Im Angesicht der Eisbären

Bericht über die Dreharbeiten am Polarkreis

Knapp über dem 66. Breitengrad verläuft der Polarkreis, die letzte Grenze unserer Erde und eine Welt aus Eis und Schnee. Wer sich in diese Regionen begibt muss wirklich wetterfest sein, es sei denn, man reist im Sommer - wie wir, mit der "Dagmar Aaen", dem Expeditionsschiff des Abenteurers und Polarexperten Arved Fuchs.

Doch bevor man mit diesem Schiff eine Reise antritt, wird man zum Probeliegen eingeladen, in den Flensburger Museumshafen. Kein Witz. Erst an Bord wird uns klar, warum uns Arved Fuchs unbedingt erst unsere Kabinen zeigen wollte, bevor wir mit ihm nach Grönland segeln: Die Kojen haben die Größe einer schmalen Holzkiste, sind fensterlos, und schon beim Besteigen derselben fragt man sich, ob man hier je wieder herauskommt. Mann kommt: und zwar mit den Füßen zuerst. Ansonsten sind wir vollauf begeistert von dem antiken Charme dieses ehemaligen Haikutters. Das Holzschiff wurde 1931 für den Einsatz im Nordatlantik gebaut. Die Fahrt kann kommen …

Kein Platz für Eitelkeiten

Was es wirklich heißt, auf hoher See in diesen Kojen zu schlafen, erleben wir dann einige Wochen später. Das Ziel unserer Expedition: der Scoresbysund an der Ostküste Grönlands, tausende Kilometer von Deutschland entfernt. In unserer ersten Nacht an Bord schaukelt es schon recht ordentlich. Wie die Ölsardinen liegen wir im Bauch des Schiffes, eingepackt in warme Schlafsäcke, jeder in seiner Koje. Ein merkwürdiges Gefühl. Bis auf das tosende Geräusch der Wellen, die neben uns an die Schiffswand peitschen, und dem gleichmäßigen Tuckern des Motors, ist es vollkommen ruhig. Am nächsten Morgen weckt uns das Geklapper in der Küche und der Duft von frischem Kaffee. Einer nach dem anderen strecken wir unsere Füße aus den Kojen und stehen im nächsten Moment zwischen Frühstückstisch und Herd. Platz für Eitelkeiten gibt es hier nicht - es ist verdammt eng, aber gemütlich.

Dreharbeiten an Bord des Expeditionsschiffs
Dreharbeiten an Bord der "Dagmar Aaen" Quelle: ZDF


An Deck weht ein frischer Wind, der Himmel ist fast wolkenfrei und die Aussicht gigantisch! Wir steuern auf riesige Eisberge in relativ ruhiger See zu. Breit verstreut liegen die weißen Giganten auf unserem Weg in den Scoresbysund. Je weiter wir in das Fjordsystem vordringen, desto beeindruckender zeigt sich die Landschaft. Steile, schroffe Berghänge und vereinzelte Gletscherzungen des grönländischen Inlandeises säumen den Weg. Und: immer mehr Eis. So wunderschön die Formenvielfalt der kleinen und großen Eiskolosse auch anmutet, so Respekt einflößend wirken sie aus der Nähe. Schließlich ragt immer nur ein Achtel der Eisbrocken an der Wasseroberfläche heraus. Zum Glück befinden wir uns auf einem eis- und sturmerprobten Schiff, in den Händen eines extrem erfahrenen Kapitäns: Arved Fuchs. Hochkonzentriert navigiert er uns durch das Eis. Wir konzentrieren uns unterdessen auf unsere Dreharbeiten in dieser einzigartigen Kulisse.

Privatspähre in der Holzkiste

Das Wetter meint es während der gesamten Reise gut mit uns. Bis auf ein paar Wolken bleiben wir verschont von Stürmen, Regen und Nebel, die in dieser Polar-Region nicht ungewöhnlich sind. Wahrscheinlich sind es die kühlen Temperaturen und die geballte Ladung Frischluft an Deck, die bei uns vor allem zwei Dinge bewirken: großen Appetit und das Bedürfnis, vergleichsweise früh in die Koje zu klettern. Bei ersterem Verlangen leistet unser Schiffskoch Abhilfe, der auf einem winzigen Herd jeden Tag Köstlichkeiten auf den Tisch zaubert. Mit dem Schlafbedürfnis geht es uns zum Glück nicht anders als der Mannschaft – wohl auch bedingt durch den Wunsch nach ein bisschen Privatsphäre, wenn auch nur in einer Holzkiste.


