Katharinas Triumph

Für Heinrich eine Niederlage, für Wolsey eine Katastrophe

Im Frühjahr 1527 steht Kardinal Wolsey vor der schwierigsten Mission seines Lebens: Heinrich will Königin Katharina loswerden, um Anne Boleyn heiraten zu können. Wolsey soll beim Papst durchsetzen, dass Heinrichs Ehe mit Katharina annulliert wird.

"Es geht dem König nicht um eine bestimmte Dame", schreibt Kardinal Wolsey an den Papst, "sondern einzig darum, seinen Untertanen einen männlichen Erben zu schenken und so Bürgerkrieg im Land zu verhindern."

Konflikt ohne Lösung

Ständig sind englische Boten auf dem Weg zu Papst Clemens VII. in Rom unterwegs. Doch Wolseys Gesandte treffen auf einen wenig entscheidungsfreudigen Papst. Clemens steht vor einem Konflikt, für den es keine Lösung gibt: Annulliert er die Ehe, legt er sich mit Katharinas Neffen - Kaiser Karl - an. Verbietet er jedoch die Neuverheiratung Heinrichs, droht dieser, sich von Rom loszusagen.
In Hampton Court bei London, in Wolseys Palast, ist die Stimmung gespannt. Man wartet immer noch auf die Entscheidung des Papstes. Wolsey muss um seinen Kopf fürchten, wenn er den Willen Heinrichs nicht durchsetzt. Seine Berater beschwören ihn, den Papst noch einmal um Vollmacht zu bitten, um in seinem Auftrag den Scheidungsprozess gegen Katharina in England führen zu können. Diese ahnt längst, was gegen sie im Schilde geführt wird - ihre Rivalin ist an den Hof zurückgekehrt: Sie glaubt, ihre Chancen stehen nicht schlecht, die Königin zu verdrängen. Doch fast der ganze Hof steht hinter Katharina - kaum jemand mag Anne, über die man munkelt, sie habe den König verhext.

Katharina wehrt sich

Heinrichs "Geheimaffäre" bleibt nicht lange geheim. Katharina hat inzwischen heimlich Boten nach Spanien entsandt, um ihren Neffen Kaiser Karl von den Vorgängen in England zu unterrichten. Karl ist wütend und bedroht den Papst. Er lässt ihm mitteilen, dass er ihn einsperren und die Macht des Papsttums zerschlagen würde, wenn er Heinrich die Scheidung von Katharina genehmigt. So wird eine eigentlich private Affäre des englischen Königs in kürzester Zeit zur der Kernfrage europäischer Machtpolitik.

Beeindruckende Rede

Nach einem Jahr schwieriger Verhandlungen ist es endlich soweit: Clemens erteilt Wolsey die Vollmacht, Heinrichs Scheidungsprozess in die Wege zu leiten. Als seinen Botschafter entsendet er Kardinal Campeggio nach England - er soll für die Unbefangenheit des Gerichts sorgen.
Am 31. Mai 1529 eröffnen Campeggio und Wolsey die Verhandlung in der Nähe von London. Jetzt - so hofft Anne - ist der Weg zur Krone nicht mehr weit. Doch sie hat die Rechnung ohne Katharina gemacht: Bestärkt von dem ihr treu ergebenen englischen Volk erscheint die stolze Spanierin am 18. Juni im Gerichtssaal. Sie geht auf die Knie vor dem Mann, mit dem sie 20 Jahre verheiratet war.

Und sie hält eine Rede, die lange niemand vergessen sollte: "Seit mehr als 20 Jahren bin ich Ihnen eine treue Gemahlin gewesen. Durch mich haben sie mehrere Kinder gehabt, wenngleich es auch Gott gefallen hat, sie von dieser Welt zu rufen - was nicht meine Schuld war. Als sie mir das erste Mal beiwohnten, war ich noch Jungfrau - Gott ist mein Zeuge. Ob ich die Wahrheit spreche, mag Euer Gewissen entscheiden ... Ich bitte Sie inständig, ersparen sie mir die Demütigung durch dieses Gericht.

Vorläufiger Sieg für Katharina

Katharina erkennt das Gericht nicht an und fordert die Verlagerung des Prozesses nach Rom. Das ist das vorläufige Ende von Heinrichs Winkelzügen. Campeggio lehnt ab, unter diesen Bedingungen weiterzuverhandeln. Der wütende Heinrich macht Wolsey für das Scheitern des Prozesses verantwortlich. Katharina hat gewonnen - fürs Erste jedenfalls.

Drohungen statt Argumente

Heinrich ist vor den Augen der Welt gedemütigt worden. Drei Jahre wartet er nun schon auf Anne Boleyn. Er ist mittlwerweile 39 Jahre alt und hat immer noch keinen Sohn. Liegt über seiner Ehe vielleicht ein Fluch? Auch wenn Katharina geschworen hatte, bei ihrer Verheiratung noch Jungfrau gewesen zu sein - sie war ein halbes Jahr mit seinem Bruder Arthur verheiratet, bevor der starb. Und stand nicht im dritten Buch Mose: Es ist eine Sünde, die Witwe seines Bruders zu heiraten? Ließe sich dadurch nicht die Ehe mit Katharina für ungültig erklären? Doch gab es noch eine andere Bibelstelle, die sagt: Heirate die Frau deines Bruders, wenn dieser stirbt.
Mit Argumenten aus der Bibel kann Heinrich den Papst nicht schlagen. Deshalb verlegt er sich auf Drohungen. Sollte er seinen Willen nicht bekommen, sei er entschlossen, die Kirche Englands von Rom abzuspalten. Clemens kennt Heinrichs Drohungen und fürchtet, er könnte sie wahr machen. Aber gibt er Heinrich nach, droht Kaiser Karl, Rom einzunehmen und ihn abzusetzen. Clemens kann nicht nachgeben.

War das Scheitern des Prozesses für Heinrich eine Niederlage - für Kardinal Wolsey ist sie eine Katastrophe: Er hatte sich bemüht und doch versagt. Siebzehn Jahre hatte der Kardinal als engster Vertrauter Heinrichs die Regierungsgeschäfte geleitet. Jahrelang hatte er versucht, Heinrichs Willen durchzusetzen. Nun war Heinrich jedoch befohlen worden, vor dem Papst auf die Knie zu fallen. Das bedeutet Wolseys Ende.

Befürchtungen werden wahr

Als ihn das Entlassungsschreiben des Königs erreicht, wird seine schlimmste Befürchtung wahr. Er, der reichste Mann Englands, verliert alle seine Besitztümer, muss in Haft und sein Amt als Lordkanzler niederlegen. Nur weil er schon bald an einer schweren Krankheit stirbt, entgeht Wolsey dem Schicksal, als Hochverräter hingerichtet zu werden.

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