Isabella de' Medici

Porträt der First Lady von Florenz

Ihr Vater vergötterte sie, ihr ältester Bruder verabscheute ihren unkonventionellen Lebensstil: Isabella de' Medici, eine Frau, die das Zeug zur Herrscherin hatte – und es doch nie werden sollte.

Sie ist eine der brillantesten Frauen ihrer Epoche, doch in einer von Männern dominierten Welt sorgt Isabella de' Medicis Ausnahmestellung für Neid und Furore – auch und gerade in ihrer eigenen Familie, den Medici des 16. Jahrhunderts. Es ist die Zeit der Großherzöge der Toskana, der Verwand¬ten von Cosimo dem Älteren und Lorenzo dem Prächtigen, die längst nicht mehr dem Florentiner Bürgertum angehören, sondern in die führenden Königshäuser Europas eingeheiratet haben. Es ist die Zeit, in der Männer das Sagen haben und Frauen ihrer Willkür ausgesetzt sind. Und doch spielt in dieser Zeit die Geschichte des "Sterns von Florenz", einer Frau, die eine unerhörte Unabhängigkeit genießt – was Neider und Feinde der Medici zu ihrer Verleumdung inspiriert haben könnte.

Figur auf dem Schachbrett

Isabella Romola de’ Medici wird 1542 als drittes Kind und zweite Tochter des Herrscherpaares Cosimo I. de’ Medici und Eleonora di Toledo geboren. Sie muss sehr schön gewesen sein, denn die Lobpreisungen gehen weit über das Gebräuchliche hinaus. Vor allem aber werden ihr Geist gerühmt, ihre Intelligenz und Lebendigkeit. Gehobene Konversation, Latein, Grie¬chisch, Dichtung, Reitkunst, Musik und das strenge Hofprotokoll, das ihre Eltern in Florenz eingeführt haben, gehören zu ihrem Alltag. Kurzum: Sie ist die Tochter einer mächtigen Familie – und damit in erster Linie eine Figur auf dem Schachbrett der Politik. Das bedeutet damals für eine Frau: möglichst gewinnbringend in eine noch mächtigere Familie verheiratet zu werden, Kinder zu gebären und den Bestand der Familie ihres Mannes zu sichern.

Mit elf Jahren wird Isabella mit dem zwölfjährigen Paolo Giordano Orsini verlobt, mit 13 verheiratet und damit zur Herzogin von Bracciano in der Nähe von Rom. Ihr Vater erlässt aber eine Schutzklausel, wonach die Ehe erst nach ihrem 16. Geburtstag vollzogen werden darf. Bis dahin lebt Isabella in Florenz bei ihren Eltern. Doch auch danach wünscht Cosimo I., sie bei sich zu haben. Isabella zieht nicht wie vorgesehen nach Bracciano auf den gerade neu gestalteten Besitz von Paolo Giordano; es ist ihr Mann, der nach Florenz kommen muss, um sie zu sehen. Das verschafft Isabella eine enorme Unabhängigkeit von ihrem Ehemann, was für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich ist. Die Liebe ihres Vaters schützt Isabella vor einem allzu frühen Vollzug der Ehe – aber warum ihr Ehemann Paolo Giordano die räumliche Trennung von seiner Frau akzeptierte, ist unklar.

Die First Lady von Florenz

Duldet ihr Mann Paolo Giordano die Situation aus Gier, weil der Schwiegervater ihm immer wieder Geld gibt? Oder vielleicht doch aus Liebe zu Isabella, die in Bracciano allzu einsam gewesen wäre? Da Paolo aus einer mächtigen römischen Familie stammt, verreist er oft und verbringt viel Zeit in Rom auf der politischen Bühne. Sicher ist, dass sich Isabellas ungewöhnliche Position ausweitet, als sie 20 Jahre alt ist und ihre Mutter Eleonora di Toledo an Malaria stirbt. Fünf Jahre früher hatte ihr Vater Cosimo I. bereits seine älteste Tochter Maria verloren, die Trauer um die 16-jährige Lucrezia ist erst wenige Monate alt. Die geliebte Isabella ist von nun an die einzige Frau in der Familie. Sie wird zur Primadonna, tritt als First Lady von Florenz auf. Als solche wird sie auch von außen wahrgenommen, von anderen Mächtigen bis hin zum Vatikan. Dorthin begleitet sie ihren Vater, als dieser 1570 die Großherzogswürde aus den Händen des Papstes erhält. Isabella ist eine Frau von Welt: Sie hält Hof, diskutiert über Philosophie und Literatur, ihre Stimme hat Gewicht. Sie fungiert als Jurorin in Disputen, nimmt Anteil an der Diskussion über die toskanische Sprache, die zu dieser Zeit analysiert wird.