Dass die Wetterlage am Polarkreis auch gänzlich anders sein kann, erfahren wir in Kaktovik. Aber davon später. Zunächst einmal muss man nach Kaktovik kommen. Und das ist nichts für Menschen, die nicht gerne fliegen: Hamburg – Frankfurt – Seattle – Fairbanks – Deadhorse – Kaktovik lautete unsere Reiseroute, und von Flug zu Flug wurden die Maschinen kleiner. In Deadhorse fragt man sich unweigerlich, ob die Reise hier schon zu Ende ist, denn einsamer geht’s eigentlich nicht mehr. Deadhorse ist das Drehkreuz für Alaskas Ölarbeiter. Von hier aus geht es nur noch weiter auf die gigantischen Plattformen im Polarmeer – oder eben nach Kaktovik.

Die Könige der Arktis

Eisbär
Eisbären sind die Verlierer des Klimawandels. Ihre Zahl nimmt drastisch ab. Quelle: ZDF/ Christopher Gerisch

300 Menschen, die meisten von ihnen Inuit, leben dort am Rande der Beaufort See und rund 100 Eisbären – der Grund unserer langen Anreise. Denn in Kaktovik können Wissenschaftler und wir die Tiere aus nächster Nähe beobachten, einmalig in der Welt. Mit einem kleinen Boot dürfen wir uns ihnen nähern. Und plötzlich wird einem bewusst: Das sind nicht Knut und seine Kameraden, sondern das sind die Könige der Arktis; sie leben hier in ihrem Reich. Wir beobachten zwei Mütter mit ihren Jungen. Die Mütter trotten gemächlich an unserer Kamera vorbei, die Jungen toben wie wild. Wir staunen und machen wunderschöne Aufnahmen. Selten hat man das Glück, bei seiner Arbeit derart überwältigt zu werden. Aber die Momente im Angesicht der Eisbären haben sich ganz tief in unser Gedächtnis eingebrannt.


Und wir sollten eigentlich noch eine zweite Chance bekommen. Wenn das Wetter mitgespielt hätte. In unserem winzigen Hotel, das einer Ansammlung von Containern glich, brach an einem Morgen plötzlich eine gewisse Unruhe aus. Schon der Blick aus meinem Hotelfenster hatte nichts Gutes zu bedeuten: ich sah NICHTS. Und tatsächlich: Walt, unser Hoteldirektor, verkündete, dass ein Blizzard, ein heftiger Schneesturm, im Anmarsch sei. Seiner Meinung nach würde es drei bis vier Tage dauern, ehe es vorüber sei. So lange kommt und verlässt kein Flugzeug Kaktovik. Es war die zweite Information, die uns kurzfristig in Panik versetzte. Wir wollten am nächsten Tag zurück nach Deutschland fliegen, wir hatten alle Termine und überhaupt: Wer will vier Tage in Kaktovik im Schneesturm festsitzen? Doch wir hatten die Rechnung ohne Walt gemacht: Für alle, die heute noch unbedingt weg wollten, würde er ein Flugzeug organisieren, wenn das Wetter es mitmacht. Es begannen bange Stunden des Wartens. Eigentlich wären wir jetzt draußen bei den Bären, aber das hatte sich erledigt. Jetzt saßen wir in der Lobby auf zerschlissenen Sofas, bereit für den Abflug.

Glücklich in Deadhorse

Und tatsächlich, plötzlich kam Bewegung in die Runde. "In zwanzig Minuten", brüllte Walt, "ist der Flieger hier." Der letzte für längere Zeit … Hektisch packten wir unsere Koffer und Kisten und schon ging es zum Flugplatz - soweit man diese weiße Fläche inmitten von nichts so nennen darf. Egal. Wir waren in Alaska, die Piloten wissen, was sie tun und werden uns schon rausholen. Es war mittags um zwei, aber schon so dunkel, als ginge der Tag gerade zu Ende. Wir starten. Wir fliegen. Plötzlich reißt der Himmel auf, und die Sonne scheint. Der Spuk ist vorbei. Niemals zuvor waren wir bei einer Landung so glücklich wie in Deadhorse.

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