Kampf ums Überleben

Warten auf Rettung bei eisiger Kälte und orkanartigen Böen

Auf der gestrandeten "Deutschland" rückten die Passagiere zusammen. Gäste der Ersten Klasse und aus dem Zwischendeck warteten gemeinsam im vornehmen Salon. Das Ächzen des Stahls verängstigte die Menschen. Ebenso wie der unheimliche Sturm und das Klatschen der Wellen. Allen war klar: Das Schiff drohte zu sinken.

Passagiere versammeln sich unter Deck Quelle: ZDF

Wie aussichtslos die Lage an Bord war, beweist Behrings Flaschenpost. Sie wurde später gefunden: "Ich sterbe in Frieden mit meinem Gott. Grüßt meine Familie." Wie die meisten anderen schloss auch der Handelsreisende Johann Behring mit dem Leben ab. Der Familienvater aus Berlin hoffte, dass wenigstens seine letzte Botschaft wohlbehalten zu Hause ankam. Die Pläne des Deutschen, in Philadelphia das große Geld zu machen, schienen zunichte.

Ausharren statt Evakuieren

Etwa zwölf Stunden nach dem Auslaufen, gegen 17.30 Uhr, wartete die "Deutschland" noch immer vergeblich auf Hilfe. Zwar konnte die Besatzung das Schiff auf der Sandbank stabilisieren, aber die bevorstehende Flut würde den Dampfsegler überspülen. Im Angesicht der Naturgewalten musste sich der Kapitän entscheiden und wählte das kleinere Übel. Brickenstein wollte auf der "Deutschland" ausharren. Eine Evakuierung der Fahrgäste konnte er nicht verantworten. Die vielen Frauen und Kinder hätten das riskante Umsteigen in die Rettungsboote nicht gemeistert.

Nachgebaute Salvager-Jolle Quelle: ZDF

Salvager waren für Schiffbrüchige oft die letzte Hoffnung. Im Notfall nutzten Fischer ihre kleinen Segler, um Havaristen von See sicher in den Hafen zu bringen. Salvager waren damals zu Hunderten aufs Meer rausgefahren und dort umgekommen. Ein Leben zählte nicht viel. Tatsächlich hielten die Boote nur bis Windstärke sechs durch. Hauptamtliche Seenotretter gab es noch nicht, die Salvager fuhren auf eigenes Risiko.

Das Ende droht

Mit dem Auftauchen von Salvagers konnte der Kapitän auf der "Deutschland" nicht rechnen. Ebenso wenig mit einem schnellen Aufklaren. Im Gegenteil: Das Wetter verschlechterte sich. Um elf Uhr in der Nacht erreichtedie Flut ihren höchsten Stand. Unter Deck stieg das Wasser schnell an. Und dazu tobt eder heftige Sturm.

Nonnen Quelle: ZDF

Schließlich wurde auch der Maschinenraum aufgegeben. Unter den Passagieren drohte Panik auszubrechen. Allein die Disziplin der Besatzung verhinderte das totale Chaos. Nur mit Korkwesten ausgestattet, mussten Fahrgäste und Mannschaft nach draußen aufs Oberdeck. Dort erwarteten sie eisige Kälte und orkanartige Böen. Ein Alptraum. Jeder auf der "Deutschland" kämpfte ums Überleben. Über das Schicksal der fünf Nonnen berichtete später die Tagespresse. Voller Gottvertrauen sollten vier der frommen Frauen im Salon ausgeharrt und gebetet haben.

Wie ein Geisterschiff

Auf dem Oberdeck spielte sich ein Horrorszenario ab. Einige der Passagiere kletterten aus Verzweiflung in die eingefrorenen Wanten. Vor allem für die Frauen mit ihren schweren Kleidern und glatten Schuhen war das ein lebensgefährliches Unterfangen. Chronisten zufolge versuchte die fünfte Nonne ebenfalls, ins steile Takelwerk zu steigen, um den verheerenden Fluten zu entkommen. Doch auf halbem Weg verließen sie die Kräfte.

Nonne klettert ins Takelwerk Quelle: ZDF

Stunde um Stunde verging bei Schnee, Eisregen und schwerer See. Halb erfroren klammerten sich die Menschen in schwindelnder Höhe fest. Die nasse Kleidung kühlte die Körper rasch aus, die Kraft in den Gliedern schwindet. Und damit auch der Lebenswille. "Wer sich oben nicht halten konnte", so erzählte ein Augenzeuge, "fand auf Deck den Tod. Den Leichnam nahm die See mit." Knapp zwanzig Stunden nach der Havarie glich die "Deutschland" einem Geisterschiff. Die, die noch am Leben sind, wussten: Der nächste Tag brachte die Entscheidung.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet