In Schutt und Asche

Der Fall von Magdeburg

Als "unseres Herrn Gottes Canzlei" wird Magdeburg an der Elbe verklärt. Ihr Untergang sollte zum Fanal für den protestantischen Widerstand werden. Der katholische Kaiser Ferdinand II. will die "feste Burg" mit aller Macht bezwingen.

Nach der Entlassung Wallensteins durch Ferdinand II. ziehen seine Truppen unter dem Befehl des großen Feldherrn Tilly vor die Stadt. Es ist der Beginn einer monatelangen Belagerung.

Menschenleben zählen nichts

32000 Söldner verschanzen sich rund um Magdeburg. Tag und Nacht werden Schanzen und Laufgräben gebaut. Die Söldner graben sich Kilometer um Kilometer an die befestigte Stadt heran. In den Gräben schützen sie sich durch schwere, mit Steinen gefüllte Körbe vor dem gegnerischen Kugelhagel. Menschenleben zählen nichts bei dem gefährlichen Unternehmen. Um jeden Preis will Tilly den Widerstand der Magdeburger brechen.

In der Stadt selbst beschwören die Eingeschlossenen den Weltuntergang herauf. Viele Gläubige sehen in der drohenden Eroberung - herbeigeführt durch den katholischen "Antichrist" - eine strafende Heimsuchung Gottes. Wenige Wochen vor der Zerstörung wird die Predigt im Dom dem Untergang der heiligen Stadt Jerusalem gewidmet - als warnendes Beispiel für das "Magdeburgische Israel". Etwa 3000 Menschen suchen Zuflucht im Dom und bitten um göttlichen Beistand. Sie warten und bangen - bis es zur Katastrophe kommt. Rund 35.000 Magdeburger halten sich innerhalb der Stadtmauern auf und verbarrikadieren sich in Kirchen und Kellergewölben.

Entsetzen in ganz Europa

Am Abend des 19. Mai 1631 verstummt das Bombardement der kaiserlichen Kanonen - ein Zeichen für den bevorstehenden Sturm. Am nächsten Morgen gibt Tilly den Befehl. Nur drei Stunden vergehen, bis die unterlegenen Verteidiger überwältigt sind. Tillys Soldaten laufen Amok und legen Magdeburg in Schutt und Asche. Sie werfen brennende Fackeln durch die Fenster und lassen die Schutzsuchenden qualvoll verbrennen. 20.000 Magdeburger kommen bei dem Inferno ums Leben. Die Nachricht von dem Massaker löst Entsetzen in ganz Europa aus. Das Ausmaß des Grauens könne "mit Worten nicht beschrieben und mit Thränen nicht beweint werden", so Augenzeugen der Katastrophe. So beispiellos war das Geschehene, dass die deutsche Sprache ein neues Wort dafür fand: "magdeburgisieren" wurde zum Sinnbild größtmöglichen Schreckens.

Im Institut für Presseforschung in Bremen wird die größte Sammlung von Nachrichtenblättern aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges aufbewahrt. Auf Mikrofilm gespeichert, bezeugen sie das enorme Echo der ersten Zeitungen auf den Fall von Magdeburg. Erstmals wurden die neuen Informationsmedien auch propagandistisch genutzt. Die Toten schwammen gegen den Strom der Elbe, so ein Bericht, sie schrien mit betenden Händen nach Gott und forderten Rache. Mancher Schreiber überhöhte die Schilderung der Ereignisse durch klassische Motive: Von Müttern ist die Rede, die mit ihren Kindern vor dem Feind in den Flammentod flüchteten.

Teuflische Energie

General Tilly raubte der keuschen Magd die Jungfernschaft - ein Sinnbild, das selbst im entlegendsten Flecken in aller Munde war. Er habe ein entsprechend "gedrückt Werk" zu Gesicht bekommen, berichtet ein Dithmarscher Bauer - ein Zeichen für die erstaunliche Breitenwirkung der ersten Printmedien. Was schuf diese teuflische Energie, die das Rad der Gewalt immer weiter antrieb, bis es zu solchen Exzessen kam? Die grausamste Rache der Sieger war die Vergewaltigung - ein Akt totaler Machtdemonstration, auf dem eigentlich die Todesstrafe stand. Die Täter bleiben ungestraft, doch ihre Verbrechen erschüttern die Welt und beschwören den Ruf nach Vergeltung herauf.

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