Im Visier der Grizzly-Giganten

Meine Erfahrungen mit Bären

Die Schlagzeile in der Alaskanischen Anchorage Daily News verschlug mir den Atem: "Giant Grizzly Skeleton found on Aleutian Islands". Goldsucher hatten an einer der entlegensten Küstenregionen Westalaskas ein Bärenskelett von unglaublicher Größe gefunden.

Grizzly und Kamera-Stativ Quelle: ZDF/Andreas Kieling

Aufgerichtet muss dieses Tier über vier Meter groß gewesen sein. Am Skelett befanden sich noch Fellstücke. Der Bär kann höchstens ein paar Jahre in dem kalten arktischen Klima gelegen haben. Immer wieder gab es Gerüchte über besonders riesige Bären, die in abgelegenen Gebieten Alaskas überlebt haben sollen. Indianer erzählen von ihnen, Jäger haben sie gefährtet und Buschpiloten vom Flugzeug aus gesehen.

Bärenfelle groß wie Bisonhäute

Der Gedanke, einen solchen Bären vor die Filmkamera zu bekommen ließ mich nicht mehr los. Existieren sie immer noch? Ich musste es herausfinden! Auf der Spur der Riesenbären durchforschte ich alles an Literatur, was ich bekommen konnte. Aber alle bisherigen Angaben waren sehr vage. Den bisher konkretesten Fund machte ich mit meinem indianischen Freund Greg vor einigen Jahren. In einer verlassenen Trapperhütte lagen alte Fotos von unglaublich großen Bärenfellen, vor denen Jäger posierten. Die Fotos stammten aber offensichtlich aus den 30er oder 40er-Jahren und waren auf der Insel Kodiak aufgenommen. Bärenfelle, so groß wie Steppenbisonhäute. Bis dahin war es für mich der aktuellste Beweis für die Existenz der Giganten.

Andreas Kieling und sein indianischer Freund Greg Quelle: ZDF

Seit über 15 Jahren filme und fotografiere ich Grizzlys in Nordkanada und Alaska. Jedes Jahr kehre ich an mir vertraute Orte zurück um "meine Bären" wieder zu treffen. Viele der Tiere kenne ich schon seit Jahren und sie mich. Für einige Menschen mag das wie eine Mär klingen aber Bären haben eine sehr hohe "tierische Intelligenz" und ein sehr sehr gutes Erinnerungsvermögen. Meine Drehorte liegen in den abgelegenen Regionen des Nordens, dort wo oft seit Jahren keine Menschen mehr gewesen sind. Viele der Grizzlys, die ich kenne, haben in ihrem Leben, außer mir, noch nie einen Zweibeiner gesehen.

Uneingeschränkter Herrscher

Obwohl Braunbären keine sozial organisierten Tiere sind, soziales Verhalten gibt es nur zwischen Bärin und ihren Jungen, gehen manche doch dem Menschen gegenüber eine Beziehung ein. Hat ein Grizzly einmal die Erfahrung gemacht, dass vom Menschen, in dem Falle von mir, keine Gefahr ausgeht, verhält er sich Zweibeiner gegenüber ziemlich vorbehaltlos. Er ist sich seiner Stärke instinktiv bewusst. Jahrzehntausende lang war er der uneingeschränkte Herrscher der Tundren und Taigawäldern. Ureinwohner sind der Konfrontation mit Bären fast immer aus dem Weg gegangen. Mit Speerschleuder, Pfeil und Bogen und Lanze war die Gefahr viel zu groß von einem halbwüchsigen oder erwachsenen Bär schwer verletzt oder gar getötet zu werden.

Noch heute überlassen Indianer, wenn sie einen Elch oder Karibou erlegt haben und nicht alles Fleisch auf einmal abtransportieren können, den Grizzlys einen Teil ihrer Beute, wenn dieser am erlegten Tier auftaucht um den "Kadaver" in Besitz zu nehmen. In ihren Mythen und Legenden sind Braunbären gottgleiche Wesen, mit denen man sich besser nicht anlegt. Noch heute ist der Respekt der Indianer vor dem Herrscher des Nordens sehr groß. Oft kritisieren mich indianische Freunde für meinen Umgang und mein Verhalten gegenüber den Bären. "So etwas würden nur Weiße tun, die mit zu wenig Respekt in die Wildnis eindringen". Über die vielen Jahre habe ich mir mein eigenes Bärenweltbild zurecht gelegt.

