Julius Kröhl - Der vergessene Vater der U-Boote

Über den Entwickler der "Explorer"

Drei lange Jahre wusste der Unterwasserarchäologe James Delgado nicht, welcher Sensation er auf die Spur gekommen war, als er im Sommer 2001 am Strand der unbewohnten Pazifikinsel San Telmo auf ein völlig verrostetes Wrack stieß. Und selbst als ein Artikel in einem Wissenschaftsjournal aus dem Jahr 1902 den Fund als U-Boot aus dem Jahr 1866 offenbarte, erfuhr Delgado über den Erbauer gerade mal den Namen.

Julius Kröhl arbeitet in seiner Schmiede. (Spielszene)
Julius Kröhl arbeitet in seiner Schmiede. (Spielszene) Quelle: ZDF

Julius Kröhl hieß der Erfinder des Tauchschiffs. Wer aber war dieser Julius Kröhl? Und wie hatte er es geschafft, das erste funktionstüchtige U-Boot der Welt zu bauen? Fragen, die nicht nur James Delgado, sondern auch den amerikanischen Historiker John McKee von der University of Oklahoma neugierig machte. Erste Hinweise fanden die Wissenschaftler in zahllosen Dokumenten, die sie in den unterschiedlichsten US-Archiven zusammentrugen. Die Notizen fügten sich zu einer einzigartigen Geschichte über das Leben des deutschen Ingenieurs. Sie führt zu noch lebenden Angehörigen in den Vereinigten Staaten, zu genialen Großbauten des Eisenspezialisten in New York und zu einem einsamen Friedhof in Panama.

Kein großer Patriot

Julius Kröhl wird 1820 in der ostpreußischen Hafenstadt Memel als dritter Sohn des Kaufmanns Jakob Kröhl und seiner Frau Johanna geboren. Als er neun Jahre alt ist, zieht die Familie nach Berlin. Im dortigen Einwohnermeldeamt ist die Adresse mit Haus-Vogtei-Platz Nr. 11 archiviert. In Berlin geht Julius Kröhl zur Schule und studiert Ingenieurswesen. Seinen Wehrdienst absolviert er bei der Preußischen Armee. Ein großer Patriot scheint er nicht gewesen zu sein. Durch das damalige Deutschland zieht eine Welle der Unzufriedenheit mit den monarchischen Strukturen der zahlreichen Kleinstaaten. Auswanderung wird zur populären Lösung und Amerika zum beliebten Ziel.

Auch Julius Kröhl zieht es ins "gelobte Land". Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Henry beschließt er, seiner Heimat für immer den Rücken zu kehren. Laut Passagierliste erreichen die beiden jungen Männer am 19. Mai 1844 New York. In der aufstrebenden Metropole fasst der Ingenieur schnell Fuß. In "Klein Deutschland", einem Viertel im Südosten Manhattens, lässt sich Kröhl nieder und schließt sich einer Freimaurerloge an. Im Laufe der Jahre wechselt er zwar häufiger die Wohnung, dem Stadtteil jedoch hält er Zeit seines Lebens die Treue.

Eisen als Baumaterial

Zunächst versucht sich Kröhl als Spezialist für Unterwassersprengungen. Bei Arbeiten am Diamond Reef im East River lernt er eines Tages den Holländer Van Buren Ryerson kennen. Der Unternehmer schickt seine Leute in einer Tauchglocke in die Tiefe. Die Sauerstoffzufuhr regelt ein Luftschlauch, der an dem Gerät befestigt ist. Kröhl ist inspiriert und fängt an zu tüfteln. Er träumt davon, ein Unterwasser-Gefährt zu bauen - und zwar aus Eisen. Der Deutsche erkennt schon früh das riesige Potenzial des stabilen Werkstoffs. Wenn es gelänge, Eisen nach Belieben zu verarbeiten, hätte Holz als Baumaterial weitgehend ausgedient.

Kröhl entwickelt sich zur Koryphäe auf dem Gebiet der Metallverarbeitung. Als New York 1853 zum Austragungsort einer internationalen Wirtschaftsmesse avanciert, präsentieren die Verantwortlichen der Weltöffentlichkeit einen Prachtbau. Julius Kröhl ist der verantwortliche Ingenieur der Ausstellungshalle. Er entwirft einen Kristallpalast mit einer aufwändigen Glaskuppel, gestützt auf Eisenträgern. Von dem Bauwerk existieren nur noch Konstruktionspläne und einige detailgetreue Zeichnungen. Das Gebäude selbst fiel bereits zwei Jahre nach der Messe einem verheerenden Brand zum Opfer.

