Im Dienst des Pharao

Am Rande der Belastbarkeit

Es ist kaum vorstellbar, dass die spektakulärsten Bauwerke der Menschheit im Verlauf nur eines Jahrhunderts erfunden und bis zur Vollkommenheit perfektioniert wurden.

Die frühen ägyptischen Könige bestattete man noch in der Erde, unter schlichten Lehmziegelbauten, so genannten "Mastabas".

Geniestreich der Architektur

Um 2600 vor Christus kam der Baumeister Imhotep auf den Gedanken, mehrere Mastabas zu einem imposanten Monument aufeinander zu türmen - ein Geniestreich der Architektur und der Staatsraison. Zur Verherrlichung seines Pharaos Djoser entwarf er die erste wahre "Himmelstreppe", die älteste Pyramide der Welt.

Unter Cheops' Vater, dem großen Pharao Snofru, vollbrachten die Baumeister eine statische Meisterleistung. Hier vollzog sich ein plötzlicher Technologiesprung. Snofru baute nicht nur eine, sondern drei mächtige Pyramiden im Verlauf von kaum 30 Jahren. Doch erst sein Sohn Cheops schuf das Weltwunder. Kaum besteigt er den Thron Ägyptens, legt er schon den Grundstein seines Tempels. Ihm wird die Kraft zugesprochen werden, Wunder zu vollbringen. Nur Eingeweihte kennen seine Pläne. Cheops nutzt das Wissen seiner Vorväter und doch lässt er sich von einer überragenden Vision, von einem neuem Geist leiten.

Tausende Tonnen Stein

Während sein Bau Lage um Lage in den Himmel wächst, konstruieren die Erbauer im Innern ein regelrechtes Labyrinth. Für jede Kammer und jeden Gang müssen an genau der richtigen Stelle Hohlräume ausgespart werden. 16 Jahre mussten von mehr als 25.000 Arbeitern an jedem Tag Tausende Tonnen Stein gebrochen, geschnitten und auf die Baustelle gezogen werden. Weder Kräne noch Hebel waren damals erfunden. Wie also schafften sie ihr Pensum?

Ägyptologe Zahi Hawass kennt einen schwer zugänglichen Ort oberhalb der Königskammer. Am Ende der Großen Galerie entdeckte der Engländer Davidson im 18. Jahrhundert eine unscheinbare Öffnung. Er vermutete dahinter Geheimräume. In Wirklichkeit waren es fünf übereinanderliegende Hohlräume zwischen Dachblöcken der Grabkammer mit 4500 Jahre alten Hieroglyphen, die Graffiti der Pyramidenarbeiter.

"Die Großartigen"

Der Schlüssel zur enormen Leistungsfähigkeit scheint in der Organisationsform der Arbeiter gelegen zu haben. Jeder Trupp bestand aus 1000 Arbeitern. Diese Trupps teilten sich wieder in kleinere Einheiten, die sie "Phyle" nannten. "Phyle" ist ein griechisches Wort, das "Sippe" bedeutet. Jede bestand wiederum aus 200 Mann. Die Truppen gaben sich aufschlussreiche Namen: "Die Großartigen", "Die Grünen", "Die Ausdauernden". Militärisch aufeinander eingeschworen, schienen sie im Wettstreit miteinander zu stehen und über einen ausgeprägten Teamgeist zu verfügen: eine entscheidende Erklärung für das enorme Tempo beim Bau der Pyramide.

Unterhalb des Giebeldaches in der obersten Entlastungskammer fand man einen Schriftzug, der bei Ägyptologen Begeisterung auslöste. Es war das erste Mal, dass man den Namen des Cheops in der Pyramide geschrieben fand: Khufu - in einer Kartusche. Danach das Wort "de ha peru" und "sen su", was die "Truppe" bedeutet. Dies ist der Name eines der Arbeitertrupps, welche die Pyramiden gebaut haben - sie nannten sich "die Freunde des Cheops". Waren nun also jene Menschen, die jahraus, jahrein hier arbeiteten, keine Armeen von Sklaven? Überraschenderweise lebten sie sogar mit Frau und Kindern in festen Häusern und Siedlungen. Die Schwerstarbeiter genossen diesen Vorzug nicht. Die meisten waren Saisonarbeiter vom Land und lebten in großen Zeltlagern.

Überlastete Wirbel, zerstörte Gelenke

Alle zwei bis drei Minuten musste einer der riesigen 2,5 Tonnen schweren Blöcke in das Denkmal eingearbeitet werden. Und dies ohne Pause, sieben Tage die Woche, 30 Jahre lang. Knochenfunde machen deutlich, dass die Menschen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gingen. Die begrabenen Arbeiter starben im Alter von 30-35 Jahren. Extreme Belastung hatte viele der Gelenke zerstört, die Rückenwirbel ruiniert. Unfälle waren an der Tagesordnung. Rutschte ein tonnenschwerer Steinquader ab, und zerquetschte Arme oder Beine eines Arbeiters, dann blieb nur die Amputation, um das Leben des Menschen zu retten.

Funde zeigen, dass Personen noch viele Jahre nach der Operation gelebt haben müssen. Niemand hätte geglaubt, dass man diese Amputationen vor 4500 Jahren überleben konnte. Hätte man Sklaven so gut versorgt und beigesetzt? Der Bericht des griechischen Historikers Herodot über eine 100.000 Mann starke Sklavenarmee trifft demnach nicht zu.

Reise in die Ewigkeit

Was aber motivierte die alten Ägypter, ihre ganze Lebenskraft in den Dienst des Pharao zu stellen? Hier bei ihm in die Ewigkeit einzugehen, verhieß auch den Arbeitern ein Weiterleben im Jenseits. Mit dem Gottkönig ging der große Menschheitstraum von Unsterblichkeit in Erfüllung. Osiris, der Gott der Unterwelt, schien die Seele gnädig aufzunehmen.

Grandiose Beschreibungen der Himmelfahrt tauchen erst 200 Jahre nach Cheops auf. Ihre Könige beerdigten die Ägypter Jahrhunderte lang mit einem gigantischen Kult. Im Taltempel begann die Reise in die Ewigkeit. In feierlicher Prozession wurde der Sarkophag mit der Mumie des Pharao in den Totentempel hinaufgetragen. Einst gab es einen überdachten Tunnel. Sterne an der Decke dienten als Wegweiser in das Reich der Toten. Wo aber blieben die sterblichen Überreste der Herrscher? Bis heute fand man keine Mumie, in keiner der Pyramiden.

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