Großes Vertrauen

Wenn ich im Frühjahr an vertraute Orte zu den Grizzlys zurückkehre und die ersten Tiere nach langer Winterruhe aus ihren Höhlen kommen, habe ich oft große Probleme sie wieder zu erkennen. Durch die lange Zeit ohne Nahrung sind sie oft stark abgemagert, ihr Fell ist lang und zottelig, ihre Krallen sind endlos gewachsen. Bei den Petzen ist das ganz anders. Wenn sie meinen Geruch wahrnehmen und meine Stimme hören, dauert es oft nur Sekunden und sie haben mich wieder erkannt. In erster Linie sind es Bärinnen mit Jungen, die mir Vertrauen entgegen bringen. Werden die Jungen nach meist dreijähriger Führungszeit von der Bärin verstoßen, weil diese wieder brunstig wird, sind die Halbwüchsigen manchmal regelrecht anhänglich oder sogar aufdringlich.

Bärenfamilie auf grüner Wiese Quelle: ZDF/Andreas Kieling

Von einigen Bärinnen kenne ich schon über Jahre den dritten oder vierten Wurf, und Jungtiere, die ich als fünf Monate alte Bärchen das erste Mal gesehen habe, haben schon ihre eigenen Kinder, die sie mir ohne Scheu präsentieren. Je nach Futterangebot und geografischer Lage führen Bärinnen ihren Nachwuchs zwei bis vier Jahre, bevor sie in die Selbständigkeit entlassen werden. Da Bären keine natürlichen Feinde haben, gibt es bei ihnen eine innerartliche Bestandsregulierung. Etwa 40 Prozent aller Jungbären überleben die ersten vier Lebensjahre nicht. Sie werden überwiegend von ausgewachsenen männlichen Bären getötet. Zum Teil sind es die eigenen Väter. Es gibt zwei Hauptgründe, weshalb Bärenmänner das tun. Die eigene Art kann sich nicht so stark vermehren und nur die stärksten und aufmerksamsten Bärinnen mit Jungen, die schnell flüchten können, entkommen den Attacken. Verliert eine Bärin ihren gesamten Nachwuchs, der meist aus einem bis drei Jungen besteht, wird sie im selben Jahr wieder brunstig und steht wieder für die Paarung zur Verfügung.

Schlechte Erfahrungen mit Menschen

Über die vielen Jahre des Zusammenlebens mit Grizzlys kenne ich Bärinnen, die noch niemals einen Wurf groß bekommen haben. Andere Weibchen wiederum, die sehr vorsichtig sind und ihre Jungen bis auf Blut verteidigen, bekommen regelmäßig ihre ganzen Sprösslinge groß. Offensichtlich dient diese Form der Auslese der Gesunderhaltung der Art. Die tierische Intelligenz einiger Braunbärinnen geht sogar soweit, dass sie sich ganz bewusst in meiner Nähe aufhalten. Ältere Bärenmännchen haben fast alle, selbst an den entlegensten Orten der Erde, schon einmal schlechte Erfahrungen in ihrem bis zu 30 Jahre währendem Leben mit Menschen gemacht. Seien es Biologen, die sie vom Hubschrauber aus mit einem Narkosegewehr immobilisiert haben, Ranger die in einem Schutzgebiet schon einmal mit Bärenspray oder Gummigeschoß ihnen bewusst Schreck und Schmerz zugeführt haben oder die Kugel eines Trophäenjägers, die ihr Ziel verfehlt hat.

Meiner Erfahrung nach gehen sie allen Menschen lieber aus dem Weg, so auch mir. Aufmerksamen Bärinnen entgeht dieses Verhalten nicht. Deshalb verbringen sie sehr gerne viel Zeit in meiner Nähe, benutzen mich so zu sagen als natürlichen Schutzschild. So sah und filmte ich in den letzten Jahren auch meistens nur Bärinnen mit Jungen und halbwüchsige Tiere. Ältere Männchen bekam ich nur sehr sporadisch vor die Kamera und das war meistens Zufall oder geschah in der Paarungszeit. Auch wird natürlich nicht jedes ausgewachsene Bärenmännchen ein gigantischer Grizzly. Wie bei uns Menschen auch gibt es alte Bärenmänner, die nicht einmal an die Größe einer kräftigen Bärin heranreichen.

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