Kirche der Heiligen Weisheit

Hagia Sophia als religiöses Zentrum der Orthodoxie

Nach Tagen des Wartens ist es für Kusanus soweit. Der Kaiser von Konstantinopel ist bereit, den Gesandten des Papstes zu empfangen. Zwischendurch findet er immer wieder Zeit, die Gebäude der Metropole zu bewundern. Besonders beeindruckt ihn die Hagia Sophia.

Diplomat Kusanus will Johannes dem VIII. sein Anliegen vortragen. Doch das Protokoll schreibt vor, dass der göttliche Kaiser nicht persönlich mit einem Sterblichen sprechen darf. Sein Sprachrohr ist der Logothet, der Kanzler des Kaisers.

Unglaublicher Vorschlag

Ihm erklärt Kusanus das Hilfs-Angebot des Papstes. Für die Verhandlungen soll er mit einigen Kirchenführern nach Italien kommen. Ein unglaublicher Vorschlag, denn die stolzen Metropoliten von Konstantinopel betrachten sich selbst seit über vier Jahrhunderten als die wahren Nachfolger Christi.


Die Nachricht ist überbracht, und wieder heißt es warten. Kusanus zieht es zum prächtigsten Gotteshaus der Christenheit: der Hagia Sophia, der Kirche der Heiligen Weisheit - religiöses Zentrum der Orthodoxie, Krönungskirche der byzantinischen Kaiser, erbaut im Jahre 532 von Kaiser Justinian. Im Westen kursierten wahre Wunderberichte über das fantastische Bauwerk: in seinem Inneren glaube man, im Himmel zu sein.

Abbild des Firmaments

Fast ein Jahrtausend lang versammelten sich hier die Bürger Konstantinopels zum Gottesdienst. Die riesige Kuppel ist ein Abbild des Firmaments. Mit 31 Metern Durchmesser schwebt sie auf nur vier in das Mauerwerk eingezogenen Säulen und Stützkonstruktionen, atemberaubende 56 Meter über dem Boden. Neben dem Pantheon in Rom der größte Kuppelbau der Antike. Das gigantische Gebäude wurde nach nur fünfeinhalb Jahren Bauzeit fertig gestellt: selbst beim Einsatz tausender Arbeiter eine Leistung, die bis heute Rätsel aufgibt.


Seit fast 1500 Jahren thront die Hagia Sophia über dem Bosporus. In einer stark erdbebengefährdeten Region. So stürzte die ursprüngliche - flachere - Kuppel der griechischen Baumeister Anthemius von Tralles und Isidorus von Milet schon kurz nach der Errichtung bei einem starken Erdbeben ein. Doch die byzantinischen Architekten lernten aus dem Unglück und ersannen eine neue, erdbebensichere Konstruktion, die nun schon seit dem 6. Jahrhundert jedem Beben trotzt. Bis heute rätseln die Wissenschaftler über den genialen Bauplan der Hagia Sophia.

Architektonische Gratwanderung

Bei dem Kirchenbau, der ein Abbild der spirituellen Welt sein sollte, musste den Erbauern eine architektonische Gratwanderung zwischen Himmel und manchmal bebender Erde gelingen. Der Schlüssel zur Ermittlung des Bauplans liegt in der millimetergenauen Laser-Vermessung der Kirche. Ein virtuelles 3D-Modell erlaubt es nach mehr als tausend Jahren die Gedanken der Baumeister nachzuvollziehen: so lässt sich das einfache und doch geniale Prinzip erkennen. Ein so genanntes Analemma, ein von einem Kreis durchdrungenes Quadrat, bildet das geometrische Konstruktionsprinzip des gesamten Bauwerks.

Der Kreis symbolisiert die orientalisch-antike Vorstellung des Kosmos mit kugelförmigem Firmament. Das Quadrat steht für die Christliche Weltordnung mit den vier Himmelsrichtungen, sowie Himmel und Hölle. In der Hagia Sophia sind Orient und Okzident perfekt verschmolzen. Offenbar gab der Kaiser selbst den Auftrag, in dem Bau weltliche und kirchliche Macht, Kaiser und Patriarchat gleichermaßen zu repräsentieren.

Kosmologie und Geometrie

Als Kusanus Konstantinopel bereist, steht die Hagia Sophia bereits 900 Jahre. Damals trug sie noch keine Minarette. Sie wurden erst später unter osmanischer Herrschaft angefügt. Kusanus ist fasziniert von den Geheimnissen der Kosmologie und der Geometrie, beides in der Hagia Sophia auf geniale Weise verbunden. Kusanus kennt die Macht der Wissenschaften. Für ihn hat selbst Gott bei der Erschaffung der Welt neben Musik und Astronomie auch Arithmetik und Geometrie angewandt. Und darum studiert und nutzt auch Kusanus diese Methoden, um den Wundern der Welt auf den Grund zu gehen.

Neben den Kaiserlichen Bauten und der Hagia Sophia besitzen auch die Zweckbauten der Stadt gewaltige Ausmaße. Der Valens-Aquädukt, durch den sich heute der ausufernde Verkehr der Altstadt quält, überspannt einen tausend Meter breiten Taleinschnitt, um das Wasser, das weit aus dem Hinterland herangeführt wurde, direkt bis zum Großen Palast zu leiten. Doch schon lange fehlten zu Kusanus Zeiten die Mittel, es in Betrieb zu halten.

Riesige Wasserreservoirs

Eine einzige Wasserleitung, die zudem von außen an die Stadt herangeführt ist, bedeutet immer eine Gefahr. Diese Gefahr hatten schon die Gründungsväter der Stadt erkannt und riesige unterirdische Wasserreservoirs angelegt. Für Konstantinopel waren diese kathedralenartigen Bauten eine Lebensversicherung, besonders, wenn draußen der Feind stand.


Eine dieser riesigen Zisternen gibt es noch heute: Yerebatan Serail, der versunkene Palast. Ihren Namen verdankt sie den über dreihundert Säulen, die das unterirdische Gewölbe stützen. Über 140 Meter lang und 73 Meter breit, ist sie die größte Zisterne der Stadt. Bis zur Decke konnte der Bau mit Wasser gefüllt werden. Das Fassungsvermögen beträgt 80.000 Kubikmeter. Der Wasservorrat der Zisternen garantierte ein Überleben auch bei längeren Belagerungen - wie sie die Stadt im Laufe ihrer Geschichte von den Hunnen über die Wikinger bis nun durch die Osmanen mehrfach erleben musste.

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