Doch ist sie weitaus mehr als eine Gelehrte: Sie liebt Musik, spielt mehrere Instrumente und schreibt Madrigale. Sie tanzt, gibt Unsummen für Kleidung und Vergnügungen aus. Ihr Motto ist „Flores fructusque simul“, was so viel wie „Blumen und Früchte gleichzeitig“ bedeutet und von ihrer großen Lust am Leben zeugt. Das betrachtet nicht jeder mit Wohlwollen: Sie schockiert die gehobene Gesellschaft, wenn sie in einer modernen Kutsche durch die Stadt fährt, schert sich insgesamt wenig um den guten Ton. Ihr vernarrter Vater lässt sie gewähren, doch warnt er sie, er würde nicht ewig leben, um sie zu beschützen. Die Warnung hat folgenden Hintergrund: Bereits zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau hatte sich Cosimo I. von den Staatsgeschäften zurückgezogen und sie seinem ältesten Sohn Francesco übergeben. Dieser war nicht so tolerant, was die Lebensführung seiner Schwester anging, konnte sich aber, solange der Vater lebte, nicht dagegenstellen.

Enorme Strahlkraft

Isabella de' Meidci und Troilo Orsini
Verbotene Liebe: Isabella und Troilo Orsini, der Cousin ihres Ehemannes

Isabella ist das weibliche Zentrum am Hof, obwohl ihr Bruder, Großherzog Francesco, mit Johanna von Österreich verheiratet ist – die eigentlich die erste Frau am Hof hätte sein sollen. Diese findet in ihr eine Vertraute, auch wenn Isabella sie bei weitem überstrahlt. Dass Isabella zudem enge Kontakte mit Bianca Capello, der Geliebten Francescos, pflegt, scheint kein Problem zu sein. Der Stern von Florenz übt auch eine große Faszination auf die junge Cousine Dianora aus, die von Cosimo I. mit dessen jüngsten, gewalttätigen Sohn Pietro verheiratet wurde. Aber Dianora hat einen Liebhaber und wird, nur eine Woche bevor Isabella stirbt, erwiesenermaßen von Pietro ermordet. Der wird dafür aber nie belangt werden.

Über die Beziehung zwischen Isabella und ihrem Mann Paolo Giordano ist sich die Wissenschaft bis heute uneins. Die traditionelle Überlieferung will, gestützt durch Romane und Theaterstücke, dass sich das Paar nie nahekam. Paolo soll wenig Vertrauen in die Treue Isabellas gehabt haben und ihr seinen Cousin, Troilo Orsini, als Aufpasser zur Seite gestellt haben. Der Legende nach verliebten sich Troilo und Isabella unsterblich ineinander, Paolo wurde rasend vor Eifersucht und ermordete seine Frau eigenhändig. Diese Version sollten Liebesbriefe von Isabella und Troilo bestätigen, die man gefunden hat, deren Echtheit aber nie zweifelsfrei bewiesen werden konnte.

Gesundheitsprobleme

Zudem gibt es Indizien, die dagegen sprechen: Im Orsini-Archiv in Rom ist vor Kurzem der umfangreiche Briefwechsel zwischen Isabella und Paolo ausgewertet worden. Es sind liebevolle Briefe, Freude und Trauer wechseln sich ab, wenn Isabella wiederholt schwanger wird und die Kinder verliert, bis sie 1568 Eleonora und 1572 Virginio bekommt. In den Briefen ist immer wieder die Rede von Gesundheitsproblemen Isabellas, die schließlich Paolo zu einer überstürzten Rückkehr nach Florenz bewegen. War Isabella eine Ehebrecherin und ihr Mann ein Mörder? Oder waren sie voller Zuneigung füreinander und Opfer einer Verleumdung von Menschen, die Isabellas Freiheit nicht gutheißen wollten?

Was in Isabellas Wohnsitz, der Villa Cerreto Guidi, am 16. Juli 1576 geschah, weiß niemand. Überliefert ist, dass Isabella ins Zimmer ihres Mannes gerufen wurde, sie soll voller böser Vorahnungen und Furcht gewesen sein. Dort wartete Paolo Giordano mit zwei gedungenen Männern und ließ sie mit einem Seil an der Decke erhängen. Die offizielle Version – genauso wie bei der zuvor tatsächlich ermordeten Dianora – spricht von einem natürlichen Tod. Aus den in Rom aufbewahrten Briefen geht hervor, dass Isabella an Wassersucht litt und allgemein keine gute Gesundheit hatte. War sie wirklich so schwer krank? Ihr überaus sensibles Wesen war nach vielen familiären Trauerfällen, vor allem dem Tod ihres Vaters 1574, sehr angegriffen. Der "Stern von Florenz" gibt also nach wie vor Rätsel auf, die hoffentlich eines Tages gelöst werden können.

    Der Artikel entstammt der Februar-Ausgabe des ARTE-Magazins.

    Ausstellungs-Tipp: " Die Medici - Menschen, Macht und Leidenschaft" ist vom 17. Februar bis 28 Juli in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim zu sehen.

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