Im Zentrum der Welt

Ming-Kaiser Yongle auf dem Gipfel der Macht

Am 2. Februar 1421, dem Neujahrstag, weiht Yongle seine neue Hauptstadt Bejing ein. Rund 20 Jahre sind ins Land gegangen, seit der Ming-Kaiser den Bau der Verbotenen Stadt befohlen hatte. 20 Jahre, in denen sich Tausende von Menschen für seine Vision aufopfern mussten, die Ressourcen des Reiches geplündert wurden.

Kaiser Yongle auf dem Drachenthron (Spielszene) Quelle: ZDF

Einige Beamte verfassen ein Memorandum, das die enormen Belastungen anprangert. Li Shimian soll dabei federführend gewesen sein. Er fordert den Kaiser auf, die Arbeiter wieder nach Hause zu schicken und nach Nanjing zurückzukehren. Nur so sei eine drohende Katastrophe zu verhindern. Yongle lässt den aufrichtigen Beamten daraufhin in den Kerker der Verbotenen Stadt sperren. Eine Katastrophe hatte er prophezeit, ein Urteil des Himmels. Und das ist es, was Yongle am meisten fürchtet.

Kaiser Yongle kniet während einer Rauchopfer-Zeremonie (Spielszene) Quelle: ZDF

Legitimierte Herrschaft

Denn nur dem Himmel muss der Kaiser Rechenschaft ablegen. Einmal im Jahr, am Altar des Himmelstempels, bittet er um reiche Ernten, darum, von Überschwemmungen und Stürmen verschont zu bleiben. Denn nach chinesischer Vorstellung signalisiert der Himmel durch Naturkatastrophen, dass der Kaiser die Harmonie der Weltordnung aus dem Gleichgewicht bringt. Yongle aber ist überzeugt, dass er mit der Vollendung der Verbotenen Stadt seine Herrschaft endlich legitimiert und der Ming-Dynastie das Mandat des Himmels auf ewig gesichert hat. Am Himmelstempel bringt der Kaiser Rauchopfer dar, hier berühren seine Knie ein einziges Mal im Jahr den Boden. Wie der Polarstern unverrückbar am Himmel thront Yongle nun im Zentrum der Welt.

Der Tag des Kaisers beginnt kurz vor Sonnenaufgang - Tag für Tag nach einem festgelegten Ritual. "Ohne Ritual einen Staat zu regieren, ist wie Pflügen ohne Pflugschar", heißt es. Die Verbotene Stadt ist architektonischer Ausdruck kosmischer Harmonie. Das Ritual, die stete Wiederholung des Immergleichen, dient der Bewahrung dieser Ordnung. Doch ein Gedanke lässt Yongle nicht los. Ist Jianwen, sein Vorgänger, noch am Leben?

Regeln und Rituale

Jianwen wird nicht zurückkehren, um Yongle die Drachenrobe zu entreißen und sich zu rächen. Das Schicksal des gestürzten Kaisers liegt bis heute im Dunkeln. Yongles Stern aber strahlt im Jahre 1421 heller denn je. Er ist auf dem Gipfel seiner Macht, die er mehr als 20 Jahre zuvor gewaltsam an sich gerissen hatte. Durch strikte Befolgung der traditionellen Regeln und Rituale suchte er die Unterstützung der Gelehrten zu gewinnen, deren Standesgenossen er anfänglich zu tausenden hinrichten ließ.

Kaiser Yongle schreibt (Spielszene) Quelle: ZDF

Als Zeichen zur Versöhnung gibt er ein gewaltiges literarisches Werk in Auftrag: die Sammlung des gesamten Wissens aus der über tausendjährigen Geschichte Chinas. Yongle selbst verfasst das Vorwort: "Um die Welt zu regieren, haben unsere weisen Vorfahren die Zivilisation erschaffen, basierend auf Ritualen, moralischen Werten und Bildung." Aus dem tyrannischen Feldherrn ist ein intellektueller Despot geworden. Bei den gewaltigen Audienzen in der Verbotenen Stadt verweigert ihm niemand mehr den Kotau wie bei seiner Krönung in Nanjing. Doch ist diese gewaltige Bühne, befrachtet mit Symbolik, bevölkert von Akteuren, die das immergleiche Stück aufführen, wirklich für die Ewigkeit geschaffen?

Ansturm der Eunuchen

Die Welt außerhalb dieses geschlossenen Universums dreht sich weiter. Armut greift um sich auf dem Land. Bauern, die ihre Familien nicht ernähren können, kastrieren ihre Söhne und schicken sie in die Hauptstadt, wo sie als Eunuchen im Palast vielleicht ihr Auskommen haben werden. Obwohl die Selbstverstümmelung bei Strafe verboten und die Aufnahme neuer Eunuchen in den Palastdienst streng reglementiert war, muss der Kaiserhof seine Tore öffnen, um der Lage Herr zu werden. 3000 Eunuchen leben zur Zeit Yongles in der Verbotenen Stadt. Anfangs werden einhundert neue pro Jahr aufgenommen. Im Laufe der Jahre wird ihr Zustrom nie gekannte Ausmaße annehmen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts bevölkern schließlich 70.000 Eunuchen die Hallen und Plätze der Verbotenen Stadt.

Blitz trifft die "Halle der Höchsten Harmonie" (Spielszene) Quelle: ZDF

Von aller Welt vergessen hofft der Beamte Li Shimian vergeblich auf ein Ende seiner Kerkerhaft. Doch der Bau der Verbotenen Stadt ist kaum vollendet, da erfüllt sich seine düstere Prophezeiung. Als die ersten Blitze zucken, scheint es, als habe der Himmel Yongle tatsächlich das Mandat entzogen - so wie es der Beamte vorhergesagt hatte. Das Gewitter jener Spätsommernacht trifft die Achillesferse der Verbotenen Stadt. Ihre prachtvollen Dächer werden von Holzbalken getragen. Das große Werk hält dem Wüten des Himmels nicht stand. Die Halle der Höchsten Harmonie wird ein Raub der Flammen. Yongle steht vor den Trümmern seines Lebenswerks.

Düsteres Vorzeichen

Am 12. August 1424 stirbt Yongle in einem Feldzug gegen die Mongolen an einem Schlaganfall. Die Ming-Dynastie wird aber fortbestehen, dreizehn Kaiser sollten Yongle auf den Drachenthron folgen. Doch der Brand wirkt wie ein düsteres Vorzeichen auf das Schicksal, das dem Reich beschieden war. Erstarrt in Pracht und Ritual, gelähmt durch Intrigen und Verrat hat die Ming-Dynastie im Jahre 1644 abgewirtschaftet. Als das rebellierende Volk die Mauern der Verbotenen Stadt bedrängt, entschließt sich Li Zicheng, der letzte Ming-Kaiser, zum Selbstmord auf dem Kohlehügel. Mit Blick auf die brennende Hauptstadt erhängt er sich an seinem Seidengürtel.

Von den einst 70.000 Eunuchen blieb nur ein einziger Diener an der Seite des Kaisers. Die Verbotene Stadt aber sollte Chaos und Untergang überdauern. Die Mandschu, ein mächtiges Volk aus der Steppe, erobert bald darauf den Drachenthron. Mit den neuen Herrschern bleibt das chinesische Kaisertum bis 1911 erhalten - und mit ihm ein einzigartiges Bauwerk: Die Verbotene Stadt.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet