Imperium aus dem Sumpf

Die Herrschaft der Azteken

Viele Kulturen prägten Mexiko, doch ein Volk spielte die Hauptrolle: die Azteken. Der Aufstieg eines kleinen Nomadenstammes zur Großmacht in nur zweihundert Jahren ist eine Geschichte von Kunst und Kultur, aber auch von Gewalt und unzähligen Blutopfern.

Aztekischer Kopfschmuck mit Quetzalfedern
Aztekischer Kopfschmuck mit Quetzalfedern Quelle: ZDF

Ende des 13. Jahrhunderts erreichten nomadische Stämme das Hochland von Mexiko. Sie nannten sich Mexi'ca' und sollten zu Namenspatronen des ganzen Landes werden. Wir kennen sie unter dem Namen "Azteken". In ihrer Sprache Nahuatl bedeutet er "Volk von Aztlán" - einem Ort, der wahrscheinlich nur im Mythos existiert.

Ein neues Reich wird gegründet

Auf den sumpfigen Inseln inmitten eines Sees im Hochtal von Mexiko gründeten die Zuwanderer ihre erste Siedlung - den Vorläufer der heutigen mexikanischen Hauptstadt. Aber warum erschien den Azteken der abflusslose, brackige See als günstiger Standort? Er ist umgeben von Bergen, es gibt wenige Anbauflächen, und das Klima ist nicht sehr fruchtbar.

Der Legende nach gab der Gott Huitzilopochtli dem Volk ein Zeichen, hier zu siedeln: Dort, wo ein Adler auf einem Kaktus brütet, sollte das Aztekenreich erblühen. Und so erbauten die Azteken in zweihundert Jahren die sagenumwobene Stadt Tenochtitlán. Sie legten ein verzweigtes Netz von Kanälen an und errichteten Dämme, die die Inseln mit dem Festland verbanden.

Blühende Landwirtschaft

Aztekenhauptstadt Tenochtitlán (Animation)
Tenochtitlán Quelle: ZDF

Tenochtitlán wurde mit 150.000 Einwohnern nicht nur die größte Stadt Amerikas, sondern zu seiner Blütezeit auch größer und reicher als alle Städte im damaligen Europa. Eine Grundlage für diesen Erfolg war es, Anbauflächen zu schaffen: Durch raffinierte Technik - Trockenlegung kombiniert mit Kanalbau - schufen die Indios Hunderte von Ackerinseln, mit Bewässerung und Transportwegen: die Chinampas. Das sind schwimmende Gärten mit einem Fundament aus Schilf. Darauf kommt Schlamm aus dem Seegrund, in dem die Nutzpflanzen angebaut werden. Der Schlamm ist so nährstoffreich, dass bis zu viermal im Jahr geerntet werden kann.

Das Aztekenreich war kein geschlossenes Imperium, sondern ein Bündnis von Tenochtitlán und zwei anderen Stadtstaaten im Becken von Mexiko. Nicht nur ihre Leistungen in der Landwirtschaft, auch ihre Kenntnisse in anderen Gebieten wie der Astronomie bringen uns zum Staunen. Die Azteken verfügten über präzise Kalender und sie nutzten Pflanzen für medizinische Anwendungen.

Grausamer Opferkult

Aztekentempel (Animation)
Anaimation - Aztekentempel Quelle: Arte

Rund um den Templo Mayor - heute eine der wichtigsten Ausgrabungsstätten des Landes im Zentrum von Mexiko-Stadt - befand sich der Heilige Bezirk. Eine Stufenpyramide mit einem Doppeltempel auf dem obersten Plateau war der Schauplatz besonderer religiöser Kulte: Die Azteken opferten ihren Göttern regelmäßig Menschen. Vielen Opfern schnitten die Priester mit Steinmessern das noch schlagende Herz aus dem Leib. Andere wurden verbrannt, gehäutet oder von Pfeilen durchbohrt. Was uns unvorstellbar grausam und barbarisch erscheint, war für dieses Volk der Weg, sich die Gunst der Götter zu erwerben, die ihre fragile Welt schützen sollten.