Für die Nordstaaten im Krieg

Doch mit dem genialen Entwurf steigt der Einwanderer in der feinen New Yorker Gesellschaft auf. Bereits 1854 meldet der Erfinder sein erstes Patent an - und zwar für eine Eisenverarbeitungsmaschine. Im selben Jahr heiratet er die streng-katholische Sophie Leubner in Washington. Erstaunlicherweise bleibt Sophie auch nach der Hochzeit bei ihren Eltern, während Kröhl in New York weiter an seiner Karriere bastelt. 1856 konstruiert er einen eisernen Feuerbeobachtungs-Turm in Harlem. 1861 zieht der Deutsche für die Nordstaaten sogar in den amerikanischen Bürgerkrieg. Als Spezialagent für Unterwassersprengungen soll er Blockaden im James River und im Mississippi räumen und den Weg für die Flotte frei machen. Eine gefährliche Mission, bei der es immer wieder zu schweren Unfällen kommt.

Als Kröhl an Malaria erkrankt, kehrt er nach New York zurück. Seine Erfahrungen im Militärdienst verarbeitet der geschickte Geschäftsmann mit der Umsetzung seines lang gehegten Traums. Er beginnt mit der Entwicklung eines U-Bootes. Die "Explorer" besitzt eine Doppelhülle für die Regelung der Luftzufuhr und Balastkammern. Ein System, das der Crew ermöglicht, das Ab- und vor allem das Auftauchen selbst zu bestimmen - auch aus einer Tiefe von über dreißig Metern. Im Juni 1863 bietet Kröhl seine Idee der US-Navy an. Doch ohne Erfolg. Die Admiralität lehnt ab, weil sie sich bereits für ein anderes U-Boot entschieden hat. Doch die "Alligator" sinkt noch vor ihrem ersten Einsatz in einem Sturm.

Solventer Partner

Der Deutsche lässt sich nicht beirren und arbeitet Tag und Nacht an seinem Tauchschiff. In William Henry Tiffany findet er schließlich einen solventen Partner. Der Bruder des bekannten New Yorker Juweliers hat von reichen Perlenvorkommen im Pazifik gehört und wittert das große Geld. Gemeinsam mit drei anderen Industriellen gründet Tiffany die Pacific Pearl Company mit Sitz in Panama City. Der Firmenboss braucht dringend ein zuverlässiges Unterseeboot, das den effektiven Abbau von Perlen im großen Stil möglich macht.

Für Tiffany scheint Kröhl genau der richtige Mann zu sein. Er bietet ihm eine gigantische Summe als Unterstützung, und die "Explorer" wird gebaut. Am 30. Mai 1866 besteht das U-Boot die Feuertaufe im Hafenbecken des East Rivers. Noch im selben Jahr lässt der geniale Ingenieur die "Explorer" wieder auseinander nehmen und in Einzelteilen an die Ostküste Panamas verschiffen. Von dort organisiert Julius Kröhl den reibungslosen Weitertransport per Bahn mit der Panama Railroad Company nach Panama City - für damalige Verhältnisse eine logistische Meisterleistung.

In Vergessenheit geraten

Vor Ort beginnt der Zusammenbau im Rekordtempo. Die Tageszeitungen berichten beinahe täglich über den merkwürdigen Tauchapparat und seinen illustren Kapitän. Immer wieder lädt Kröhl die High Society von Panama City zu Rundfahrten auf den Meeresboden ein - die oberen Zehntausend zeigen sich begeistert. Die Testphase verläuft nach Plan, bis Kröhl und seine Männer plötzlich erkranken. Nach einer Woche ist die gesamte Mannschaft tot. Die Diagnose des Arztes, der den Totenschein ausstellte, lautet "Fieber als Folge einer Malariaerkrankung". Den Befund vermittelt der amerikanische Konsul auch an Kröhls Witwe Sophie. Inzwischen glauben Wissenschaftler den tatsächlichen Grund für die plötzliche Erkrankung der achtköpfigen Crew zu kennen.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit starben Kröhl und seine Leute an der berüchtigten Taucherkrankheit - nur wusste das damals niemand. Nur wenige Wochen später ereilte die Ersatzmannschaft dasselbe Schicksal. Vermutlich hatte die Besatzung auf der unbewohnten Insel Telmo ein Quartier eingerichtet, um die Perlen aus den Muscheln zu holen und zu verpacken. Als die Taucher erkrankten, ließen sie die "Explorer" zurück. Dort blieb sie im flachen Uferbereich liegen und verrottete. Die Pacific Pearl Company stellte ihre Geschäfte nach den beiden Unglücksfällen ein. Julius Kröhl und seine Erfindungen gerieten in Vergessenheit. Nicht einmal ein Porträt existiert vom Pionier der Unterseeboote. Lediglich ein Pass aus dem Jahr 1854 liefert ein vages Profil des Deutschen: Knapp ein Meter siebzig soll er gewesen sein mit grauen Augen, schmalem Kinn, ovalem Gesicht, braunen Haaren, mittelgroßem Mund, hoher Stirn, gerader Nase und heller Haut.

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