Im Reich der Rentiere

Nomadenvölker in Sibirien

In Sibirien ist jede Landschaft eine eigene Herausforderung - für die Tier- und Pflanzenwelt, aber auch für die Menschen, die hier leben. In der eisigen Tundra im Norden haben sich die Menschen ein Tier als unverzichtbaren Partner gewählt: das Rentier.

Nomade mit Rentiergespann im Winter Quelle: ZDF

Die Sommer in Sibirien sind kurz, die Winter lang und bitterkalt. Ohne das Rentier könnten die Menschen hier nicht existieren. Sie ziehen mit den Herden mit, die auf der Suche nach immer neuen Weidegründen gewaltige Strecken zurücklegen.

Meister der Langstrecke

Rentiere sind perfekt an das Leben in Sibirien angepasst. Als Nahrung dient ihnen, was die baumlose Tundra und die nördlichen Waldgebiete an pflanzlicher Nahrung liefern: Flechten, Gräser, Pilze, Blätter und Beeren. Nur zwei bis vier Monate dauert die Vegetationsperiode, doch Moose und Flechten bleiben unter der Schneedecke geschützt und ernähren die Rentiere, bis der Sommer kommt. Die großen Distanzen, die sie für die Nahrungssuche zurücklegen, meistern sie mit speziellen Gehwerkzeugen: breite Klauen, die die Tiere weit spreizen können. Im Winter kommen sie damit über jede Schneewehe.

Im Sommer, wenn der Permafrostboden antaut und weite Teile der Tundra sumpfig werden, sind die Spreiz-Senkfüße optimal an die Fortbewegungsart der Rentiere angepasst. Dank ihrer Füße sind sie auch ausgezeichnete Schwimmer: Sie funktionieren ähnlich wie die Paddel einer Ente und erleichtern das Überqueren von Flüssen.

Nomadenzelte Winter Quelle: ZED

Das Nutztier der Nomaden

Vor Jahrtausenden begannen die Menschen, den Rentieren auf ihren Wanderungen zu folgen, sie wurden zu Nomaden. Die Rentiere liefern ihnen noch heute fast alles, was sie zum Leben brauchen, sie bilden die Grundlage für Nahrung, Kleidung und Werkzeuge. Die Tiere können in riesigen Herden gehalten werden - eine Art lebendige Vorratskammer. Sich daraus zu bedienen ist allerdings nicht ganz einfach, denn Rentiere lassen sich nicht ohne Weiteres fangen. Die ausgewachsenen Tiere wehren sich mit aller Kraft gegen die Gefangenschaft, und ihre Geweihe können schmerzhafte Wunden reißen. Einem geübten Hirten entkommt jedoch keines der Tiere, auch nicht das bockigste. Heute stellen viele Nomaden ihre Kenntnisse in den Dienst von Rentierzüchtern. In der milden Jahreszeit gilt es, verletzte Tiere einzufangen, um sie aufzupäppeln und für den nächsten Winter fit zu machen.

Nomade kämpft mit Rentier Quelle: ZED

Nicht nur das Fleisch der Tiere wird genutzt. Aus der fetthaltigen Milch werden Butter und Käse gewonnen. Aber vor allem das Fell macht den sibirischen Winter für die Menschen überhaupt erträglich. Aus Rentierhaut, die mit der Fellseite nach außen getragen wird, nähen die Nomaden ihre gesamte Kleidung, vom Scheitel bis zur Sohle. Einige von ihnen ziehen mit ihren Herden das ganze Jahr über durch die Tundra.

Kollektivierung unter den Sojwets

Das Leben der sibirischen Nomadenvölker wurde durch die Gründung der Sowjetunion 1922 mit gewaltigen Problemen konfrontiert. Stalins Ziel war es, die indigenen Gesellschaften zu modernisieren und die Landwirtschaft zu kollektivieren. Die Menschen wurden enteignet und in feste Siedlungen gezwungen. Denn als Nomaden erwirtschafteten sie keine Überschüsse für die Gemeinschaft.

Auch der Schamanismus passte nicht zur atheistischen, fortschrittsgläubigen Ideologie der Sowjets, er wurde in den 1920er-Jahren verboten. Schamanen wurden als Volksfeinde angesehen, neue Feiertage und Zeremonien sollten die uralten heidnischen Bräuche ablösen. So verloren die Nomadenvölker ihre Identität. Wer sie behalten wollte, musste sich verstecken oder die Landesgrenzen überqueren. Einige aus dem Volk der Tuwa im Süden Sibiriens siedelten über in die Mongolei. Sie verließen ein Gebiet, das seit Urzeiten nomadische Völker bewohnten.

Sammelbecken der Völker

Der Süden Sibiriens, die heutige russische Republik Tuwa, war vor rund 3000 Jahren die Urheimat einer der bedeutendsten Nomadenkulturen. Vermutlich aufgrund einer Klimaveränderung entstand hier ein Sammelbecken zahlreicher Völker. Das ursprünglich trockene Land wurde durch stärkere Regenfälle fruchtbar und dadurch für die Menschen attraktiv. Die Nomadenstämme fanden ideale Bedingungen vor. Das Leben wurde leichter, und mehr Menschen konnten ernährt werden.

In diesem fruchtbaren Schmelztiegel der Kulturen entstand eine Zivilisation, die weit über die Grenzen Sibiriens Bedeutung erlangte: das Volk der Skythen. Die Menschen erlangten eine erstaunliche Kunstfertigkeit in der Herstellung von Schmuckgegenständen aber auch von Waffen. Eine Entwicklung hatte ungeahnte Folgen: Die Skythen domestizierten das Pferd, und sie erfanden Sattel- und Zaumzeug. Als hervorragende Reiter eroberten sie vom Rücken der Pferde aus weite Teile Vorderasiens. Entscheidend dabei waren innovative Kampftechniken. Das Nomadenvolk nutzte die Mobilität der Pferde, überrumpelte die Gegner und kämpfte sie mit Kurzschwert, Pfeil und Bogen nieder.

Gold der Skythen

Der Weg der Skythen führte bis an die Grenzen Europas. Am Schwarzen Meer erlebte ihre Kultur die Blütezeit, die 400 Jahre andauerte, bis ins dritte Jahrhundert v. Chr. Den alten Griechen galten sie lediglich als barbarische Nomaden, doch spektakuläre Ausgrabungen in den letzten Jahren haben einen Schatz zutage gefördert, der die hohe kulturelle Entwicklung des Reitervolks widerspiegelt. Filigran ausgearbeitete Tierdarstellungen aus Gold zeugen von künstlerischen Meisterleistungen.

Das meiste Gold erbeuteten die Skythen bei ihren Eroberungszügen oder erwarben es durch Handel. Die Verarbeitung des Edelmetalls entwickelten sie zur Perfektion. Es gelangte hauptsächlich durch Verwitterung goldhaltigen Gesteins in die Flüsse. Goldwaschanlagen aus der Zeit der Skythen fand man im Südwesten Sibiriens, in einer Region, die auch heute noch die größte Gold-Lagerstätte Russlands beherbergt: das Gebiet um Krasnojarsk.

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