"Erfahrungen nachfühlbar machen"

Interview mit Andreas Kieling

Der Tierfilmer Andreas Kieling spricht im folgenden Interview über die Eindrücke während der Drehs auf seiner 5.000 Kilometer langen Abenteuerreise von Patagonien vorbei am Kap Hoorn zu den Falklandinseln, nach Südgeorgien bis ins Endlos-Weiß der Antarktis.

ZDF: In Ihrem neuen Film "Kielings kalte Welt" machen Sie eine Schiffsreise von Patagonien über die Falklandinseln und Südgeorgien bis in die Antarktis. Warum haben Sie diese Route, diese Ziele ausgewählt?

Andreas Kieling: Ich habe 14 Jahre in der Arktis gelebt. Ein großer Herzenswunsch von mir war immer, auch die andere Seite, die Antarktis, kennenzulernen. Die Route, die wir gewählt haben, ist der klassische Weg in die Antarktis. Man nähert sich dem Lebensraum langsam, man stimmt sich auf den Südpol ein.

ZDF: Man hat den Eindruck, Sie waren für Ihre Filme schon überall auf der Welt. Gibt es für Sie überhaupt noch etwas Neues zu entdecken?

Kieling: Überall auf der Welt kann man immer wieder Neues entdecken, selbst bei mir direkt vor der Haustür in der Eifel. Es ist ja immer eine Frage der Betrachtung. Wenn mich nochmal etwas komplett überwältigt hat, und das Wort benutze ich sehr selten, dann war es die Antarktis. Es war faszinierend. Es war, um es auf den Punkt zu bringen, für das ganze Team und ganz besonders für mich, eine komplett neue und, in einer gewissen Weise, andere Welt.

ZDF: Patagonien, Kap Hoorn, Falkland-Inseln, Südgeorgien, Antarktis – das sind alles Gegenden, in die man nicht so selbstverständlich kommt. Was wollen Sie den Zuschauern zeigen?

Kieling: In erster Linie zeigen wir den Zuschauern einen Lebensraum, und davon gibt es nicht mehr viele auf der Welt, der von uns Menschen weitgehend unberührt ist. Diese Orte werden immer seltener auf unserer Erde. Da lebt die Natur ganz alleine, ohne Einfluss des Menschen, der ja in der Regel immer negativ ist. Man nennt die Antarktis auch häufig den sechsten Kontinent. Ich glaube, dass das sogar etwas tiefgestapelt ist, weil dieser Lebensraum so ganz anders ist als alles andere, das ich bisher kennengelernt habe. Das war für mich eine Bewusstseinserweiterung, ganz neue Eindrücke, das hat mir nochmal den Blick auf die Welt wie ein Fenster in eine ganz eigene Richtung geöffnet.

ZDF: Inwiefern? In welche Richtung?

Kieling: Stellen Sie sich vor, Sie klettern den Hang eines Vulkans hoch und Sie können es schon hören und schon riechen: den Lärm, den Geruch. Und dann kommen Sie oben an: und dann stehen unglaublich viele Pinguine da, sie rufen, sie singen, sie balzen und kommunizieren miteinander, sie bauen an ihren Nestern und schleppen dafür Steine zusammen. Hier legt ein Pinguin ein Ei, und dort schlüpft gerade ein Küken. Unglaublich! Auf Deception Island – die ganze Insel besteht eigentlich nur aus einem aktiven Vulkan - brütet die weltweit größte Zügelpinguinkolonie mit an die 100.000 Paaren. Das ist so eine Wucht, das ist überwältigend, selbst für mich als alten Hasen. Das werden Sie nirgendwo auf der Welt mit einer solchen Intensität erleben können. Dahin möchte ich die Zuschauer mitnehmen, ich möchte ihnen meine Erfahrungen nachfühlbar machen.

ZDF: An Kap Hoorn sind viele Schiffe gestrandet. Hatten Sie Angst, dass es Sie auch erwischen könnte?

Kieling: Ich war mit einem großen Expeditionsschiff unterwegs, welches extra für Sturm und die Antarktis präpariert und ausgerüstet ist. Insofern hatte ich keine Angst, dass so etwas passieren würde. Aber auf dem Weg von den Falkland-Inseln in die Antarktis gab es einen riesigen Sturm, das Schiff legte sich bei einer Monsterwelle derart auf die Seite, dass alles aus den Schränken herausgerutscht ist. In diesem Moment dachte ich, dass sich das Schiff nicht mehr aufrichten wird. Dies wird man auch in den Bildern sehen.

ZDF: Was ist das Besondere an Ihrem neuen Film im Vergleich zu den bisherigen?

Kieling: Der Film ist eine Mischung aus grandiosen Naturaufnahmen, extremen persönlichen Erlebnissen und – und das ist an diesem Film neu – historischem Material, zum Beispiel von Scott und Amundsen oder Ernest Shackleton. Dieses Material ist über hundert Jahre alt.

ZDF: Was war das Schwierigste bei den Dreharbeiten?

Kieling: Das Schwierigste war bei Windgeschwindigkeiten um 120 bis 130 Stundenkilometern an Land die Kamera mit dem Stativ noch so ruhig zu halten, um gute Bilder für "Terra X" zu drehen. Wir können den Zuschauern ja keine sturmverwackelten Bilder zumuten. Oft musste noch ein zweiter Mann die Kamera durch Druck von Oben stabilisieren.

ZDF: Welches war das außergewöhnlichste Tier, dem Sie begegnet sind?

Kieling: Für mich persönlich waren es die Riesenalbatrosse. Ich finde diese Tiere unglaublich und hätte mir auch nicht vorstellen können, dass sie so groß sind: Sie haben eine Flügelspannweite von bis zu 3,5 Metern. Sehr beeindruckt hat mich auch der Strandmeister. Das ist ein See-Elefantenbulle, der mindestens 3,5 Tonnen wiegt, mit einem Minirüssel. Er ist immer mit einem Harem von vier bis acht Weibchen umgeben. Einer hätte mich einmal fast zerquetscht, weil er sich gerade auf einen Rivalen stürzen wollte, dann walzen die alles nieder. Ich lag schon halb unter ihm und mein Glück war nur, dass der Strand aus beweglichem Kies bestand, sodass der Druck etwas ausweichen konnte.

Kameramnn Frank Gutsche in der Antarktis
Kameramann Frank Gutsche in der Antarktis

ZDF: Wer hat Sie auf dieser außergewöhnlichen Reise begleitet? Oder sind Sie normalerweise alleine unterwegs?

Kieling: Es gibt immer einen zweiten Kameramann, Frank Gutsche, der mich bei meinen Begegnungen mit den Tieren filmt. Dazu noch ein Assistent. Wir sind also ein Dreierteam. Bei einem Tierfilm ist es ideal, wenn möglichst wenige Menschen vor Ort sind, damit sich die Tiere nicht gestört fühlen und sich unentspannt verhalten.

ZDF: War Cleo auch wieder dabei?

Kieling: Nein, Cleo war nicht dabei. Es war zu kalt. Wir hätten auch nie eine Genehmigung dafür bekommen, einen Hund mit in die Antarktis zu nehmen. Man will diese unberührte Natur freihalten von fremden Tieren und Pflanzen.

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