was sie heute ist.

Hape Kerkeling und Gero von Boehm vor der Skyline von New York
Hape Kerkeling und Gero von Boehm vor der Skyline von New York Quelle: ZDF/F. v. Boehm

Es ist 21 Uhr, wir sind in der Altstadt von Jerusalem, in der Grabeskirche, dem größten Heiligtum der Christenheit. Die riesige hölzerne Tür wird krachend geschlossen - und erst um 4.30 Uhr am nächsten Tag wieder geöffnet. Das ist uralte Tradition. Wir sind allein mit dem Golgathafelsen, eine Nacht allein mit all der Geschichte und den Geschichten um das leere Grab und den Salbungsstein, auf dem Jesus für die Bestattung vorbereitet wurde. Die Wirkung des Ortes ist so stark, dass wir uns erst einmal - jeder für sich - in verschiedene Ecken dieser verwinkelten Kirche zurückziehen.

Manche von uns beten. Es ist einer der schönsten Momente dieser ungewöhnlichen Produktion, in der vieles unter derart starken Eindrücken spontan entstanden ist. Ich denke darüber nach, wie es zu alldem kam. Am Anfang war ein Anruf. Hans-Christian Huf vom ZDF fragte mich, ob ich mir Hape Kerkeling als Moderator für eine Reihe über die Geschichte unserer Welt vorstellen könne. Ich fand diese Idee sofort genial. Und wusste, dass Hape sehr viel mehr sein würde als ein Moderator. Denn ich hatte mich öfter mit ihm unterhalten, über Gott und die Welt, kannte seine dezidierten Ansichten zu allem und seinen Zugang zu den großen Themen. Ich wusste: Er hat das gleiche Potential wie ein Peter Ustinov oder Michael Palin von "Monty Python". Hape, ein großer Vermittler, mit dem richtigen Maß an Humor. Das würde dieser Weltgeschichte etwas ganz Besonderes verleihen. In Deutschland gab es so etwas noch nicht. Und mit Hape wollte ich immer schon gern arbeiten...

Hape Kerkeling über den Humor in der Reihe "Unterwegs in der Weltgeschichte".

Macht, Kirche und Kohle

Nun sind wir also in der Grabeskirche. Ich versammle das Team, wir leuchten die Drehorte diskret aus. Und dann erzählt Hape vor dem leeren Christusgrab leise und intensiv die ganze Geschichte dieses magischen Ortes und seiner Bedeutung vor der Kamera. Dann bleiben uns noch ein paar Stunden der Stille, bevor die große Tür sich wieder öffnet. Draußen, im Morgengrauen auf dem noch leeren Platz vor der Kirche, reden wir über die Geschichte des Christentums und Jerusalems, über die Tatsache, dass die drei monotheistischen Religionen, die hier zusammenstoßen, eigentlich so vieles gemeinsam haben. Und darüber, wie unsere deutschen Kreuzritter im Heiligen Land einst wüteten.

Überhaupt ist ja die Weltgeschichte voll von Grausamkeiten. "Eigentlich ging es doch immer nur um Macht, Kirche und Kohle", sagt Hape irgendwann, als wir ein paar Wochen später in der Londoner Westminster Abbey drehen. Ich kann ihm nicht widersprechen. Wir stehen am Sarkophag der englischen Königin Elisabeth I., die einst mit ihrer Flotte die spanische Armada schlug und Maria Stuart köpfen ließ - aber auch das "elisabethanische" Zeitalter einläutete, das William Shakespeare hervorbrachte. Vor dessen Statue im Seitenschiff verbeugt sich Hape und sagt: "Der hat's erfunden, das Theater". Er freut sich schon auf die Studioproduktion, für die wir in Berlin gerade mit großem Aufwand Kostüme herstellen lassen. Hape wird zwanzig historische Figuren spielen, die wir "Hapes Helden" nennen.

Kaffee auf der Spitze der Pyramide

Szenenwechsel. Um vier Uhr früh sind wir in Mexiko City aufgebrochen. Unser Ziel ist Teotihuacan, die alte Aztekenstadt. Dort wollen wir den Sonnenaufgang drehen. Aber jetzt stehen wir erst einmal in der Pampa. Der Fahrer hat eine falsche Straße genommen, im Dunkeln ein Schild übersehen. Keine Ahnung, wo wir sind. Zum Glück wissen wir, in welcher Himmelsrichtung Teotihuacan liegt und lotsen den verzweifelten Mexikaner zum Drehort. Im ersten Morgenlicht baut das Team in Windeseile die Kamera auf. Aber wir wollen ganz oben auf der Sonnenpyramide drehen. In fünfzehn Minuten wird das Licht nicht mehr so sein, wie wir es brauchen. Also klettern Hape und ich, die wir beide weder Sportskanonen noch schwindelfrei sind, mit Todesverachtung und ohne uns umzusehen auf die Pyramide - in Rekordzeit und moralisch unterstützt von Kameramann Alexander Hein. Natürlich ist dieser Blitzaufstieg nicht frei von Komik. Wir lachen, als wir oben ankommen.

