"Ich sehe mich als Türsteher der Wissenschaften"

Professor Harald Lesch im Interview

Vor dem Start des Doku-Zweiteilers Faszination Universum spricht ZDF-Moderator Harald Lesch, Professor für Astrophysik und Naturphilosophie, unter anderem über die Verwandtschaft von Physik und Philosophie und die Zukunft der Energieversorgung. Er verrät, wie er es schafft, sein Publiikum für die komplexe naturwissenschaftliche Materie zu begeistern.

Harald Lesch bei den Aufzeichnungen zu Faszination Universum in Potsdam
Harald Lesch bei den Aufzeichnungen zu Faszination Universum in Potsdam Quelle: ZDF

Was ist das Besondere an "Terra X - Faszination Universum"?

Für mich als Moderator ist das Beste die Umgebung, in der wir drehen. Der Riesen-Refraktor in Potsdam ist ein fantastisches Gerät und wahrscheinlich das schönste Teleskop Europas, vielleicht sogar der ganzen Welt. "Terra X - Faszination Universum" versucht, Kulturgeschichte und Naturwissenschaften so zusammenzubringen, dass die Zuschauer verstehen, woher unser Wissen über die Welt kommt: Wieso betreiben wir Wissenschaften? Wieso interessieren wir uns für den Himmel und was hat dieser mit uns zu tun? Was haben die Wissenschaften des Himmels mit den Wissenschaften der Erde zu tun?

Wie schaffen Sie es, den Menschen komplexe physikalische Zusammenhänge so anschaulich zu erklären?

Das wissenschaftliche Handwerk ist geprägt von etwas unerfreulichen Eigenschaften, nämlich von zähem Messen und Rechnen - der Mathematik. Mathematik ist eine unmenschliche Sprache, die man erst lernen muss, dafür gibt es keine Simultandolmetscher. Ich versuche, eine menschliche Sprache zu benutzen. Ich verbiege meine Muttersprache, um in den Zuhörern das Gefühl von Plausibilität zu erzeugen. Dabei ist mir jeder Kalauer recht! Eigentlich sehe ich mich als ein Türsteher der Wissenschaften: "Gucken Sie mal, was die Naturwissenschaft hier so im Angebot hat." Auch Türsteher müssen sehr gut auf das Publikum eingehen können. Sprache ist also das Allerwichtigste: eine klare, deutliche Sprache ohne Fremdwörter.

Sie beschäftigen sich neben Physik auch mit Philosophie. Lässt sich zwischen Geistes- und Naturwissenschaften eine Grenze ziehen?

Noch vor dreißig oder vierzig Jahren sprach man von zwei Welten: Nach der "Two-Cultures-Theory" gibt es auf der einen Seite diejenigen, die sich mit dem Verstehen und mit Kultur beschäftigen, und auf der anderen Seite diejenigen, die Messungen machen. Davon ist heute keine Rede mehr. Traditionell hat die Physik als experimentelle Philosophie angefangen, und viele philosophische Fragestellungen sind heute physikalische: Was ist die Welt? Woraus besteht die Materie? Wie ist der Kosmos entstanden? Wie ist das mit Raum und Zeit? In mir gibt es keine Trennung zwischen Physik und Philosophie. Methodisch unterscheiden sich die beiden Wissenschaften aber. Physik beschäftigt sich mit Strukturen, die existieren müssen, mit Erfahrung. Philosophie dagegen beschäftigt sich mit Strukturen, die nicht notwendigerweise existieren, sogar metaphysisch sein können. Das ist ein ständiges Wechselspiel.

Eine der beiden neuen Folgen beschäftigt sich mit dem Maß aller Dinge. Was ist denn für Sie persönlich das Maß aller Dinge?

Die ethische Messlatte ist meine Frau. Und dann kommt lange nichts. (schmunzelt) Davon abgesehen ist das Maß aller Dinge für mich der Blick in den Spiegel. Ich möchte von mir sagen können, dass das, was ich tue, in Ordnung ist. In der Sendung geht es darum, wie wir messen. Und um die Geschichte von Menschen, die immer wieder versucht haben, etwas Besseres zu finden, und um die Schwierigkeiten, die damit verbunden waren. Viele Köche verderben das Maßsystem. Anfangs gibt es aber nun mal immer viele Köche, und genau das erzählen wir. Wie man die ganze Welt vermessen hat, und wie vermessen wir sind zu glauben, wir könnten die ganze Welt überhaupt vermessen.

Harald Lesch betrachtet alten Globus bei Fernsehaufzeichnung
Harald Lesch betrachtet alten Globus Quelle: ZDF

In der zweiten Folge geht es um Energie. Wie sieht - im Hinblick auf die Katastrophe in Japan - die Energie der Zukunft aus?

Die Vorgänge in Japan haben uns gezeigt, dass wir vielleicht etwas langsamer werden müssen. Möglicherweise müssen wir bei einer Technologie wie der Kernenergie noch mal ganz schön draufsatteln, um wirklich sicher sein zu können, dass die Kraftwerke funktionieren. Wir haben 400 Kraftwerke auf der Welt. Allein die deutschen Kraftwerke hatten in den letzten Jahren zwischen 100 und 400 meldepflichtige Störfälle - obwohl es die sichersten der Welt sind. Wie sieht das dann bei Kraftwerken aus, die nicht so sicher sind? Nach Fukushima sollten wir uns viel intensiver mit dem Thema auseinandersetzen. Man wird die Kernenergie nicht so schnell komplett abschalten können, dazu ist der Anteil, den sie beitragen, zu groß. Aber die Gesellschaft muss darüber nachdenken, wie sie in Zukunft ihre größte Energiequelle aktiviert - das Sparen! Wenn die Energie immer teurer wird, wird der Effizienzdruck immer größer. Wir haben mit unserem Kernreaktor in über 150 Millionen Kilometer Entfernung, der Sonne, eigentlich genug Energie. Aber wir werden uns gewaltig anstrengen müssen, um diese Energiequelle zu nutzen. Es ist viel zu tun, aber wir können das. Wenn wir uns hinter diese Erneuerbare-Energien-Techniken klemmen, dann wird dieses Land einen Schub erleben wie seit den fünfziger, sechziger Jahren nicht mehr. Davon bin ich fest überzeugt.

Ein großes Thema in der Sendung: Ist ein Perpetuum Mobile denkbar?

Als Professor für theoretische Physik sage ich: Es gibt kein Perpetuum Mobile! Das Perpetuum Mobile ist ein ganz tiefes Missverständnis. Es geht letztlich darum, dass eine Maschine, die einmal angestoßen wird, von sich aus läuft - praktisch ohne Verluste. Vergleichbar mit einem Auto, aus dessen Tank Benzin sprudelt. Aber jeder Vorgang im Universum - egal welcher Art - wird irgendwann zu Ende sein. Das heißt also, dass es die Maschine, die sich aus sich selbst heraus am Leben hält, leider nicht gibt.

Wenn Sie heute nochmals die Wahl hätten, würden Sie sich für den gleichen Lebensweg entscheiden? Ich würde heute nicht mehr studieren. Dieses irrsinnige Bachelor-Master-System ist viel zu hart, das haben die Studenten nicht verdient. Aber wenn die Universitäten genauso wären wie zu meiner Zeit, dann schon. Wir sind sehr offen empfangen worden, es gab keine Eingangstests, keine Bewerbung. Heutzutage ist das ein Eiertanz. Will man nach drei Jahren Bachelor-Studium den Master machen, dann muss man sich wieder bewerben. Wir haben Vordiplom gemacht, mehr schlecht als recht, und dann machte man einfach weiter, von den Noten war nie wieder die Rede. Niemand weiß von mir, wie ich meinen Quantenmechanik-Schein gemacht habe. Zum Fernsehen bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Ich verdanke das einem reinen Glücksfall. Damals bin ich für einen Kollegen eingesprungen, der sich nicht im Fernsehen blamieren wollte. Ich selbst hatte damals keinen persönlichen Bezug zu Fernsehstudios. Aber ich genieße die Arbeit im Studio sehr. Es ist ein besonderer Moment zu sehen, dass alle Leute exakt am gleichen Seil ziehen.

Was macht Ihnen mehr Spaß: die Arbeit an der Uni oder das Moderieren im Fernsehen?

Das Schöne an meiner momentanen Situation ist: Niemand stellt mich vor die Wahl zwischen Lehre und Fernsehen! Ich kann alles machen, ohne dass ich irgendwie das eine lassen muss und das andere zu tun habe. Ich würde eigentlich am liebsten alles so lassen. Wenn ich aber wählen müsste, würde ich immer die Lehre wählen: Ich darf über mehrere Semester die Entwicklung von jungen Leuten verfolgen - das reizt mich am meisten. Die Forschung hat allerdings den großen Nachteil, dass sie einen sehr einsam macht. Deswegen bin ich froh, dass ich das Fernsehen habe. Es ist unglaublich angenehm, mit Menschen zusammenzuarbeiten und gemeinsam ein Projekt zu haben, das auch irgendwann zu Ende ist. Der wissenschaftliche Forschungsprozess ist dagegen ein ewig währendes Weitergehen, ohne zurückzublicken. Man hat eine Frage beantwortet, und diese Antwort wirft automatisch wieder zwei neue Fragen auf.

Was erhoffen Sie sich von der Sendung?

Über das Universum gibt es immer Gutes und Schönes zu erzählen. Es wäre schön, wenn wir möglichst viele Zuschauer erreichen. Die Sendungen werden richtig gut, und auch in Zukunft werden uns die Themen nicht ausgehen.

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