"Ich will erhalten, was ich so sehr liebe"

Interview mit Tier- und Naturfilmer Andreas Kieling

Er ist seit mehr als 20 Jahren als Dokumentarfilmer der Natur auf der Spur: Andreas Kieling war schon auf der ganzen Welt unterwegs, um Flora und Fauna im Bild festzuhalten. Oft ist seine treue Hündin Cleo mit dabei - wie beim Dreh zu "Wildes Deutschland".

Andreas Kieling inmitten eines Mohnfeldes
Andreas Kieling inmitten eines Mohnfeldes Quelle: ZDF,Andreas Kieling

ZDF: In den beiden neuen "Terra X"-Filmen durchstreifen Sie Deutschland. In welchen Regionen sind Sie unterwegs?

Kieling: Wir wandern durch ganz Deutschland, von den Alpen bis zum Wattenmeer, von der Eifel bis in den Oderbruch an die polnische Grenze und wir besuchen alles, was dazwischen liegt. Es geht um Steinböcke, um Murmeltiere, um die großen Zugvogelschwärme im Wattenmeer und um Feldhamster zwischen Mannheim und Heidelberg, die ich besonders spannend finde. Es geht um Wölfe in der Lausitz auf einem Truppenübungsplatz im äußersten Südosten Deutschlands. Es geht um Seeadler, um die größte Wildpferdeherde Europas, um den Luchs, die Wildkatze, um den Rothirsch, um Wildschweine, um Tiere in der Stadt und um riesige Fische, die wieder in unseren Gewässern leben.

Warum ist Deutschland so reich an Natur? Warum gibt es so viele Arten? Warum sind so viele Tiere und Pflanzen in der Lage, an den Menschen angepasst ihr Auskommen zu finden? Diesen und vielen anderen Fragen gehen wir nach. Wir machen eine Art Inventur der Natur und unsere Kernfrage ist: Wo stehen wir heute mit unserer Natur, mit unseren Tieren, mit unseren Pflanzen, mit unseren Landschaften? Wer sind die Gewinner, wer sind die Verlierer? Wer ist gekommen, wer ist vielleicht für immer gegangen und warum?

ZDF: Sie waren schon überall auf der Welt, um Tiere und Natur zu dokumentieren. Ist es da in Deutschland nicht ein bisschen langweilig?

Kieling: Ganz und gar nicht. Vielen Deutschen ist es gar nicht mehr bewusst, dass wir in einem der abwechslungsreichsten und artenreichsten Länder der Erde leben. Wir haben die unterschiedlichsten Lebensräume. Wir haben viele Tiere, die mittlerweile in urbanen Gebieten leben. Wir haben große Schutzgebiete, die vielen Tieren eine neue Heimat geben. Und das milder werdende Klima bringt immer mehr Arten nach Mitteleuropa. Seit gut 20 Jahren verzichten wir in Deutschland auf extreme Spritzmittel und Umweltgifte, was vielen Tieren sehr gut getan hat. Dies hat uns eine deutlich artenreichere Flora und Faune beschert, als wir sie noch vor 20 oder 30 Jahren hatten.

Junger Wolf
Junger Wolf Quelle: ZDF,Andreas Kieling

Wenn ich durch Alaska wandere, erlebe ich eine grandiose Landschaft, atemberaubend, mit wenigen Tieren. Aber die Tiere, die mir begegnen, sind sehr charismatisch: Elche, Grizzlys, Wölfe. Wandere ich durch Deutschland, bin ich in den unterschiedlichsten Regionen unterwegs. Ich schätze, ich bin letztes Jahr für diese Filme ungefähr 2800 bis 3000 Kilometer mit Rucksack und Cleo gewandert. Ich bin aber auch insgesamt 58.000 Kilometer mit dem Auto gefahren, um in den unterschiedlichen Jahreszeiten bei verschiedenen Wetterbedingungen an die schönen Drehorte zu kommen. Viele Tiere in Deutschland sind dämmerungs- und nachaktiv und sehr scheu. Man braucht einen langen Atem, um sie wirklich perfekt vor die Kamera zu bekommen.

ZDF: Was hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten überrascht?