Für die Azteken war die Natur beseelt und bedrohlich. Jeder Vulkan war ein Heiligtum, jeder Sturm eine magische Kraft. Naturgewalten wurden als Instrumente der Götter gefürchtet, die alles zerstören konnten. So wurden bei Dürre auf den Berggipfeln, wo man den Regengott vermutete, weinende Kinder geopfert. Ihre Tränen sollen den ersehnten Regen bringen. Der Schöpfungsmythos der Azteken liefert die Rechtfertigung für die sakralen Tötungen: Die Götter opferten sich einst selbst, damit der Kosmos entstehen konnte. Zwei vergingen in den Flammen und wurden zu Sonne und Mond. Die anderen drei Gottheiten opferten sich, damit die Gestirne ihre Bahn fanden. Um dieses Götteropfer zu vergelten, mussten viele Tausend Menschen unter den Händen der Priester sterben.

Tributpflichtige Völker

Sogar Kriege wurden geführt, um ausreichend Opfergefangene zu machen. Das wichtigste Ziel der Aztekenkriege war jedoch ein wirtschaftliches: Neue Gebiete wurden erobert, um die unterworfenen Völker zu Tributleistungen zu zwingen. Diese bildeten eine Grundlage der Wirtschaft, das Imperium war vom Import abhängig. Man benötigte Nahrungsmittel, um die Bevölkerung zu versorgen, Luxusgüter, um die Herrscher, die Adelsschicht und ihre Paläste prunkvoll auszustatten, und allerlei Waren, um damit Handel zu treiben.

Ein Korb Kakaobohnen
Kakaobohnen Quelle: ZDF

Begehrte Handelsgüter waren Gold, Jade und Kakaobohnen. Gemahlen und aufgeschäumt wurde aus den bitteren Bohnen ein Getränk zubereitet, dem die Azteken heilende Wirkung zuschrieben: Xocoatl, das "bittere Wasser". Sogar als Währung wurden die Bohnen genutzt. Um die Versorgung mit Xocoatl sicherzustellen, wurden Kakaoanbaugebiete erobert. Zu den größten Kostbarkeiten der Azteken zählten die Federn des Quetzals, der als Göttervogel verehrt wurde. Ohne sie war kein Herrscherkopfschmuck vollständig. Auch die schwer zu beschaffenden, kostbaren Jaguarfelle verstärkten die Macht von Priestern und Kriegern.

Expansion und Untergang

Ausdehnung des Aztekenreiches (Trick)
Trick- Ausdehnung des Aztekenreiches Quelle: ZDF

Um den Opferkult aufrechtzuerhalten und den Bedarf an Handels- und Luxusgütern zu decken, dehnte sich das Reich der Azteken immer weiter aus. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht kontrollierten die Azteken weite Teile Zentralmexikos. Erst mit der Ankunft der Spanier in Mittelamerika geriet ihre Herrschaft ins Wanken. 1521 eroberte Hernán Cortés Tenochtitlán und machte es dem Erdboden gleich. Auf den Ruinen des aztekischen Imperiums erstand die neue Hauptstadt der spanischen Kolonialherren. Ihre Kathedrale bauten die Eroberer direkt über dem Templo Mayor. Heute wohnen im Gebiet von Mexiko-Stadt 20 Millionen Menschen.

Aztekenruine in Mexiko-Stadt
Aztekenruine in Mexiko-Stadt Quelle: dpa

Was die Spanier nicht wissen konnten oder nicht bedachten: Unweit der Millionenstadt kollidieren tektonische Platten im Pazifik und sorgen immer wieder für Erdbeben. In nur 70 Kilometer Entfernung stehen aktive Riesenvulkane. Und der uralte See, auf dessen Sedimenten Mexiko-Stadt ruht, birgt ein großes Risiko: Auf dem weichen Untergrund schaukeln sich bei Erdbeben die Stoßwellen auf. Gerät das schwammige Sediment in Bewegung, bietet es wenig Halt: Die Gebäude versinken einfach. 1985, beim bisher schwersten Beben, starben fast 45.000 Menschen, 880 Gebäude stürzten ein. So lastet das Vermächtnis der Azteken noch immer schwer auf der Stadt - nicht ihrer blutigen Rituale wegen, sondern vor allem wegen der Wahl dieses Ortes.

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