"Die Geschichte der Politik ist auch immer eine des Klimas"

Interview mit Professor Gunther Hirschfelder

Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder über Klima, Wetter, die Anpassungsfähigkeit des Menschen und den Zusammenhang zwischen Klima und kultureller Entwicklung.

ZDF: Was ist für den Menschen ein gutes Klima bzw.Wetter und wann ist das Klima bzw. Wetter schlecht für ihn?

Gunther Hirschfelder: Das hängt vom Blickwinkel des Betrachters ab. Für den modernen Mitteleuropäer ist schönes Wetter ein trockener Sommer mit Bildern, die uns gestatten, bildstarke Fotos zu machen, die freizeitorientiert sind. In der Vormodernen war gutes Wetter lediglich für die Landwirtschaft wichtig. Wenn's im Sommer geregnet hat, hat man sich unter Umständen gefreut und nicht gejammert.

Unsere Wahrnehmung von Klima und Wetter ist heute zwiespältig. Auf der einen Seite empfinden wir etwa schneereiche Winter als Schnee- und Verkehrskatastrophe. Auf der anderen Seite lieben wir diese Winterromantik. Wir gehen dann in die Natur und genießen den hohen Schnee. Diese bipolare Betrachtung des Wetters ist allerdings eine Erfindung der Moderne.

Professor Gunther Hirschfelder
Professor Gunther Hirschfelder Quelle: ZDF


ZDF: Wie anpassungsfähig ist der Mensch und was zeichnet ihn dabei aus?

Hirschfelder: Der Mensch ist in zweifacher Hinsicht enorm anpassungsfähig. Er kann im Laufe der Evolution seinen Körper verändern. Er kann im Laufe von zehntausenden von Jahren seine Hautfarbe verändern. Er hat aufgrund der klimatischen Besonderheiten überhaupt erst gelernt aufrecht zu gehen. Und er entwickelt Kulturtechniken, um mit Klimaungunst fertig zu werden. Anders als Tiere oder Pflanzen kann er sich mit Kulturtechniken gegen Hitze und Kälte schützen. Und so erlangte er Überlegenheit.


ZDF: Gibt es eine Phase in der Geschichte, in der man sieht, hier hat das Klima wirklich eine entscheidende Rolle gespielt?
Hirschfelder: Schon in der Urgeschichte der Menschheit gibt es enge Zusammenhänge zwischen kultureller Entwicklung und Klima, aber da haben sich keine Spuren erhalten. Möglicherweise gab es Kulturen, von denen wir gar nichts wissen und die in einer Klimagunst entstanden sind und in einer anderen untergegangen sind.

Dass wir den Zusammenhang zwischen Klima und kultureller Entwicklung viel genauer beobachten können, ist erst seit ungefähr 12.000 Jahren nach dem Ende der letzten Eiszeit der Fall: Da bildet sich die Jungsteinzeit heraus, das Neolithikum. Und in dieser Zeit lernt der Mensch als Reaktion auf das Klima sich von einer Jäger- und Sammlerkultur zu einer Ackerbaukultur hinzuentwickeln. Wir nennen das neolithische Revolution. Das ist der Knackpunkt in der Zivilisationsgeschichte der Menschheit.
Der Beginn des Ackerbaus als Antwort auf den Klimawandel hat eine riesige Palette von Auswirkungen. Jetzt haben wir haben dauerhafte Siedlungen, die dazu führen dazu, dass es Menschen gibt, die Boden besitzen und andere, die das nicht tun. Das heißt, eine soziale Differenzierung entsteht eigentlich erst mit dem Ackerbau. Und wenn ein Mensch und wenn menschliche Gruppen einen festen Wohnsitz haben, dann haben sie auch feste spirituelle Orte. Die Entstehung von komplexen Religionen und der Ackerbau, das gehört zusammen.

ZDF: Welchen Einfluss hat das Klima bei der Entstehung der ersten Hochkulturen?

Hirschfelder: Erste Hochkulturen entstehen da, wo das Klima es überhaupt zulässt. Oder wo das Klima die Menschen dazu treibt, Hochkulturen zu entwickeln. Ein solches Beispiel ist etwa das frühe Ägypten. Wir haben im nördlichen Afrika im Gebiet der Sahara im Neolithikum zunächst mal eine ausgedehnte Savannenlandschaft. Da siedeln die Menschen mitten in der Sahara, die damals blüht und grünt. Dann wird das Klima trockener und die Menschen müssen sich in die Flusstäler zurückziehen. In diesen Flusstälern müssen jetzt viele Menschen leben. Das zwingt zur systematischen Ordnung des Lebens, zu einer straffen Organisationsform. Und als Reaktion auf diesen Klimawandel haben wir in der Summe die Entstehung der ägyptischen Hochkultur im vierten vorchristlichen Jahrtausend.

Vor allem in der Frühphase war das alte Ägypten unglaublich innovativ. Wir haben das Entstehen einer komplexen Schriftlichkeit, einer komplexen Religion, eines sehr komplexen Agrarsystems, eines ausdifferenzierten Steuersystems, sprich einer ganzen Hochkultur, die innerhalb weniger Generationen entsteht.

ZDF: Was passiert mit den Menschen in Phasen der Klimaungunst, wenn das gewohnte Leben beeinträchtigt wird, etwa Versorgungsengpässe eintreten oder Lebensmittel knapp werden?

Hirschfelder: Phasen der Klimaungunst sind für die betroffenen Menschen oft sehr harte Phasen. Der Mensch fühlt sich unwohl. Er verliert ja sein angestammtes Leben. Er kann eventuell seine angestammten Speisen nicht mehr essen. Er hat vielleicht nicht genug zu essen. Und so sehen wir etwa im Verlauf der sogenannten Kleinen Eiszeit im späten 16. Jahrhundert, dass nicht nur die Winter härter waren, die Flüsse durchgefroren waren. Sondern wir sehen auch, dass die Menschen oft eine große Traurigkeit befallen hat, dass das Leben melancholisch geworden ist. Übrigens sind auch die Selbstmordraten drastisch gestiegen.

ZDF: Inwieweit fangen Menschen an, gegen Herrschaftssysteme zu rebellieren?

Hirschfelder: Die Geschichte der Politik und die Geschichte der Religionen ist auch immer eine Geschichte des Klimas. Das sehen wir am Ende des Römischen Reiches, als das Klima ungünstig geworden ist, die Steuereinnahmen gebröckelt sind. Das sehen wir an der Französischen Revolution, in deren Vorfeld, in den 1780er Jahren, es eine ganze Serie von Missernten gab, so dass die Bauern letztlich gegen ihren König aufgestanden sind. Das sehen wir an der 1848er Revolution. Und wir sehen das auch in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Ungunst des Klimas dazu geführt haben, dass viele Bauern im deutschsprachigen Raum ihr Auskommen nicht mehr gefunden haben und ausgewandert sind. Dahin, wo das Klima besser ist. Nach Russland und vor allem nach Amerika.

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