Kieling: Meine größte Erkenntnis war, dass selbst die wildesten Tiere in Deutschland, egal ob Uhus, Seeadler, Wölfe, Luchse, große Raubfische wie der Wels oder der Hecht, oder auch scheue Tiere wie der Schwarzstorch, die Großtrappe, Murmeltiere oder Steinböcke, dass all diese Tiere bereit sind, mit uns Menschen in Koexistenz zu leben. Früher dachte man, dass diese Tiere nur noch in den letzten und dunkelsten Schluchten irgendwelcher Mittelgebirge existieren können, weil sie so scheu sind. Aber sie waren deshalb dort, weil der Mensch sie dahin vertrieben hat. Weil das ihre allerletzten Rückzugsgebiete waren. Die Tiere sind dazu bereit, mit uns zu leben, aber wir Menschen müssen es auch sein.

Am meisten überrascht haben mich die Entwicklungen vieler Arten. Es gibt mehr positive als negative Beispiele. Ein negatives Beispiel ist, dass immer noch viele Tiere überfahren werden. Wir haben ein sehr dichtes Straßennetz. Positiv ist, dass wir wieder mehr Arten in Deutschland haben und dass es bedrohten Arten wieder recht gut geht. Allen voran vielen Insekten, Kleinvögeln aber auch großen Vögeln. In der alten Bundesrepublik gab es vor 30 Jahren nur noch drei Seeadlerpaare. Mittlerweile haben wir wieder fast 600 Paare. Das ist eine tolle Entwicklung.

Ähnlich gut sieht es bei den Kranichen aus, die sich in Deutschland wieder sehr wohl fühlen und vermehren. Und es gibt eine Rückwanderung der Wölfe. Wölfe dürfen in Deutschland nicht bejagt werden, während das in Polen und Tschechien noch möglich ist. Sie merken, dass sie hier sicherer sind und kommen wieder in unser Land. Deutschland ist außerdem sehr wildreich, bietet eine gute Nahrungsgrundlage. Viele Vogelarten, Fledermäuse, Kleinraubtiere wie Marder, Füchse, Iltisse, Dachse - davon gibt es in Deutschland deutlich mehr als noch vor 30 Jahren.

ZDF: Was ist mit dem Feldhamster?

Kieling: Der Feldhamster ist ein Beispiel für mich, wie schnell es mit einer Tierart zu Ende gehen kann. Von einem Volksschädling zu einem, der nur noch in wenigen Gebieten vorkommt. Man denkt, ein Feldhamster stellt keine großartigen Ansprüche, weder an seinen Lebensraum noch an sein Futter. Früher, zu Zeiten der Dreifelderwirtschaft, als wir ein Jahr Getreidefrucht, ein Jahr Hackfrucht und ein Jahr Brache hatten, hat sich der Feldhamster richtig wohl gefühlt. Diese Kleinfelderwirtschaft gibt es heute aber nicht mehr, und so wurde aus einem Allerweltstier in relativ kurzer Zeit ein Tier, das als stark gefährdet auf der Roten Liste steht. In meiner Kindheit gab es für ein Hamsterfell 50 Pfennig. Heute beträgt der wirtschaftliche Wert eines Hamsters ungefähr 8000 Euro, wenn man es in Cent und Euro rechnen würde.

ZDF: Man hört immer wieder, dass die Natur und die Tiere bedroht sind. Wie ist es um Deutschland bestellt?

Kieling: Die Talsohle des Artensterbens ist durchschritten. Deutschland ist auf einem guten Weg. Es gibt wieder mehr Arten, die einzelnen Arten haben lebensfähige Populationsstärken. Der Naturschutzgedanke ist in Deutschland auch ganz weit vorne, im Vergleich zur Welt. Natürlich leben Tiere in Schweden oder in Kanada ursprünglicher und in naturbelasseneren Gebieten. Wir leben in einem der am dichtest besiedelten Länder der Erde, wir sind eine der führenden Wirtschaftsnationen und dafür sind wir mit unserem Naturschutz und mit unserer Artenvielfalt extrem gut aufgestellt.

ZDF: Spüren Sie in Deutschland eine Naturverbundenheit?

