Im Herzen Indianer

Kindesentführung durch Apachen

Herman Lehmanns Geschichte ist abenteuerlich, herzzerreißend und tragisch. Sie ist außergewöhnlich, weil sie so gut dokumentiert ist. Ein Einzelfall ist sie aber nicht. Indianische Stämme raubten und adoptierten damals regelmäßig weiße Kinder, besonders die Stämme der südlichen Plains. Laut Prof. Marin Trenk, Ethnologe an der Universität Frankfurt am Main, soll ein Drittel aller Komantschen fremder Herkunft gewesen sein als sie um 1870 aufgeben mussten. Schon vor Ankunft der Europäer war es Brauch, Feinde zu entführen.

Mit den Gefangenen konnten die Indianer hohe Verluste nach Kämpfen oder Krankheiten ausgleichen. Oder sie dienten als Ware und wurden gegen Pferde oder Decken getauscht. Kinder wurden lieber mitgenommen als Erwachsene, weil sie formbarer waren. „Kleine Kinder vergessen sehr schnell ihre Herkunft, und wenn sie deutlich unter zehn Jahre alt sind auch ihre Muttersprache“, sagt Marin Trenk, „es fällt ihnen leicht, sich auf neue Lebensverhältnisse einzustellen.“

Identitätskrise im Kindesalter

Dennoch war es für die Kinder zunächst sicher eine traumatische Erfahrung. „Sie machten eine Identitätskrise durch“, glaubt der Historiker Donald Fixico, der seit Jahren die Geschichte seiner indianischen Vorfahren erforscht. Sie wurden von einem Tag auf den anderen ihrem gewohnten Umfeld entrissen. Vielen, auch Hermann, wurde erzählt, ihre Familien seien tot. Die Eingewöhnung in das neue Leben war meistens brutal und hart.

Wer nicht spurte, zu alt war oder sich als zu verweichlicht herausstellte, wurde kurzerhand getötet, musste ein Dasein als Sklave fristen oder wurde verkauft. Hermann beschreibt die Indianer als blutrünstige Kriegergesellschaft, die bei ihren Beutezügen und Eroberungszügen buchstäblich über Leichen ging. „Er wird mit elf Jahren entführt und es dauert keine zwei, drei Jahre, da wird er zum Krieger ausgebildet“, sagt der Historiker Marin Trenk. „Heute würden wir sie als Kindersoldaten bezeichnen“.

Ein abenteuerliches Leben wartet

Waren die Jungen aber einmal als vollwertige Stammesmitglieder anerkannt und in die Gemeinschaft aufgenommen, begann für die meisten ein abenteuerliches Leben. „Sie spielten, durften reiten, Büffel jagen, Pferde stehlen, Feinde skalpieren – es war aufregend für Jungen“, sagt Hermans Enkel, Wayne Lehmann. Und es gab Anerkennung: Herman hatte schon mit 15 den Rang eines kleinen Kriegsanführers bei den Apachen. Darüber hinaus boten die Stämme stabile soziale Beziehungen, die Menschen unterstützten sich gegenseitig.

„Man war in ein Verwandtschaftsnetz eingebunden, das viel größer war, als man kannte. Das waren Qualitäten des Lebens, die geschätzt wurden“, so Trenk. Außerdem wurde - anders als ein gängiges Klischee vom humorlosen Krieger glauben lässt - viel gelacht. Herman berichtet von zahllosen Streichen und Neckereien, vor allem unter den Komantschen. Auch entführte Mädchen wurden, wenn sie von einer Familie adoptiert wurden, akzeptiert und geliebt. Sie heirateten, bekamen Kinder und wurden ein geachtetes Mitglied der Gemeinschaft.

Wieder "Weißer" werden? Unvorstellbar!

Viele der Entführten konnten sich mit der Zeit nicht mehr vorstellen, in die weiße Gesellschaft zurückzukehren. Wenn sie doch heimkehrten, hatten sie große Probleme, sich wieder zurecht zu finden. Sie fühlten sich als Indianer, die Stämme waren ihre Familie. Das Leben und die Kultur der Siedler war ihnen fremd geworden. Wenn sie ihren weißen Verwandten von ihren positiven Erfahrungen erzählen wollten, stießen sie vermutlich auf taube Ohren. Für die weißen Siedler waren die Indianer Barbaren und Wilde. Das Leben dort konnte keine Qualität haben, die Menschen gefallen könnte.

Es gibt unzählige Berichte und Erzählungen von entführten Kindern. Die berühmtesten Geschichten aus Texas sind die von Cynthia Ann Parker und Herman Lehman. Cynthia wurde 1836 als neunjährige entführt und wuchs bei den Komantschen auf. Sie heiratete und wurde die Mutter des berühmten Anführers Quanah Parker. 1860 wurde sie schließlich mit Gewalt "gerettet". Es brach ihr das Herz: sie trauerte bis an ihr Lebensende dem Komantschenleben nach und starb mit 43 Jahren an einer Grippe.

Der Eifer der Bekehrten

Herman Lehman war einer der letzten kämpfenden Komantschen und einer der letzten Indianer der südlichen Plains überhaupt, der aufgab und in die Reservation ging. „Er hatte den Eifer der Bekehrten“, sagt Scott Zesch, dessen Vorfahre ebenfalls entführt wurde. "Menschen, die von außen in eine fremde Kultur eintauchen, übernehmen sie manchmal besonders stark." 1879 wurde er zu seiner weißen Familie zurückgebracht. Auch ihm fiel die Wiedereingliederung schwer. Er musste mühsam wieder Englisch lernen, schlief lieber im Freien, wollte keine Arbeiten verrichten, die bei den Indianern den Frauen vorbehalten waren und spielte gerne mal den Wilden.

In den 1920ern wurde er eine Berühmtheit in Texas: Er trat in Rodeos und Wildwestshows auf, erschoss im Reiten ein Kalb und verspeiste dann vor den Augen der Zuschauer die rohe Leber des Tieres. Er heiratete zwei Mal und gründete eine Familie - aber er am wohlsten fühlte er sich bei den Indianern. Immer wieder kehrte er in die Reservationen zurück, um bei Ihnen zu sein.

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