Irkutsk - Tor nach Sibirien

Anmerkungen von Filmautor Wojtek Krzeminski

Irkutsk überrascht mit seinen Supermärkten, Discos, Kinos und Klubs. "Ist das wirklich Sibirien?", fragen sich die Fremden. Hier sollte es doch keine Zivilisation geben - aber in Irkutsk gibt es alles.

Ein Kodak-Labor an der Karl-Marx-Hauptstraße bietet Fotos binnen einer Stunde an. Ein großes Netz an Parfümläden lockt mit den neuesten Düften. Doch Irkutsk ist lediglich eine Luxus-Insel im Meer der Armut, umgeben von im Schnee verlorenen Dörfern.

Sehnsucht nach alten Zeiten

Die hiesige Armut überwältigt. Man kann ihr nicht entkommen. Kein Wunder also, dass die Menschen hier die alten Zeiten vermissen. Damals war alles einfacher. Es gab genug Arbeit, es gab genug Geld. Doch vor allem gab es eine Ideologie - die Welt war so, wie sie die Partei dargestellt hatte.

Gleich nach unserer Ankunft wollen wir alte Holzhäuser filmen. Plötzlich kommt ein alter Mann aus einem dieser Häuser heraus und fängt an, uns zu beschimpfen: "Was wollt ihr hier? Habt ihr eine Drehgenehmigung?". Überrascht erwidern wir, wir kämen aus Polen und machten einen Film über Sibirien. "Ah, Polen", meint er und verfällt in Gedanken, dann aber lächelt er plötzlich wieder. "Weißt du, wer Polen befreit hat? Unsere Rote Armee." Dann wird er traurig: "Früher waren wir Freunde - Polen und die UdSSR. Doch jetzt habt ihr alles vergessen, jetzt schaut ihr nur gen Westen". Dann macht er eine abweisende Handbewegung und geht weg.

Leben in der Vergangenheit

Für ihn ist alles klar: Es war die UdSSR, die Polen von den Faschisten befreit hatte und sich dann ganze 50 Jahre lang mühevoll um das Land kümmerte. Doch die undankbaren Polen haben es vergessen und freundeten sich mit der EU und mit den USA an. Einige Tage später sehe ich in Irkutsk ein Plakat zum Film "Good Bye Lenin", den ich in Deutschland sehen konnte. Damals empfand ich ihn als Komödie oder eher als eine Farce.

Diesmal ist es anders. Ich erinnere mich an das Treffen mit dem alten Mann, der sich so sehr nach der vergangenen Epoche sehnte. Plötzlich verstehe ich, dass die Protagonistin des Films in Wirklichkeit das Alter Ego dieses alten Mannes und seiner Generation ist. Ein Symbol der Menschen, die in der Vergangenheit leben und mit der neuen Wirklichkeit nicht zurechtkommen.

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