"Is it really Maximilian Schell?"

Über die Dreharbeiten im Kloster Eberbach

Diesmal schneit es nicht. Nicht einmal der übliche Novemberregen fällt. Und wenn wir sonst bei Temperaturen um den Gefrierpunkt dick vermummt, aber dennoch bibbernd, in der mächtigen Basilika des Kloster Eberbach standen, so zeigt das Thermometer heute freundliche 10 Grad plus.

Maximilian Schell bei der Moderation im Kloster Eberbach
Maximilian Schell bei der Moderation im Kloster Eberbach Quelle: ZDF/Uta Rietmann

Bisher sind wir immer mit unseren Dreharbeiten in den Winter geraten. Die Nutzung des Klosters als Veranstaltungsort für das Rheingau-Musikfestival erlaubte es nicht, in einer wärmeren Jahreszeit zu drehen. In den freundlicheren Monaten des Jahres ist das riesige Kirchenschiff mit Hunderten von Stühlen befüllt, im Altarraum steht ein mächtiges Podest. Große Orchester-Ensembles lassen hier ihre Musik erklingen, die von den grauen Wänden herrlich reflektiert wird, was jeder Komposition eine gewisse sakrale Würde verleiht. In der Tat ein idealer Austragungsort für stilechte und daher auch immer ausverkaufte Musik-Events.

Drehtechnischer Supergau

Kloster Eberbach Haupthalle Quelle: imago/imagebroker

Da müssen wir eben zurückstehen mit unserem Dreh und bis zum Winter warten. Also regelmäßig frieren. Diesmal aber offenbar nicht! Frohgemut fahren wir dem Drehort entgegen und erreichen pünktlich gegen 18 Uhr die Klosterpforte. Noch eine halbe Stunde zuvor hatte Maximilian Schell gescherzt, dass heute alles doch verdächtig glatt liefe: der pünktliche Abflug in Graz, die Ankunft in Frankfurt bei Sonnenschein, die ausnahmsweise nicht vergessenen Moderationstexte und die angenehmen Temperaturen. Er ahnte noch nicht, dass der drehtechnische Supergau diesmal von ganz anderer Seite drohen würde.

Schon bei der Einfahrt wundern wir uns allerdings über die vielen amerikanischen Soldaten. Mit Handzeichen weisen sie uns den Weg zum Parkplatz, den wir eigentlich sehr gut kennen. Und spätestens nach den ersten Worten des Offiziers am Tor, der uns freundlich nach unserer Einladung fragt, dämmert es mir: Genau dort, wo wir heute die Welt der Kalifen, Maharadschas und Samurais auferstehen lassen wollten, findet ein militärisches Großereignis statt.

Militärisches Großereignis im Festsaal

Kloster Eberbach außenansicht Quelle: imago/imagebroker

Unser Optimismus verwandelt sich sekundenschnell in Panik: Zu eng ist unser Arbeitsplan, als dass wir uns auch nur die kleinste Zeitverzögerungen leisten könnten. Regelmäßig fechten wir in den drei Nächten, die uns für alle Moderationen einer Staffel gegönnt sind, einen heroischen Kampf gegen die Uhr, den wir immer nur knapp gewinnen. Ich stürze also zum Verantwortlichen - einem amerikanischen Offizier. "No, no", sagt er beruhigend, alles "no problem": Das Treffen der 1000 Veteranen findet nicht in der Basilika, sondern im Festsaal nebenan statt.

Nun gut, der Adrenalin-Spiegel sinkt wieder etwas. Ganz geheuer ist uns die Sache aber noch nicht. Und was machen eigentlich die zwei Soldaten dahinten, die gerade Tuba und Posaune aus ihrem Kofferraum heben? "Yes, of course", meint Mr. Offizier, "No festival without music." Ein Blaskappellen-Großaufgebot soll die Veteranen feiern - und das gleich dreieinhalb Stunden lang!

