Klebstoff aus der Eiszeit

Birkenpechfunde zeugen von technologischem Verständnis

Wie erlernten die Altmenschen Neues? Welche Fähigkeiten besaßen sie? Lange Zeit traute man den Neandertalern nur wenig kulturelle Entwicklung und technisches Verständnis zu. Ursache für den Meinungswandel sind Beweise einer hoch entwickelten Technologie, die die Neandertaler zweifelsfrei beherrschten.

So glaubten die meisten Forscher, dass Neandertaler keine Kleidung trugen, weil keine Nadeln mit Öhr gefunden worden waren. Dabei reicht eine einfache Ahle, um Löcher in Felle und Leder zu stanzen, durch die man wiederum Sehnen und Lederbänder fädeln kann. Auch von Körperpflege sollen die Eiszeitler nach aktueller Forschung mehr verstanden haben, als man ihnen lange zutraute.

Eiszeitliches UHU Plus

Lange vor unseren eigenen Vorfahren hatten die Neandertaler bereits den Klebstoff erfunden. Im Museum für Vorgeschichte in Halle lagern die Reste des eiszeitlichen UHU Plus. Der unscheinbare Krümel wurde in den 60er Jahren bei einer Grabung in Königsaue in Sachsen-Anhalt entdeckt. Aber erst viele Jahre später erkannten Wissenschaftler seine Bedeutung als Beleg für den außergewöhnlichen Erfindungsgeist der Neandertaler. Zunächst hatte man den Fund für einen simplen Harzrest gehalten. Niemand hätte den Neandertalern die Leimherstellung aus Birkenrinde zugetraut.




Das Verfahren der Neandertaler war offenbar bis ins Detail ausgeklügelt. Sie gruben fest gerollte Birkenrindenstücke ein und verdichteten die umgebende Erde. Zunächst verbreiteten die flüchtigen Bestandteile einen angenehmen Geruch nach geräuchertem Schinken, dann schwitzte die Birkenrinde unter Sauerstoffabschluss das wertvolle Pech aus - aber nicht jeder Versuch gelang. Schadenfreude und Ärger könnte ein so innovativer Geist dabei schon empfunden haben.

Werkstoff-Spezialisten

Das Birkenpech diente als erster selbstproduzierter Klebstoff der Menschheitsgeschichte vermutlich vor allem dazu, Schäftungen haltbarer zu machen, also Stein und Holz sicher miteinander zu verbinden, um möglicht haltbare Waffen oder Werkzeuge herzustellen. Sehr wahrscheinlich gab es für die Herstellung und Weiterverarbeitung des Werkstoffes schon Spezialisten. Das Pech konnte abgekühlt und ausgehärtet in Form von Perlen oder Kügelchen transportiert werden. Zur Weiterverarbeitung musste man es nur erhitzen.


Das Birkenpech von Königsaue hat eine weitere Besonderheit zu bieten. Einige Wissenschaftler glauben, dass einer der Werkzeugmacher bei der Verarbeitung einen Finger- oder Handabdruck auf dem Pech zurückgelassen hat. Um dieser These auf den Grund zu gehen, wendet sich Ralf Schmitz an Hauptkommissarin Wabnitz vom LKA Magdeburg. Sie hat die verdächtigen Linien auf dem Birkenpechstück genauestens untersucht und nimmt nun die Abdrücke des Wissenschaftlers, um sie mit dem mutmaßlichen Fingerabdruck des Neandertalers zu vergleichen.

Vergleich mit Schimpansendame



Bei dem Versuch ist außerdem Schimpansendame Nana vom Zoo Magdeburg behilflich, das Rätsel um den angeblichen Neandertalerabdruck zu lüften. Immerhin besteht die Möglichkeit, dass sich die Papilarlinien von Neandertalerhänden deutlich von denen moderner Menschen unterscheiden, aber dafür Gemeinsamkeiten mit denen anderer heute lebender Primaten haben.


Die Vergleiche mit den Fingerabdrücken moderner Verwandter des Neandertalers machen deutlich, einen klassischen Fingerabdruck hat uns der Eiszeitler nicht hinterlassen. Schlaufen und andere Formen, wie sie für Fingerabdrücke typisch sind, kann man auf dem Pech nicht erkennen. Der Abdruck eines modernen Menschen ähnelt dem des Schimpansen, das Birkenpech dagegen zeigt nur parallele Linien.

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