Im bolivianischen Hochland

Haenke, der Mann ohne Heimweh

Von Lima im heutigen Peru zieht der Ruhelose vorbei an den alten Städten des Inka-Reiches, hinauf zum bolivianischen Hochland. Hier im Bergland zwischen den feuchtheißen Urwäldern des Amazonas-Beckens und der Wüste an der Küste wird Thaddäus Haenke seine zweite Heimat finden.

Auf seinem Weg zeichnet der so vielfältig begabte Universalgelehrte die verfallenen Zeugnisse untergegangener Kulturen und nimmt überall Untersuchungen vor. Die Spanier hatten den Kontinent in blinder Gier nur ausgebeutet, jetzt erst wird Lateinamerika für die Wissenschaft entdeckt. Umfangreiche Skizzenbücher dienen als Grundlage für geplante Publikationen über die noch unbekannte Geografie und Topografie der Anden.

An der Leistungsgrenze

Schon Jahre vor dem berühmten Zeitgenossen und Forscherkollegen Alexander von Humboldt besteigt Haenke die höchsten Berge des Kontinents. Im Riesengebirge hat er als Student das Klettern gelernt, aber die Schluchten der Anden bergen neue ungeahnte Gefahren. Die Besteigung des Vulkans Misti bringt Haenke an seine Leistungsgrenze. Der Gipfel misst 5800 Meter - wie man heute weiß. Das Unternehmen droht, wegen des schlechten Wetters zu scheitern. Doch die Aussicht auf spektakuläre Forschungsergebnisse hat die letzten Kräfte mobilisiert.

An einem Berghang entdeckt Haenke die Pflanze mit der größten Blüte der Welt - die Riesenbromelie Puya Raimondi. Sie erreicht eine Höhe von 15 Metern und wird über 100 Jahre alt. Insgesamt sammelt und trocknet der Botaniker Haenke viele Tausende von Pflanzen. Seine Beobachtungen hält er in präzisen Zeichnungen fest. Thaddäus Haenke wird auf südamerikanischem Boden Wurzeln schlagen und niemals nach Europa zurückkehren: Das ist gleich bedeutend mit Verzicht auf akademischen Ruhm und Karriere.

Stadt des "ewigen Frühlings"

Das 2500 Meter hoch gelegene Cochabamba gilt als Stadt des "ewigen Frühlings". Doch aus dem einst verschlafenen Provinznest ist eine lärmende Metropole geworden. Trotzdem hat Haenkes alte Wirkungsstätte bis heute überlebt - als zwielichtige Spelunke. Als der Abenteurer aus höherer Berufung nach jahrelangem Herumziehen in der Stadt eintrifft, scheint sein zukünftiges Leben in geordneten Bahnen zu verlaufen. In der provinziellen Gesellschaft erweckt der Fremde mit seinen exotischen Neigungen Neugierde; man lädt ihn anfangs gern zu sich ein. Doch nach dem ungebundenen Reisen fällt das neue Leben nicht leicht. Haenke bleibt Außenseiter und die Honoratioren misstrauen ihm. Was führt dieser Ausländer im Schilde?

Außerhalb der Stadt findet er ein abgelegenes Haus. Er hat umfangreiche Sammlungen mitgebracht, die jetzt nach wissenschaftlicher Auswertung verlangen. Der Landsitz scheint ideal. Und er gibt bei seinem Bruder in Österreich eine ungewöhnliche Bestellung auf. Auch in der Fremde verzichtet der hoch begabte Musiker nicht auf sein liebstes Hobby: Er hat sein Klavier über Meere und Gebirge heranschaffen lassen. Jetzt bittet er um die neuesten Noten von Haydn, Mozart und anderen "modernen" Komponisten.

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