Schells Stimme gegen Militär-Blasmusik

Alles ist im Leben immer eine Frage der sorgfältigen Planung. Später werden wir erfahren, dass sich unsere Vermieter zuvor durchaus Gedanken darüber gemacht haben, dass zwei Veranstaltungen zur gleichen Zeit stattfinden. Aber doch in getrennten Gebäudeteilen. Dort in der Basilika die Filmer und nebenan die Veteranen. Kein Problem. Ein schlüssiges Konzept - wenn man davon ausgeht, dass Film eben nur Bild ist und nichts mit Ton zu tun hat. Keiner hat sich offenbar überlegt, wie Maximilian Schells dezente Bariton-Stimme gegen die schwungvolle Militär-Blasmusik von nebenan ankommen würde.

Inzwischen ist Maximilian aus dem Wagen gestiegen und nähert sich unserer aufgeregten Diskussionsrunde. Bislang hat Mr. Offizier immer nur mitleidig mit den Schultern gezuckt, wenn ich ganz verzweifelt "Oh my god!" gesagt habe. Jetzt nimmt er Haltung an. Offenbar erinnert ihn Maximilians imposante Gestalt an einen militärischen Vorgesetzten. "Darf ich vorstellen", sage ich, indem ich die Würde des Auftritts noch dramatisiere: "Unser Star: Maximilian Schell!"

"Can it be?"

Die Augen des Offiziers verschmälern sich zu Schlitzen. "Can it be?" höre ich, und "Is it really Maximilian Schell?" Der Offizier scheint plötzlich ganz aus dem Häuschen. "Of course! The famous Maximilian Schell!", schiebe ich schnell und möglichst pathetisch nach. Der Offizier ist begeistert. Es folgt eine herzliche Begrüßung. Ja, er habe als Junge diesen Film wieder und wieder gesehen. Weil sein Vater, ein Soldat des Zweiten Weltkriegs, diesen Film geliebt habe. Und deshalb habe auch er ihn geliebt, überhaupt sei das sein Lieblingsfilm: "Das Urteil von Nürnberg". Und dass er jetzt hier, im Kloster Eberbach, den Oskar-Preisträger Maximilian Schell treffe - also wirklich, das werde ihm keiner glauben. Schon gar nicht sein alter Vater.

Natürlich passe Blasmusik überhaupt nicht, wenn Mr. Schell die Geheimnisse der Geschichte aufdecke, das verstehe sich doch von selbst. Man werde ganz leise blasen - und überhaupt: Die Veteranen könnten vielleicht auch ohne Musik auskommen. Als wir später zwischen all unseren geschichtsträchtigen Utensilien in der mächtigen Basilika stehen, die im Licht unserer Scheinwerfer und in der Dunstigkeit unseres Rauchpulvers mindestens dreimal so mächtig erscheint wie im wirklichen Leben, hören wir tatsächlich nicht den geringsten Trompetenschall. Und fast schon haben wir zwischen Aladins Wunderlampe, japanischer Tee-Zeremonie und edelsteinbesetzten Maharadscha-Turbanen die musikalischen Militärs und ihre Veteranen vergessen.

Maximilian Schell erklärt: die Münze des Kalifen Abdel-Malek

Flüchtig wie der Wind

Aber dann muss Maximilian Schell laut Drehbuch eine uralte orientalische Münze in die Hand nehmen, auf der die Gestalt eines der erfolgreichsten islamischen Herrscher zu sehen ist: das Portrait von Abdel-Malek. Auch wenn dieser Abdel-Malek vor über 1000 Jahren mit Hunderttausenden von Soldaten siegreiche Schlachten ausgefochten hat, nur dieses eine Münzportrait ist von ihm übrig geblieben - mehr nicht. Es zeigt ihn als perfekten Herrscher und General: In der einen Hand hält er die Peitsche, die für seine Untergebenen gedacht ist, und in der anderen das Schwert, für seine Feinde.

Und während Maximilian nachdenklich die fingernagelkleine Münze in der Hand dreht und wendet, fällt ihm ein, dass zwischen Blasmusik und den großen militärischen Leistungen der Geschichte eine große Gemeinsamkeit besteht: Beide sind so flüchtig wie der Wind.

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