Ins Land der Kannibalen

Aufbruch zur gewagtesten Etappe ihrer Reisen

Die naturkundlichen Sammlungen des Londoner Museums für Naturgeschichte gelten als das Mekka der Naturforscher. 70 Millionen Exponate wurden hier in über 400 Jahren versammelt. 65 Süßwasserfische stammen von Mary Kingsley. Das Museum stattet die junge Frau 1894 für ihre zweite große Expedition nach Westafrika mit einem kleinen Etat aus.

Mary Kingsley und ihre Begleiter Quelle: ZDF

Mary Kingsley, die nie eine Schule, geschweige denn eine Universität besucht hatte, entdeckte sieben neue Fischarten, die alle nach ihr benannt wurden. Doch nicht die Fischsuche in den entlegensten Sumpfregionen Afrikas machte sie zur Heldin englischer Kinderbücher, sondern ein Gewaltmarsch ins Land der Kannibalen. Allein mit einer Gruppe afrikanischer Begleiter. Noch heute finden sich im über 100 Jahre alten Register des Museums die entsprechenden Einträge: der Name des Fisches, in Alkohol geliefert, Fundort: Ogowe, gesammelt von: Miss Kingsley.

Konservierte Fischarten, von Mary Kingsley entdeckt Quelle: ZDF

Neuland für Europäer

Am 22. Juli 1895 bricht Mary Kingsley am Ogowe zur gewagtesten Etappe ihrer Reisen in Westafrika auf - ins Land der sagenumwobenen Fang. Deren Stammesgebiet haben Missionare bisher weitläufig gemieden, denn die Fang gelten als Kannibalen. In N'jole verlässt Mary Kingsley das britische Empire und bereist französisches Kolonialgebiet. Von Libreville in Gabun aus hatte Mary Kingsley am Ogowe bereits Lambaréné passiert, wo Albert Schweitzer später sein Urwaldspital gründen sollte. Ihr Ziel: Fisch-Suche am unberührten oberen Ogowe und dann Fußmarsch zum Rembwe - durch dichten Regenwald, den noch nie ein Europäer bereist hatte.

Mary Kingsley unterwegs Quelle: ZDF

Von nun an ist Mary Kingsley ausschließlich mit afrikanischen Führern unterwegs. Am Karkola-Fluss warnen die Männer vom Stamm der Ajumba finster: "Von hier an alles Fang, Sir." Doch Mary ist wie verzaubert. Keines der Etappenziele steht auf Marys Karten. Und keines scheint die Reise wert - wie ein Händler berichtet, der um Mitfahrgelegenheit bittet.

Viktorianische Trauerkleidung

In Briefen ins kalte London schwärmt Mary Kingsley, sie habe das Gefühl, sich in der afrikanischen Wildnis aufzulösen. Zugleich erweist sie Afrika Respekt: Niemand habe das Recht, hier in einer Aufmachung zu reisen, für die man sich zu Hause schämen müsse. Und so erforscht sie Afrika in der viktorianischen Trauerkleidung, die sie seit dem Tod ihrer Eltern trägt.

Mary Kingsley in viktorianischer Kleidung Quelle: ZDF

Kingsley reist in einem langen schwarzen Rock, eng geschnürtem Mieder, hohem Kragen und kleiner Pelzkappe. In diesem Aufzug kämpft sie mit Krokodilen und Schlangen und manövriert sich aus manch gefährlicher Begegnung mit anderen wilden Tieren. Aber auch Alltagssituationen wollen gemeistert werden. In Kingsleys 1897 veröffentlichtem Bestseller "Reisen in Westafrika" beschreibt sie im Gegensatz zu männlichen Reiseschriftstellern auch, dass es durchaus kompliziert sein kann, als Entdeckerin unbeobachtet in Unterwäsche ein Bad zu nehmen.

Souverän in gefährlichen Situationen

Und im Gegensatz zu männlichen Kollegen verweigert sie den Ruhm, den Ncovi See entdeckt zu haben. Die Afrikaner, so Mary, hätten schon immer von seiner Existenz gewusst. Auf dem See kommt es zu einer Begegnung mit einem wilden Tier, die sogar die New York Times begeistert rezensieren sollte. Denn Miss Kingsley verliert selbst in Todesgefahr niemals die Fassung - oder ihren Sonnenschirm. Mit diesem Utensil, das sie immer bei sich trägt, wehrt sie mitten auf dem See ein allzu neugieriges und angriffslustiges Flusspferd ab.

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