Kletterpflanzen auf dem Vormarsch

Bäume werden von der Last erdrückt

Die Regenwälder Guyanas gelten als nahezu unerforschte Wildnis. Seit Jahrmillionen leben hier ungezählt viele Pflanzen und Tiere in einem eng geknüpften Netz gegenseitiger Abhängigkeiten. Doch das Paradies ist bedroht. Lianen, alles umschlingende Kletterpflanzen, sind plötzlich auf dem Vormarsch. In ihrem Streben nach Licht begraben sie alles, was sie zu fassen bekommen.

Lianen öhne Blätterwerk Quelle: ZDF,Jörg Salzer

Über Jahrmillionen haben sich die Arten im Regenwald aufeinander eingespielt, spezialisiert und angepasst. Lianen sind seit jeher das Symbol des Dschungels, Kennzeichen der "grünen Hölle". Scheinbar ziellos winden sie sich umeinander. Doch die Richtung ist klar, nach oben zum Licht. Unter dem vollen Licht der Sonne entfalten die Schlingpflanzen ihr üppiges Grün, bizarr und feingliedrig im Einzelnen, in der Masse schwere Pflanzenteppiche. Dort entwickeln sie Blätter und Früchte, während sie unten kahl bleiben.

Kletterpflanzen im Dschungel Quelle: ZDF

Perfekte Anpassung

In einem unvergleichlichen evolutionären Wettlauf haben sich die Lianen darauf spezialisiert, auch ohne einen tragfähigen Stamm schnell zu wachsen. Ausgerechnet ihre ärgsten Konkurrenten im Dschungel, die Bäume, bieten ihnen Halt. So haben sich die grazilen Schönheiten in den letzten zwanzig Jahren mehr als verdoppelt. Immer mehr Bäume drohen von der gewaltigen Pflanzenlast erdrückt zu werden.

Mit Epiphyten, sogenannten Aufsitzerpflanzen, werden die Bäume leicht fertig: Sie werfen die Last einfach samt Rinde ab. Anders der Kampf mit den Schlingpflanzen. Wie sehr diese den Urwaldriesen zusetzen, zeigt sich überall im Dschungel von Guyana. Kaum ein Baum kann eine solche Last auf Dauer tragen. Sollten die Lianen ihren Siegeszug weiter fortsetzen, sind die Konsequenzen für das komplizierte System des Regenwaldes nahezu unüberschaubar.

Natürliche "Wasserleitung"

Lianen sind dafür gebaut, Wasser weit mehr als 100 Meter hoch zu pumpen, um auch die letzten Triebe zu versorgen. Der lange und dünne Stamm ist zug- und biegungsfest und zudem ausreichend elastisch, um bei Wind nicht aus der Verankerung zu brechen. Solange eine Verbindung zu den Nachbarbäumen besteht, sind Lianen stabil genug, ihre Krone oben zu halten, selbst wenn ihr eigentlicher Stützbaum fällt. Anders als Orchideen und Epiphyten wurzeln Lianen immer im Boden. Das verschafft ihnen in Trockenzeiten Vorteile bei der Wasserversorgung.

Lianenstämme Quelle: ZDF

Immer größer werdende Schneisen im Wald zeigen, wie schnell die Lianen die Oberhand im Kampf um das Licht gewinnen. Mittlerweile sind mehr als 2500 Lianenarten aus über 90 Pflanzenfamilien bekannt, die sich weltweit nach oben zum Licht winden, ohne auf großen Widerstand zu stoßen.

Einsames Widerstandsnest

Eine der wenigen bekannten Ausnahmen bilden die schnell wachsenden Cecropia-Bäume. Sie werden etwa acht bis 20 Meter hoch. Ihre Blätter gehören zu den Lieblingsspeisen des Zweifingerfaultiers. Cecropia-Bäume werden der Sekundärvegetation zugerechnet, da sie nach Rodungen oder Feuern innerhalb von kürzester Zeit wieder gedeihen und so Bodenerosion verhindern. Auf freiem Feld schießen sie in die Höhe. Doch während die umstehenden Urwaldriesen die Last von Lianen tragen müssen, stehen sie völlig frei. Denn sie haben eine besondere Strategie entwickelt, sich gegen die Schlingpflanzen zu wehren. Winzige Ameisen schützen sie vor Übergriffen der Schlingpflanzen. Der Handel besagt: Kost und Logis gegen Arbeit.

Ameisen lösen Schlingpflanze von Cecropia-Baum Quelle: ZDF

Sobald eine Liane es wagt, den Stamm einer Cecropia als Aufstieg zu nutzen, treten Heerscharen der Ameisen auf den Plan. Sie verbeißen die Triebe immer wieder, bis die Schlingpflanze schließlich aufgibt. Der Baum bietet den fleißigen Ameisen im Gegenzug Wohnraum und Nahrung. Der hohle Stamm ist in Kammern unterteilt, was ausreichend Platz für ein ganzes Volk bedeutet. Zudem wächst an den Blattachseln Nahrung für die Ameisen. Unaufhörlich produziert der Baum kleine Kügelchen aus Zucker und Eiweiß, sogenannte Müllersche Körperchen. Mit bloßem Auge ist kaum zu erkennen wie sie wachsen.

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