Italien oder Lydien?

DNA-Studie stützt Einwanderungsthese

Die Historiker sind sich nicht einig, woher die Etrusker stammen. Die aktuelle Forschung tendiert dazu, sie als einheimisches Volk zu sehen. So könnten sie die Nachfahren der Villanova-Bevölkerung aus dem 10. und 9. Jahrhundert vor Christus sein. Der Genetiker Alberto Piazza hingegen will beweisen, dass die Etrusker ursprünglich aus der nördlichen Ägais stammen. Dies würde auch ihren besonderen Lebensstil erklären.

DNA-Struktur Toscana
DNA-Struktur Toscana

Auf der Insel Lemnos, in der nördlichen Ägäis, wurde 1884 eine Stele gefunden. Steinmetze ritzten dort vor 2700 Jahren eine Grabinschrift ein, deren Zeichen dem Etruskischen verblüffend ähneln. Dieser Fund entzündete Ende des 19. Jahrhunderts erneut eine Debatte über die Herkunft der Etrusker, die schon unter den Gelehrten der Antike Anlass wilder Spekulationen gewesen war.

Stele mit Grabinschrift von der Insel Lemnos

Orientalische Herkunft?

Manche der alten Schreiber behaupteten, die Etrusker seien aus Troja oder Persien nach Italien gezogen. Ihre ausdrucksstarke, eigenwillige Kunst ist bis heute für einige Forscher ein Hinweis, dass die Etrusker orientalischer Herkunft sein müssen. Woher also stammen sie wirklich? Dieser Frage widmet sich seit fast 20 Jahren Professor Alberto Piazza von der Universität in Turin. Wie Isidoro Falchi, der als Mediziner die 12. Etruskerstadt entdeckte, ist auch Piazza ein Quereinsteiger: Piazza ist kein Altertumswissenschaftler - sondern Genetiker.

Ein landesweites Forschungsvorhaben bringt Piazza auf eine heiße Spur. In seiner Studie analysiert er das italienische Erbgut. Merkwürdigweise weicht in einer bestimmten Region Italiens die DNA deutlich vom Rest des Landes ab. Genau dort nämlich, wo einst vor 2000 Jahren die Etrusker lebten: in der südlichen Toskana. Im nächsten Forschungsschritt sucht Piazza westlich von Siena drei Gemeinden aus, in denen er glaubt, auf etruskische Wurzeln zu stoßen. In Volterra deutet schon das von den Etruskern erbaute Stadttor auf die Bevölkerungsgeschichte des Ortes hin.

Erbinformationen aus ganz Europa

Für seine Analysen konzentriert sich Piazza jetzt auf die väterliche Abstammungslinie. In Volterra sucht er nach Männern, die seit mindestens drei Generationen hier leben. Die DNA dieser Männer vergleicht der Turiner Wissenschaftler in jahrelanger Arbeit mit Erbinformationen aus ganz Europa. Er nähert sich so einer Antwort auf die Frage, an der Generationen von Wissenschaftlern vor ihm scheiterten: Sind die Etrusker eingewandert? Oder waren sie doch in Italien heimisch und haben sogar noch vor den Römern eine eigene Hochkultur entwickelt?

Genetische Landkarte

15.000 Erbgutsequenzen hat Piazza allein bis 2007 analysiert. Das Ergebnis ist die "genetische Landkarte". Sie zeigt, dass die DNA der Männer aus Volterra die größten Übereinstimmungen mit einer Volksgruppe hat, die nahe der Insel Lemnos lebt, im westlichen Anatolien, was die Römer Lydien nannten. Es könnte daher so gewesen sein wie es Herodot beschrieb: "Als sich Armut und Hungersnöte in Lydien ausbreiteten, zogen die Menschen gen Westen und gelangten über Griechenland schließlich nach Italien." Die Frage, die seit der Antike die Gelehrten in zwei Lager teilt, scheint dank der genetischen Studien Piazzas nun beantwortet.

Eigener Lebensstil

Wenn die gut belegte These Alberto Piazzas stimmt, könnte sie auch den Punkt klären, über den sich ausnahmsweise fast alle Gelehrten seit der Antike einig sind: Die Etrusker waren anders. Das betrifft nicht nur ihre Bauwerke, sondern ihren gesamten Lebensstil. Frauen waren unabhängig, hatten eigenes Geld, eigenen Besitz - etruskische Paare lebten aus unserer Sicht modern. Doch vor allem die Sprache unterschied sich deutlich von allen anderen europäischen Sprachen. Ihre nächste Verwandte findet sich bei den Inselvölkern auf Lemnos. Ein weiterer Hinweis, der für die Einwanderungs-Theorie spricht, die auch Alberto Piazza stützt.

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