"Jeder Mensch kommt gerne irgendwo an"

Labyrinth-Forscher Gernot Candolini im Interview

Er kennt die Vergangenheit der Labyrinthe. Deshalb kann Labyrinth-Forscher Gernot Candolini auch viel über ihre Gegenwart und Zukunft verraten.


ZDF: Der Film stellt mehrere Irrgärten und Rasenlabyrinthe vor. Welche lohnen in Deutschland einen Besuch?


Gernot Candolini: Erstaunlicherweise gibt es in Deutschland nur noch zwei historische Hecken-Irrgärten: den um 1750 erbauten Irrgarten in Alt-Jeßnitz bei Bitterfeld und den von Herrenhausen in Hannover. Als neuzeitliche dauerhafte Anlage kann ich nur das große Labyrinth von Kleinwelka bei Bautzen nennen.
Interessant sind auch die alten Rasenlabyrinthe aus dem 17. Jahrhundert. Drei dieser Anlagen haben sich bis heute erhalten: die beiden so genannten "Schwedenringe" von Steigra in Sachsen-Anhalt und von Graitschen in Thüringen sowie "Das Rad" im Eilenrieder Forst von Hannover.


ZDF: Welche Labyrinth-Form stellt "Das Rad" von Hannover dar?


Candolini: Anders als die "Schwedenringe" hat "Das Rad" zwei Eingänge, von denen aus gleich lange Bahnen zur Mitte führen. Dieser Typ war einst in Deutschland sehr beliebt und forderte regelrecht zum Wettrennen auf. Aus Stolp in Pommern berichten Chronisten von solchen Wettkämpfen zum Maifest. Dort gab es eines der größten Rasenlabyrinthe mit 19 Umgängen. Wer am schnellsten durch die schmalen Wege kam, wurde mit einem Ei belohnt. Ein Brauch, der auch anderswo an Feiertagen üblich war.


ZDF: Auch Friedrich Ludwig Jahn begeisterte sich für das Wettkampf-Labyrinth. Wofür setzten er es ein?


Candolini: Als Turnvater Jahn im 19. Jahrhundert seine Sportstätten plante, griff er die Idee auf und ließ so genannte "Wunderläufe" bauen. Er wollte mit Hilfe der gewundenen Bahnen die Schulung der Bewegungs-Koordination fördern. Vom Laufen im Kreis mit den vielen Wendungen versprachen sich die Turner ein umfassendes Training von Körper und Gehirn. So wurde 1817 auf dem neuerbauten Sportplatz Hasenheide in Berlin das erste Labyrinth angelegt. Die Idee verbreitete sich bis nach Rußland.
Aber die Wettrennen auf der Geraden - wie wir sie heute kennen - setzten sich immer mehr durch und lösten den spielerischen Umgang mit der Bewegung ab. Und nach etwa einem halben Jahrhundert, so gegen Mitte des 19. Jahrhunderts, verschwanden die "Wunderläufe" allmählich wieder von den Turnplätzen.


ZDF: Was reizt die Menschen bis heute an der uralten Form?


Candolini:Neben dem Spaß und der Freude an der Bewegung sind auch ganz einfache, aber grundlegende Lebensweisheiten im Labyrinth verborgen, wie zum Beispiel: Geh weiter, dann kommst du an! Oder: Hab keine Angst vor einer Wendung, umschreite sie, der Weg führt dich weiter. Und das schöne am Labyrinth ist ja auch, dass man nicht in die Irre gehen kann. Der Irrgarten stellt die Frage: Geh' ich falsch oder geh' ich richtig?
Das Labyrinth stellt hingegen die Frage: Geh' ich oder geh' ich nicht? Und dann kommt ja noch etwas Interessantes hinzu: Jeder Mensch kommt gerne irgendwo an. Es ist für mich immer wieder faszinierend, zu beobachten, wie Menschen in der Mitte eines Labyrinths verweilen, wie sie dort bleiben, wie Kinder sich niederlassen, wie Leute zu singen anfangen und jeder sich offensichtlich dort geborgen fühlt.


ZDF: Sie haben auch selbst Labyrinthe entworfen. Wie sind Sie auf die Idee mit den Kerzen gekommen?


Candolini: Licht ist grundsätzlich etwas Anziehendes, offenes Licht ganz besonders. Beide Elemente, Licht und Labyrinth zu verbinden, war für mich eine faszinierende Herausforderung. Ein Lichter-Labyrinth aufzubauen, bedeutet auch immer einen besonderen Ort für Menschen zu schaffen.
Obwohl ich den Effekt nun schon durch viele Erfahrungen kenne, bin ich immer wieder aufs Neue überrascht, zu sehen, wie sehr es die Menschen berührt, so einen Lichtweg zu betrachten und zu durchschreiten.


ZDF: Hat das Labyrinth eine Zukunft?


Candolini
: Das Labyrinth hat nicht nur eine 5000-jährige Vergangenheit, sondern sicher auch eine 5000-jährige Zukunft. Wobei es immer Phasen einer Blütezeit gibt, so wie wir es jetzt gerade erleben. Doch es könnte auch für einige Jahrhunderte in Vergessenheit geraten, aber irgendwann wird es bestimmt wieder auftauchen. In den letzten Jahren entstanden über 500 neue Labyrinthplätze vor allem in Süd- und Mitteldeutschland, der Schweiz, in Österreich und den USA.
Die Menschen werden sich vielleicht einmal fragen, was da am Anfang des dritten Jahrtausends so Besonderes war, dass es damals eine so vielfältige Renaissance des uralten Zeichens gab.

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