"In jeder Hinsicht eine Pioniertat"

Interview mit Walter Stünzi

Walter Stünzi war Pilot in der Schweizer Luftwaffe und übernahm später die Aufgaben des Kommunikationschefs bei der "Rega" (Schweizerische Rettungsflugwacht Guardia Aeria). Walter Stünzi kannte Victor Hug, der als Pilot an der erfolgreichen Rettungsaktion auf dem Gauligletscher im November 1946 beteiligt war, gut.

Vorbereitungen zur Bergung der Dakota-Passagiere
Vorbereitungen zur Bergung der Dakota-Passagiere Quelle: ZDF

ZDF: Was war das Besondere an diesem Einsatz der Bergretter?

Walter Stünzi: Es war in jeder Hinsicht eine Pioniertat. Die Piloten landeten auf 3.000 Meter über Meer in nicht erkundetem Gelände, auf einem Gletscher mit starker Neigung im Tiefschnee. Die Frage, ob ein Start zum Rückflug vom Gletscher später möglich wäre, war völlig offen. Es war ein Wagnis, aber es war die einzige Chance, die Passagiere lebend ins Tal zu bringen. Schon am nächsten Tag hätte das Wetter jeden Fug unmöglich gemacht. Kommt noch dazu, dass die militärischen Vorgesetzten der Rettungspiloten einen Einsatz nicht bewilligt hatten. Die Rettungsflüge somit einem klaren Befehl von oben widersprachen.

ZDF: Wie waren die politisch-historischen Rahmenbedingungen für die dramatische Aktion so kurz nach dem Ende des Krieges?

Stünzi: Unmittelbar nach dem Krieg galten die Landesgrenzen für Militärflugzeuge als sakrosankt. Die Schweiz als nicht besetztes Land durfte auch von alliierten Militärflugzeugen nicht ohne Bewilligung überflogen werden. Insofern war der Flug der "Dakota" über die Schweizer Alpen illegal. Kommt dazu, dass die politischen Beziehungen zwischen den USA und der Schweiz im Nachgang zum zweiten Weltkrieg alles andre als unbelastet waren. Die glorreiche und spektakuläre Rettungsaktion der Schweizer kam in dieser Situation sehr gelegen. Sie fand auch in den Medien jenseits des Atlantiks ein immenses Interesse.

ZDF: Was geschah vor dieser Zeit, wenn ein Bergnotfall eintrat, wie sah die damals bestehende Bergrettung aus?

Stünzi: Rettung aus Bergnot geschah zu diesem Zeitpunkt ausschließlich auf dem "Landweg". Nur selten waren Landeplätze für Flugzeuge in nützlicher Distanz vorhanden. Helikopter waren operational noch nicht in der Lage, für Rettungsflüge eingesetzt zu werden. Ihre Technologie befand sich praktisch noch im Versuchsstadium. Es blieb nur die Rettung zu Fuß. Einzelne Bergführer oder ganze Rettungskolonnen bewegten sich in zum Teil mühsamem Aufstieg zu den Verunfallten und mussten diese anschließend auf dem gleichen Weg wieder ins Tal bringen. begingen Meist tragend auf dem Rücken oder mit Tragbahren.

ZDF: Welchen Fehler machten die Amerikaner im November 1946?

Stünzi: Sicher begingen die Piloten gravierende Fehler bei ihrer Navigation. Sie wichen in Innsbruck von ihrer geplanten Route nach Süden über den Brenner ab und flogen westwärts Richtung Schweiz. Über Chur vollzogen sie mit Bodenkontakt einen Orientierungskreis und setzten ihren Flug in den Wolken in Richtung Funkfeuer Lyon fort. Dass diese Flughöhe nicht genügte, war ihnen nicht bewusst. Es ist anzunehmen, dass sie schon bei ihrem Orientierungskreis in Chur eine falsche Ortung machten und sich in den französischen Alpen glaubten. Nach ihrer Vorstellung musste das Gelände in Richtung Westen abfallen. So kam es, dass sie mit einer Flughöhe von circa 3300 Metern über die Berner Alpen mit ihren Viertausendern flogen - in den Wolken und ohne Radarführung.

ZDF: Welche Erfahrungen halfen den Schweizerischen Rettern bei ihrer erfolgreichen Blitzaktion?

Stünzi: Die Schweizer Flugtruppen verfügten ab Beginn des Zweiten Weltkrieges über fünf Flugzeuge vom Typ "Fieseler Storch". Der "Storch" flog mit einer Minimalgeschwindigkeit von circa 50 Kilometer in der Stunde und benötigte - je nach Neigung des Hanges - nur einige Dutzend Meter Landestrecke. Mit diesen Flugzeugen landeten sie routinemäßig ohne Landepisten in den Schweizer Alpen, vor allem um Material auf die abgelegenen Flieger-Übungsschießplätze zu bringen. So verfügten die Piloten über eine reiche Erfahrung aus über 200 solchen Landungen. Dies gab ihnen die Möglichkeit, die von außen als "Husarenstück" wahr genommene Landung auf dem Gauligletscher als gut fundiertes und wohl überlegtes Unternehmen mit sehr genau abgeschätztem Risiko durchzuführen.

ZDF: Wie war das Echo in der Schweiz und in der internationalen Presse auf den Erfolg des kühnen Unternehmens?

Stünzi: Die Rettungsaktion fand in der Schweiz, in Europa, vor allem aber in den USA eine riesige Beachtung und Bewunderung. Hinzu kam, dass ein Kameramann der Schweizer Filmwochenschau an der vordersten Front, in der Luft und am Boden, dabei war und packende Bilder dieser Rettungsaktion schoss, die uns heute noch bewegen. Diese Filmaufnahmen gingen um die ganze Welt und waren während Wochen in den Kino- Filmwochenschauen auf beiden Seiten des Atlantiks zu sehen. Man kann sagen, dass diese Aktion das Ereignis schlechthin der internationalen News-Medien bildete.

ZDF: Welche Lehren zogen die Verantwortlichen für die Bergrettung in der Schweiz aus dem Ereignis?

Stünzi: Man kann mit Fug und Recht sagen, dass es sich um die Geburtsstunde der geplanten Luftrettung in den Bergen handelte. In den folgenden Jahren wurden die Schweizer Fliegertruppen, heute Luftwaffe, vermehrt zur Hilfe gerufen, wenn es galt, schnelle Hilfe durch die Luft in die Berge zu bringen. Da es sich allerdings nicht um eine Kernaufgabe der Luftwaffe handelte, kam es im April 1952 zur Gründung der Schweizerischen Flugrettungswacht. Deren erste Piloten ließen sich durch die beiden Piloten vom Gauligletscher - Victor Hug und Pista Hitz - in der Gletscherlandetechnik ausbilden und übernahmen in der Folge als zivile Piloten im Auftrag der noch jungen Rettungsflugwacht diese Aufgabe auf rein privater Basis.

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