Hapes wunderbare Assistentin Elke Krüger bringt sogar seinen geliebten Kaffee auf die Pyramide. Ein Schluck, einmal durchatmen - und es geht los. Das Licht ist jetzt genau richtig, und Hape beginnt seine Moderation, als ob nichts gewesen wäre, erzählt von den zahllosen Menschenopfern, die die Azteken genau an dieser Stelle ihren Göttern darbrachten. Wir werden noch den ganzen Tag in Teotihuacan verbringen, riesige Strecken in dieser größten Stadt des Aztekenreichs überwinden, bei 40 Grad im Schatten. Die Aussicht auf ein paar eisgekühlte Margaritas am Abend macht alles erträglich.

Expedition zur Großen Mauer

Die nächste Etappe ist China. Beim ersten Anlauf hat uns die Aschewolke über Europa einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und jetzt verweigern uns die chinesischen Behörden die Visa. Das große Team sitzt auf gepackten Koffern. Erst am Vorabend der Reise, nach zahlreichen Interventionen beim Botschafter in Berlin, kommen die ersehnten Papiere.

Bis zum letzten Moment ist trotz aller Zusagen nicht sicher, ob wir Teile der Verbotenen Stadt absperren können. Die Summen, die wir dafür zahlen sollen, werden immer höher, die Verhandlungen zäher. Peking ist nicht Aachen. Aber schließlich klappt es, und wir haben den "Mittelpunkt der Erde" für uns. So sahen die chinesischen Kaiser die Verbotene Stadt - und sich selbst. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, auf den riesigen Plätzen und vor den Palästen zu drehen. Das bleibt nicht die einzige Herausforderung. Zwei Tage später werden wir die Große Mauer erklimmen - an der Stelle, wo sie am schönsten ist, aber auch besonders schwer zugänglich. Unser Tross gleicht einer Expedition, der Aufstieg gestaltet sich mühsam. Aber es lohnt sich. Hier oben ahnt man, welche Leistung es war, die Große Mauer zu bauen und damit das riesige chinesische Reich zu einen. Im Dritten Jahrhundert vor Christi Geburt war das und der Erste Kaiser gab die Mauer in Auftrag.

Die Zarin und ihre Liebhaber

Hape Kerkeling als Katharina die GroßeFür diese Rolle, die Hape ein paar Wochen später spielen wird, beobachtet er auf dieser Reise die Chinesen genau und lernt schon mal ein paar Sätze in ihrer Sprache, probiert sie aus. Unsere chinesischen Begleiter sind baff. Einen Europäer, der akzentfrei Chinesisch spricht, haben sie noch nicht gesehen. Unsere Abende verbringen wir mit Gesprächen über Konfuzius und seine Bedeutung bis heute, aber auch über die Vorzüge der chinesischen Küche. Wir lachen viel, als wir darüber nachdenken, wie Hape den Ersten Kaiser spielen könnte.

Und Katharina die Große, deren Palast bei St. Petersburg wir ein paar Tage später besuchen werden. Wie war die Zarin? Was wissen wir über sie? Wie kann man sich dieser Figur mit einem Augenzwinkern nähern? Wir lassen Katharina alias Hape im berühmten Bernsteinzimmer auftreten, Patiencen legend. Auf den Spielkarten sind freizügig gekleidete Männer dargestellt - ihre Liebhaber, die die Macht der Zarin zu spüren bekamen.

Abenteuer Mensch

Die Quintessenz eines Charakters in einem Bild. Und so geht es weiter. Vier Stunden Maske - und Hape wird zu Kleopatra, Königin Victoria und Michail Gorbatschow. Und Geschichte zum unterhaltsamen Erlebnis. Das schließt ernste Momente nicht aus. Auf den Schlachtfeldern von Verdun sind wir sprachlos, brauchen eine Weile, bis wir drehen können. Dann erzählt Hape, zwei vergilbte Fotos in der Hand, von einem deutschen und einem französischen Soldaten, die sich hier vielleicht gegenüberstanden, bevor sie fielen. Wir müssen diese Moderation ein paar Mal wiederholen, weil die Emotion übermächtig wird.

In Pompeji setzen wir uns nach den Dreharbeiten auf eine alte Säule und sprechen darüber, wie die Weltgeschichte weiter gehen könnte, wie ein Film in weiteren 5000 Jahren wohl aussehen würde. Wir kommen zu dem Ergebnis, dass unsere Rasse wohl irgendwann sang- und klanglos von diesem Planeten verschwinden wird wie 99 Prozent aller Arten vor uns. "Aber es lohnt sich, diesen Moment so lange wie möglich hinauszuzögern, indem wir das Richtige tun", sagt Hape. "Das Abenteuer Mensch und die Geschichte sollten doch noch ein bisschen weitergehen."

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