Jet-Set-Leben zwischen Euphorie und Depression

Abstinenz am Wiener Hof lässt Beliebtheit beim Volk sinken

Mit 30 Jahren steht Sisi auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Doch nach ihrem Engagement in Ungarn fehlt ihr die Herausforderung. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ihr Höhenflug gleichzeitig der Tiefpunkt ihrer Beliebtheit in Wien bedeutet, wo sie sich nur noch sporadisch aufhält. Die Kaiserin zieht es wieder hinaus auf die See.

Sisi mit Pferden (Spielszene) Quelle: ZDF,Attila Kleb

Pferde als neue Leidenschaft

Sisi mit tätowiertem Anker auf der Schulter (Spielszene) Quelle: ZDF,Attila Kleb

Als Zeichen für ihre Liebe zum Meer lässt sich die Monarchin einen Anker auf die Schulter tätowieren. Eine Provokation sondergleichen. Sie beginnt ein Jet-Set-Leben, kauft Villen in England und am Mittelmeer. In ihrer Überspanntheit und ihrem Narzissmus gleicht sie Ludwig II., ihrem Wittelsbacher Cousin. Wie Bayerns Märchenkönig kokettiert sie mit ihrer Verrücktheit und fühlt sich als Auserwählte, die keinem Gesetz unterworfen ist. Am englischen Königshof zerreißt man sich das Maul über das unglaubliche Benehmen der Monarchin. Elisabeth aber kümmert sich nicht um Konventionen.



Nach ihrem ungarischen Intermezzo entdeckt Sisi eine neue Leidenschaft. Sie kauft die edelsten Pferde und beginnt mit der gleichen Manie, mit der sie alles tut, zu reiten. Sisi will bei der Fuchsjagd in England die "Königin hinter der Meute" sein und wie eine Artistin durch Reifen springen. Für das Training engagiert sie die versiertesten Reitlehrer - und verdreht ihnen den Kopf.

Mit ihrer "wahrhaft königlichen Haltung auf dem feurigen Pferde" sorgt die schöne Sportslady für Schlagzeilen in den Boulevard-Blättern ihrer Zeit. Schon damals haben die Zeitungen die Ereignisse in Bildern festgehalten. Trotz Zensur wagten sie auch verklausulierte Kritik. Der Reitsport sei ein teurer Zeitvertreib einer bestimmten Gesellschaftsklasse, und es stehe einer Kaiserin nicht an, sich als Mitglied dieser Kaste zu erweisen. Meist aber geht es um die reine Sensation. "Stundenlang harren die Neugierigen aus", schreibt ein Journal. "Doch nur selten gelingt es, die kühne Reiterin zu Gesicht zu bekommen."

Kolportierte Seitensprünge

Sisi schart die Elite der Reiter um sich. Sie sucht ihre Gesellschaft nicht länger nach adeligem Rang, sondern nach Reitkünsten aus. Dandys aus noblen Jockey-Clubs, die Meister der Parforce-Jagden, selbst Zirkusreiter. Ihre Trainer sind die einzigen Männer, von denen sich die egozentrische Sisi etwas sagen lässt. Am Hof kolportiert man erneut Seitensprünge der Kaiserin.

Gründonnerstagszeremonie Fußwaschung alter Frauen mit Sisi (Spielszene) Quelle: ZDF,Attila Kleb

Ihre Stimmungen wechseln wie Sonne und Wolken. In Wien zeigt sie sich jahrelang nicht in der Öffentlichkeit. Das Volk will in ihr die Kaiserin der Herzen sehen. Aber es bleibt die große Ausnahme, wenn sie bei einer Gründonnerstagszeremonie die traditionelle Fußwaschung alter Frauen zelebriert. Als Trösterin der Armen will sie am liebsten unerkannt bleiben: "Jedem einzelnen möchte ich helfen, ja tauschen mit der ärmsten Frau", sagt Elisabeth. "Aber das Volk als Masse fürchte ich. Warum? Ich weiß es nicht. Und unsere Sippe! Die verachte ich mit allem Firlefanz um uns herum."

Hang zum Spiritismus


Die Hermes Villa in Wien ist das Refugium für die immer trübsinnigere Sisi. Der Selbstmord ihres Königsvetters im Juni 1886 verstärkt den Hang der 48-jährigen zum Spiritismus. Sie ist überzeugt, in Kontakt mit dem toten Ludwig von Bayern zu stehen, dem Spiegelbild ihrer eigenen Depression. In ihrem Zauberschloss dichtet sie sich den Schmerz von der Seele. Elisabeth ist überzeugt, dass Heinrich Heine ihr die Verse direkt in die Feder diktiert. Franz Joseph nennt das "Wolkenkraxeleien". Ihre Gemächer sind pompös überladen, mit Szenen aus ihrem Lieblingsstück, dem "Sommernachtstraum".

Pompöses Gemach von Sisi Quelle: ZDF


Die Gedichte offenbaren den Blick in die Gefühlswelt der Kaiserin. Erst vor einigen Jahren hat die Historikerin und Elisabeth-Expertin Brigitte Hamann sie in einem Archiv in Bern wiederaufgefunden. Sisi hütete ihre "Wolkenkraxeleien" wie ein Staatsgeheimnis und ließ die Manuskripte in der Schweiz aufbewahren. Neben einigen Naturgedichten gibt es auch frechere Gedichte über den Wiener Hof, in denen sie ihre Leute verspottet.

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