Karaderehöhle am Latmos

Geheimnisvolle Malereien

Naturheiligtümer waren die ersten Weihestätten, bevor die Götter in festen Einrichtungen Quartier bezogen. So wie im Latmos, der mythenträchtigen Gebirgslandschaft an der Westküste der Türkei.

Seit Jahren erforscht die Archäologin Anneliese Peschlow die unzähligen Felshöhlen der Region. Mehr als 115 prähistorische Felsmalereien konnte sie dort bisher aufspüren. Unter den geweihten Stätten im Latmos existiert eine Grotte mit Bildern, die sich grundsätzlich von allen bisher bekannten Motiven unterscheiden.

Historische Einordnung

Die Karaderehöhle stellte die Forscherin vor ein Rätsel. Um Licht ins Dunkel zu bringen, lässt sie die Zeichnungen sorgfältig kopieren. Erst der Vergleich mit anderen Darstellungen erlaubt eine historische Einordnung des Fundes. Charakteristisch für das Szenario sind überlange Gestalten mit stilisierten T-Köpfen, die den Betrachter direkt anblicken. Fast bedrohlich überragt die Hauptfigur die Gruppe - mit nach oben abgewinkelten Armen und geballten Fäusten. Die dominante Person umringen mehrere kleinere Gestalten. Eine religiöse Zeremonie - vor Jahrtausenden auf die Felswand gebannt?

Erstaunlich ist, dass die T-Form der gemalten Köpfe der T-Form der Meter hohen Pfeiler auf dem Göbekli Tepe entspricht. Besteht demnach ein inhaltlicher Zusammenhang zwischen Karaderehöhle und Tempelberg? An beiden Orten vollzogen die Gläubigen einst rituelle Handlungen. Im Fall von Latmos zumindest scheint klar zu sein, welche überirdische Macht verehrt wurde.

Höhere Wesen

Von Anbeginn vergöttlichten die Erdenbürger voller Respekt die Gewalten der Natur. Die Wohnung der Himmlischen müsse hoch oben auf den Bergen liegen - so der Glaube. Vielleicht ist der Berg- und Wettergott aus der Karaderehöhle der Nachfahre eines höheren Wesens, das auf dem Göbekli Tepe in Ostanatolien verehrt wurde.

Demnach könnten die T-Pfeiler vom Nabelberg stilisierte Göttergestalten sein. Die bandförmigen Reliefs an den Seiten sind angewinkelte Arme. Der rechteckige Aufsatz symbolisiert den Kopf. Die beiden Pfeiler im Zentrum der Anlage könnten ein Götterpaar repräsentieren. Warum aber die ursprünglich frei stehenden äußeren Pfeiler später durch Mauerwerk miteinander verbunden wurden, darauf wissen die Forscher keine Antwort. Selbst die aufwendigen Reliefs sind halb verschwunden. Offensichtlich haben Tierdarstellungen plötzlich ihre Bedeutung verloren.

Revolutionäre These

Nach und nach fügten die Steinzeitarchitekten weitere Ringmauern an - mit rätselhaften Gängen und Zwischenräumen. Dass sie die Bauten zum Schluss überdeckten, bezweifeln Experten jedoch. Die unterschiedliche Höhe der Pfeiler macht eine Dachkonstruktion eher unwahrscheinlich. Gewissheit aber wird erst die Freilegung aller Kreisanlagen auf dem Nabelberg bringen. Bisher ist kaum mehr als ein Prozent des Geländes ausgegraben. Doch schon jetzt wagen die Wissenschaftler eine revolutionäre These: Die erste architektonische Großanlage war ein Tempel und kein Dorf - wie bisher angenommen.

Jeder ausgeschaufelte Kubikmeter Erde bringt dem Team vor Ort neue Erkenntnisse. Bislang wollen die Ausgräber keine abschließende Aussage über die tatsächliche Funktion der Kreisanlagen treffen. Klaus Schmidt fehlen im großen Puzzle vor allem Zeugnisse menschlichen Lebens.

Friedhof der Urzeit?

Göbekli Tepe - ein gigantischer Friedhof der Urzeit? Die eigentlichen Gräber vermutet Klaus Schmidt unter den Fußböden zwischen den Pfeilern. Um sie zu öffnen, müsste er jedoch Teile der Kalksteinabdeckung zerstören. Bevor dies geschieht, soll die Anlage erst einmal in ihrer Gesamterscheinung freigelegt werden. Das kann noch Jahrzehnte dauern.

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