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"Die Terroristen werden nicht das letzte Wort behalten"

Interview mit Hermann Parzinger

Hermann Parzinger ist Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin.

Hermann Parzinger
Hermann Parzinger Quelle: ZDF

Was bezweckt der IS mit der Zerstörung Palmyras?
Mit der Zerstörung der kulturellen Denkmäler in Syrien führt der IS auch einen Feldzug gegen die Identität der Menschen. Er will ihnen ihre Geschichte nehmen. Mitarbeiter der syrischen Antikenverwaltung haben mit großem Engagement wichtige Kunstwerke und andere historische Zeugnisse aus dem Museum von Palmyra abtransportiert, bevor sie dem IS in die Hände fallen konnten. In einer Hölle wie Syrien mag uns das als nachrangiges Problem erscheinen. Und doch ist es eine Episode, die Hoffnung macht, weil sie zeigt, dass die Menschen dieses Landes auch um ihre kulturelle Identität kämpfen.

Wie beurteilen Sie den Standpunkt, dass ein "paar alte Steine" gegenüber den menschlichen Tragödien in Syrien bedeutungslos sind?
Eins steht vollkommen außer Frage: Nichts geht über das Leben der Menschen in Syrien, die Linderung ihres Leidens muss Vorrang vor allem haben. Man darf den humanitären Aspekt nicht gegen den kulturellen ausspielen. Wir müssen die Zerstörung der Denkmäler thematisieren. Die Geschichte der Menschen in Syrien ist auch ein Teil ihrer Zukunft, und diese wollte ihnen der IS nehmen.

Sie sagen, das syrische Kulturerbe berge eine "aussöhnende Kraft" – was meinen Sie damit?
Alle Gruppen der syrischen Gesellschaft können sich auf die vielschichtige Vergangenheit des Landes beziehen und sie als ihr gemeinsames Erbe betrachten. Diese Gemeinsamkeit kann dem zerrissenen Land in der Zukunft helfen, wieder zusammenzufinden. Palmyra ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie dort in den ersten Jahrhunderten nach Christus zwischen Römischem Reich, Persien, Indien und China Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und kultureller Zugehörigkeit einander begegnet sind, wie Toleranz und Integration tagtäglich gelebt wurde. Das ist genau die Botschaft, die wir brauchen, um all den Angstmachern und Populisten etwas entgegenzusetzen - nämlich eine Erfolgsgeschichte der Vielfalt.

Wer soll an den Gesprächen über die Zeit nach dem Krieg in Syrien beteiligt werden?
Wenn eines Tages die Waffen schweigen, müssen es die Syrer selbst sein, die entscheiden, wie es mit ihrem Land weitergehen soll. Es braucht dann eine große Kraftanstrengung der Weltgemeinschaft, idealerweise unter Führung der UNESCO, um Syrien zu beraten und zu unterstützen. Bevor es so weit ist, gilt es nationale Alleingänge zu vermeiden und mit allen im Gespräch zu bleiben, die sich dem Erhalt des kulturellen Erbes verpflichtet fühlen - mit Institutionen des Regimes genauso wie mit Oppositionsgruppen und mutigen Aktivisten.

Welche Botschaft geht von Orten wie Palmyra aus?
Palmyra ist mehr als eine historische Stadt. Die Welt von heute braucht Orte friedlichen Zusammenlebens. Das ist eine ganz wichtige Botschaft gegen die perfide Barbarei des IS, der das kulturelle Erbe der Menschheit zerstören will. Aber der islamistische Terror konnte die Botschaft dieser einzigartigen multikulturellen und multireligiösen Handelsmetropole nicht auslöschen. Terroristen werden nicht das letzte Wort behalten.

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