Kennzeichen der Jesusforschung

Die Suche nach dem historischen Jesus, Teil 2/3

Die Jesusforschung muss sich also einerseits vom Christus-Glauben der Kirche methodisch distanzieren, um andererseits ganz und gar einzutauchen in die menschliche Geschichte eines Mannes, der zu Beginn der Zeitrechnung in Galiläa bzw. Israel gelebt hat.

Der Christus, den schon die Evangelien als Gottessohn, ja als Mensch gewordene Verkörperung (Inkarnation) des ewigen göttlichen Wortes (Logos) verkündigen, der wird nun in der Jesusforschung ganz und gar den Bedingungen menschlicher Geschichte unterworfen. Sein Reden und Handeln und gerade auch sein Schicksal am Kreuz werden im Kontext spezifischer kultureller, sozialer und politischer Verhältnisse gedeutet.

Jüdische Identität

Nicht selten erschrak die Jesusforschung selbst über die Radikalität ihrer Ergebnisse. So war es in den (bis heute) 250 Jahren historischer Jesusforschung eines der größten Probleme der christlichen Theologie, einfach und gelassen zu akzeptieren, dass Jesus von Nazareth Jude war (und nicht der erste Christ). Erst in den letzten 50 Jahren, unter dem Eindruck des Holocaust der Nazis, wird Jesu jüdische Identität (jedenfalls in der Bibelwissenschaft) nicht mehr in Frage gestellt.

Es interessiert inzwischen nur noch die Frage, wie Jesus (und die von ihm initiierte jüdische Bewegung) innerhalb des Judentums seiner Zeit einzuordnen ist. Stehen sie etwa der Gruppe der Pharisäer oder eher der Gruppe der Essener näher. Erst jetzt tritt auch ins Bewusstsein christlicher Jesusforscher, dass ihre jüdischen Kollegen schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts (ich denke hier an Abraham Geiger) zu Erkenntnissen gelangt sind, die inzwischen ebenfalls in der christlichen Theologie Gültigkeit erlangen.

Was "eigentlich gewesen" ist

Eines der wichtigsten Kennzeichen der historischen Jesusforschung ist, dass sie die biblischen Erzählungen nicht unmittelbar als authentische Darstellungen historischer Ereignisse nimmt. Sie sucht vielmehr hinter den teilweise mythischen bzw. legendarischen Erzählungen über den "Gottessohn" nach der Historie des "irdischen" Jesus von Nazareth. Sie will wissen, im Sinne des historischen Erkenntnisideals von Leopold von Ranke, was "eigentlich gewesen" ist. Das heißt hier: was der Mensch Jesus "wirklich" gesagt, getan und erlebt hat.

Ich nenne Beispiele: Welche Aussprüche, die Jesus in den Evangelien zugeschrieben werden, stammen wirklich vom Nazarener? Stammt die berühmte Bergpredigt des Matthäus-Evangeliums mitsamt ihren "Antithesen" ("Ich aber sage euch...") von Jesus? Oder spricht nicht dagegen schon das Lukas-Evangelium, das in der vergleichbaren Rede Jesu diese Antithesen nicht berichtet. Welche Heilungen hat Jesus vollzogen? Manche besonders radikalen Kritiker meinen, allein die Dämonenaustreibungen (Exorzismen) gehen auf das Konto des "Magiers" Jesus. Aber war er wirklich ein Magier, oder nicht doch so etwas wie ein Volksheiler?

Barbarisch antijüdische Praxis

Von fundamentaler Bedeutung ist die Frage nach dem Schicksal Jesu in Jerusalem. Dass er vom damaligen römischen Präfekten Judäas Pontius Pilatus am Kreuz hingerichtet wurde, ist historisch gesichert. Doch warum? Hat Pilatus ihn als einen Aufrührer kreuzigen lassen? Und war er wirklich ein antirömischer Rebell? Vor allem: Welche Rolle haben jüdische Instanzen in Jerusalem gespielt? Denn gerade die Belastung mit der "Schuld" am Tode Jesu hat ja über Jahrhunderte hinweg zu einer barbarischen antijüdischen Praxis der Kirche geführt.

Hat es überhaupt einen Prozess vor dem Hohen Rat Jerusalems gegen Jesus von Nazareth gegeben, wie das Markus- und Matthäus-Evangelium voraussetzen. Oder war das nur ein Verhör (so Lukas), ja nicht einmal ein Verhör vor dem Hohen Rat, sondern nur vor dem Schwiegervater des amtierenden Hohenpriesters (so Johannes)? Die Antworten sind schwierig, weil - nicht nur in diesem Fall - schon die Erzählungen der Evangelien selbst voneinander differieren.

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