Kaiserlicher Schatz in Konstantinopel

Das Jesustuch erreicht die Metropole der Macht

Das Tuch wird zur Superreliquie. Sein Besitz entscheidet im Jahr 943 über Krieg oder Frieden. Bei der Belagerung des inzwischen muslimisch beherrschten Edessa kommt es statt zu Kampfhandlungen zu einem Vertrag.

In dem Vertrag sichert Kaiser Konstantin VII. den Belagerten sofortigen Truppenabzug, dauerhaften Frieden und die Zahlung einer immensen Geldsumme zu, wenn im Gegenzug das begehrte Tuch mit dem wundersamen Antlitz in seinen Besitz übergeht. Ein unschlagbares Angebot. Feierlich wird die heilige Trophäe nach Konstantinopel überführt.

Wie ein Triumphzug

Als kaiserlicher Schatz erreicht das Jesustuch mit seinem Einzug in Konstantinopel die Metropole der Macht. In der damals größten Kirche der Christenheit, der Hagia Sophia, wird seine Ankunft wie ein Triumphzug zelebriert.



Ein Dokument, das in dieser Zeit in Konstantinopel auftaucht, enthält einen neuen, entscheidenden Hinweis. Die syrische Handschrift überliefert: "Das Tuch zeigt nicht nur ein Gesicht, es zeigt die Gestalt des ganzen Körpers". War auf dem Tuch bisher immer nur der Ausschnitt mit dem Gesicht zu sehen, musste es also entsprechend gefaltet gewesen sein. Das in alten Texten für das Edessa-Tuch gebrauchte Wort "Tetradiplon", griechisch für "Vierfachdopplung" spricht ebenfalls dafür. Durch die Faltung zu einem Rechteck in vier doppelten Lagen ist das Ganzkörperbild verdeckt. Sichtbar bleibt nur das Gesicht.

Geplünderte Schätze

Im Jahr 1205, zur Zeit des Vierten Kreuzzuges, werden Tausende von Rittern Richung Osten in den Krieg geschickt. Eine Eroberung im Zeichen des Kreuzes. Konstantinopel wird dem Erdboden gleichgemacht, Schätze und Reliquien werden geplündert. Nach dem geheimnisumwitterten Tuch aber sucht man vergeblich.

Die Spur verliert sich

Der französische Kreuzfahrer Robert de Clari erinnert sich: "Es gab dort eine Kirche, wo das Tuch aufbewahrt war. Jeden Freitag wurde es in seiner ganzen Länge entfaltet und zur Schau gestellt, so dass man deutlich den Abdruck der Figur des Leichnams Christi von vorne und von hinten als ob er aufrecht vor einem stünde betrachten konnte. Aber keiner, weder Grieche noch Franzose wusste, was mit dem Tuch geschehen war, als die Stadt genommen wurde."



Nach der Plünderung Konstantinopels setzt sich ein Teil der Ritter in das Kreuzfahrerimperium Athen ab. Athen ist zu dieser Zeit Stützpunkt des einflussreichen Ordens der Tempelritter. Hier wird das Grabtuch noch einmal gesehen, bevor sich seine Spur verliert. Kreuzen sich in Athen die Wege der mächtigen Reliquie und des damals mächtigsten Ordens der Christenheit?



Die Templer nennen sich "die arme Ritterschaft Christi vom Salomonischen Tempel Jerusalem". Eine geheimnisvolle, verschworene Bruderschaft, deren kometenhafter Aufstieg mit den Kreuzzügen beginnt. Die Einnahme Jerusalems bildet für die Templer den Grundstein ihres sagenhaften Reichtums. Vom Westen Frankreichs bis zu den Küsten Palästinas erstreckt sich ihr Besitz. Die Festungen der Tempelritter werden zu Schatzkammern und sind die ersten Geldhäuser.

Rätsel über geheime Rituale

Das Jesustuch als heiße Ware aus Konstantinopel hätte nur von den Templern in Gold bezahlt werden können. Oder wurde es ihnen anvertraut? Kein Dokument kann einen solchen Transfer belegen. Bis heute aber rätselt man über einen verborgenen Schatz und über geheime Rituale, mit denen die Bruderschaft einem bärtigen Männerantlitz huldigte. War es das Antlitz Jesu Christi - abgebildet auf einem Stück Stoff?

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet