Kampf gegen das Wasser

Widrige Umstände bei der Suche nach der Prußen-Siedlung

Die Suche nach der Prußen-Siedlung konzentriert sich auf das Gelände um das Wäldchen Kaup bei Wiskiauten. Über Jahrzehnte sind hier viele Spuren vernichtet worden. Deshalb suchen die Archäologen nach typischen Landschaftsmerkmalen für eine Siedlung. Eine Erhebung oder Hinweise auf einstige Uferbereiche, beispielsweise durch einen veränderten Küstenverlauf.

Wassereinbruch im Grabungsloch Quelle: Stephan Zengerle

Timo Ibsen muss auf der Suche nach einer untergegangenen mittelalterlichen Handelsstadt eine schier unendliche Fläche untersuchen. Klassische Oberflächenbegehungen fallen aus, weil der Bewuchs sich dafür nicht anbietet. Durch geologische Untersuchungen versucht er zunächst, das mögliche Siedlungsgelände einzugrenzen, im Anschluss werden geomagnetische Messungen durchgeführt. An geeigneten Stellen mit Auffälligkeiten stehen dann archäologische Ausgrabungen auf dem Plan.

Am besten den ganzen Stadtplan

Auf dem Gelände einer Autowerkstatt im ehemaligen Wiskiauten, heute Mohovoe im russischen Oblast Kaliningrad beginnt der Zusammenbau der geophysikalischen Messapparate. Spezialisten der Universität Kiel "durchleuchten" mit hochsensiblen Sonden das Erdmagnetfeld rund um das Hügelgräber-Wäldchen Die Messgeräte registrieren feinste Störungen. Auch mit Hilfe von Georadar wollen die Wissenschaftler Mauerreste, Gräben, Straßen, im besten Fall den ganzen Stadtplan einer frühmittelalterlichen Siedlung aufspüren.

Bohrkern nahe dem Wäldchen Kaup Quelle: ZDF

An der Suche nach der "Stecknadel im Heuhaufen" beteiligen sich zusätzlich Geologen. Durch Bohrungen soll das Terrain sondiert werden. Finden sie Holzkohle oder Keramik in ihren Bohrkernen, wissen sie, dass an dieser Stelle Menschen gelebt haben. Das wäre aber ein großer Zufall. Vorrangiger ist ihnen die Rekonstruktion der Landschaft zur Prußenzeit vor 1000 Jahren. Muschelfragmente weisen auf einstiges Wasservorkommen hin. Das könnte bedeuten, dass Wiskiauten wie Haithabu einen Zugang zum Meer hatte, die Voraussetzung für eine Handelsmetropole. Geophysiker Harald Stümpel hat die Messergebnisse zusammengefasst. Der erhoffte Stadtplan ist es leider nicht geworden. Zu viele Metallobjekte aus dem Zweiten Weltkrieg stören das Bild. Doch für den Spezialisten sind deutlich Anomalien zu erkennen, von Menschenhand geschaffene Strukturen.

Spuren eines Feuers (Erdverfärbungen) Quelle: ZDF

Verheißungsvolle Flächen

Fünf Monate später werden die vorgesehenen Grabungsflächen zentimetergenau eingemessen. Mit präzise gesetzten Schnitten wollen sie unter der Grasnarbe die vermutete Siedlung aufspüren. Anhand der geophysikalischen Karte werden drei verheißungsvolle Flächen - A, B und C - ausgewählt. Schon nach wenigen Zentimetern stoßen sie bereits auf menschliche Zeugnisse. Für den Laien kaum erkennbar, für den Archäologen ein Glücksfall: Erdverfärbungen. Die dunkle Fläche besteht aus Holzkohle. Vor einem Jahrtausend müssen hier Menschen hier am Feuer gesessen haben.

Waschen einer Tonscherbe Quelle: ZDF

Über Nacht ist in Grabungsschnitt B ist das Grundwasser gestiegen, der ärgste Feind der Archäologen. Ibsen muss die Pumpen anwerfen, doch die sind von den Wassermassen überfordert. Die Ausgrabungen können erst weiter gehen, wenn das Wasser abgesaugt ist. Doch auch bei C erwartet die Forscher eine Überschwemmung. Hier ist es "nur" Regenwasser, das über Nacht den sauberen Grabungsschnitt in ein Matschloch verwandelt hat. Ibsens Team gibt nicht auf. Sie nützen das Wasser und bauen einen Damm, um später die Funde leichter waschen zu können.

Keine Wikinger-Kolonie

Je tiefer die Fundschicht liegt, desto älter ist sie. Die entnommene Erde wird sorgfältig durchsiebt. Eine kleiner Scherbenfund verrät Entscheidendes über Fläche C. Sie ist frühmittelalterlich und einheimisch. Diese Fläche bedeutet, dass die Prußen hier schon gesiedelt haben, bevor die Wikinger angekommen sind. Die Skandinavier haben hier keine neue Siedlung gegründet, also keine Wikinger Kolonie, wie es die Nazi-Archäologie in den 30er Jahren vermutete. Für Spannung sorgt eine schwarze Brandschicht. Ibsen sieht in ihr einen weiteren Hinweis im Prußen-Rätsel. Die Holzkohle wird zur Datierung sichergestellt, sie ergibt das Jahr 654 nach Christus. Und sie deutet auf eine Katastrophe hin: Auf einen großen, die Häuser vernichtenden Brand.

Der Kampf gegen das Wasser in Fläche B hat den Terminplan der Archäologen gefährlich verzögert. Werden sie überhaupt noch auf verwertbare Spuren stoßen? Hat das Grundwasser über die Jahrhunderte nicht längst alles weggespült? Doch mitten im Matsch findet das Grabungsteam große Feldsteine. Die Plackerei hat sich gelohnt. Die Steinkonstruktion bis in vier Meter Tiefe ist unnatürlich, also von Menschenhand errichtet. Das geheimnisvolle Objekt wird nach allen Regeln der Archäologenkunst vermessen und dokumentiert. Später werden die Daten am Computer analysiert, um herauszufiltern, wozu das Bauwerk einst diente.

Bodenzeichnung mit einem Pantographen Quelle: ZDF

Einheimische Ware

In dem sauber geputzten Schnitt A dokumentieren die Archäologen mit dem 3 D-Pantographen exakt die Lage, Umrisse und Höhe von Funden. Barfuß, um keine Spuren in der Fläche zu hinterlassen. Unter der Feuerstelle haben Ibsen und sein Kollege Hannes Frenzel Keramik entdeckt. Die Scherben sind für sie enorm wertvoll. Es ist einheimische Ware aus dem 8. Jahrhundert. An wen mögen die Prußen ihre Felle und den Bernstein verkauft haben? Zu einer Zeit, als die Wikinger gerade erst ihre Eroberungszüge in der Nordsee begannen.

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