Kieling: Es gibt in Deutschland eine große Sehnsucht nach der Natur. Nach dem Wald, nach den Wildtieren. Das hat einfach damit zu tun, dass wir in einer extrem rabiaten, zum Teil auch unfairen Ellenbogengesellschaft leben, in der wir oft gar nicht mitkommen. Es gab noch nie so viele Menschen mit einem Burnout-Syndrom wie momentan. Und das hat ja seine Ursachen. Also versuchen wir im Wald, in der Natur genau das Gegenteil zu suchen und zu erkennen, nämlich Harmonie, Romantik, Fairness, friedliches Miteinander. Wir interpretieren da sehr viel rein, wir unterscheiden in Gut und Böse, in Hübsch und Hässlich, für uns ist die Natur das Reine, Saubere, das Unverbrauchte, das Harmonische, das Glückliche, das Perfekte. In der Natur gibt es so etwas wir Hass, Neid, Missgunst Vergeltung nicht. Es gibt keine Belohnung noch Strafen, es gibt nur Entwicklungen und Folgen.

ZDF: Sie sind seit mehr als 20 Jahre als Dokumentarfilmer der Natur auf der Spur. Was ist Ihr Anliegen?

Kieling: Tierfilmer zu sein ist eine große Leidenschaft. Die hat man einfach in sich. Ich schaue nie auf die Uhr, wann endlich Schluss ist, wann ich nach Hause gehen kann. Ganz im Gegenteil, ich kann es oft gar nicht erwarten, dass es am nächsten Morgen wieder hell wird und ich weiterdrehen kann. Ich versuche, den Menschen die Natur auf eine authentische, manchmal auch abenteuerliche Weise wieder näherzubringen. Das ist ein guter Weg, den Naturschutzgedanken über ein Gesicht, eine Person eine Marke weiterzustreuen.

Ich bin natürlich ein großer Tierfreund. Tiere sind mein Leben. Ich fühle mich in der Natur eigentlich wohler als in der Stadt. Und daraus resultiert alles andere. Dass ich bestrebt bin, das zu erhalten, was ich so sehr liebe. Und trotzdem bin ich dabei Realist. Insofern ist meine Botschaft eine ganz einfache: Wir sind ein Teil der Natur, wir haben uns zum Teil recht weit von ihr entfremdet, momentan gibt es wieder ein Anfreundung, man setzt sich wieder mit der Natur auseinander und findet sie heilsam, fair, romantisch, besuchenswert, man kann wieder staunen. Einige haben wieder das Gefühl: Wir sind doch eins mit der Natur. Wir sehen uns leider zu oft als Fremdkörper. Die Gesetzmäßigkeiten, nach denen wir leben, kommen aus der Natur.

Andreas Kieling mit seiner Hündin Cleo
Andreas Kieling mit seiner Hündin Cleo Quelle: ZDF,Andreas Kieling

ZDF: Wer sind Ihre wichtigsten Begleiter, wenn Sie Dokumentarfilme drehen?

Kieling: Je mehr Menschen in einem Team sind, desto unruhiger geht es zu und desto "unnormaler" benehmen sich die Tiere, weil sie sich bedroht fühlen. Es wäre eigentlich am Besten, wenn ich alleine wäre, aber das geht natürlich nicht. Es ist immer ein zweiter Kameramann dabei, der aus der Distanz filmt, wie ich die Tiere filme. Und es gibt noch einen Tonmann beziehungsweise Kameraassistenten. Wichtig ist also Frank, der zweite Kameramann, mit dem ich schon seit Jahren zusammenarbeite. Wir sind ein eingespieltes Team und wissen, wie wir uns in der Wildnis verhalten müssen, ohne die Tiere zu stören.

Am wichtigsten aber ist Cleo. Sie ist meine treueste und ehrlichste Begleiterin. Die Sinnesleistungen eines Jagdhundes sind denen eines Menschen weit überlegen. Sie kann Dinge wahrnehmen und anzeigen, die wir so nie gefunden oder bemerkt hätten. Bei den Dreharbeiten gab es eine große Rettungsaktion für Cleo. Wir hatten im Hochgebirge eine so schwierige Kletterpassage, bei der Cleo nicht mehr in der Lage war, über die riesigen Felsblöcke zu springen. Also habe ich sie mir auf die Schultern geladen, zusätzlich zu meiner schweren Filmausrüstung und habe sie in 3000 Metern Höhe über die Felsen getragen. Ich glaube, das hat sie mir nie vergessen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet