Koh-i-Noor

"Der Berg des Lichts"

Die Legende besagt: Nur Frauen bringt er Glück. Sein Weg führt durch die Schatztruhen mächtiger Herrscher und der großen Mogule Indiens. Blutige Kriege, List und Verrat verbinden sich mit seinem Namen. Der Koh-i-Noor schmückte die Krone der Königin Victoria von England, die auch Kaiserin von Indien war. Und sie verfügte - der Legende gehorchend -, dass kein männlicher Erbe diese Krone tragen darf, sondern nur die Königin von England.

Diamant Koh-i-Noor (Spielszene)
Diamant Koh-i-Noor (Spielszene)

Der Koh-i-Noor ist einer der ältesten bekannten Diamanten. Der Sage nach stammt er aus einer Zeit, als die Götter noch mit den Menschen auf Erden verkehrten. Die Tochter eines armen Elefantenhüters entdeckte im Schilf des Yamuna, eines der sieben heiligen Flüsse Indiens, ein Findelkind in goldener Rüstung mit einem strahlenden Stein auf der Stirn. Das Kind ist "Karna", Sohn des Sonnengottes Surya und einer Prinzessin. Im Epos "Maha-Bharata" wird erzählt wie Karna im Kampf um die Macht getötet wird und dass eine Frau den Stein im Staub findet. Sie trägt ihn nach Thanesar zum Tempel Shivas. Brahmanen setzen ihn auf die Stirn der Shivastatue, an die Stelle, an der das Auge der Erleuchtung des Gottes sitzt. Der Spruch der Priester sagt, dass wer den Stein besitzt, die Welt besitzt doch das größte Unglück erfahren wird. Nur eine Frau soll den Stein ungestraft tragen.

Schah Nadirs List

Bildnis des Sonnengottes Surya in einem Tempel in Jaipur
Bildnis des Sonnengottes Surya Quelle: image/imagebroker/auth

In der Staatslehre Kautiljas (um 300 vor Christus) wird erstmals der Diamantenhandel Indiens beschrieben, und dass die kostbaren Steine Teil des königlichen Schatzes der Maurya-Fürsten waren. Die ältesten bekannten Lagerstätten, an denen die Edelsteine gewonnen wurden, befinden sich im Südosten des Subkontinents, nahe der alten Stadt Golkonda. Den später Koh-i-Noor genannten Stein erwähnt erstmals eine Chronik aus dem Jahr 1304 als kostbares Eigentum des Radschas von Malwa. 1526 gründet Babur, Nachkomme des Mongolenherrschers Timur-Leng, auf den Ruinen des zerstörten Sultanats von Delhi das Reich der Großmogulen in Indien. Kinder und Witwen der geschlagenen Gegner kaufen sich durch Schätze frei, die sie dem neuen Herrscher bringen. So gelangt der "Berg des Lichts" in den Schatz des Großmoguls.

200 Jahre bleibt der sagenhafte Stein im Besitz der Enkel und Nachfolger Tamerlans. Doch ihre Macht sinkt. 1739 besiegt Nadir Shah - ein General türkischer Herkunft, der sich zum Herrscher Persiens aufgeschwungen hat - den Großmogul. Der Pfauenthron und unermessliche Schätze von Edelsteinen lässt der Sieger aus Indien abtransportieren. Doch der Koh-i Noor bleibt zunächst unentdeckt. Die Frau des Großmoguls verrät sein Versteck und ihren Mann. Und so arrangiert Nadir Shah ein Treffen mit dem Besiegten und zwingt ihn zu einem Ritual, bei dem beide als Zeichen wechselseitiger Freundschaft den Turban tauschen müssen. Der Mogul kann nicht zurück und so entführt Nadir Shah zugleich mit dem Turban auch den "Berg des Lichts", der in dem Tuch verborgen war. Nadir ist es, der dem Stein den Namen gibt: Koh-i-Noor, "Berg des Lichts".

Der Fluch erfüllt sich

Buch mit einer Zeichnung des Koh-i-Noor Quelle: ZDF

Nadir Shah herrscht in Persien als grausamer und gewalttätiger Despot. 1747 beschließen vier seiner Offiziere ihn zu beseitigen. Der Anschlag gelingt. Doch die Verschwörer haben wenig Glück. Vier Herrscher folgen dem Ermordeten - in nur vier Jahren. Der Letzte von ihnen will aus seinem Vorgänger den Verbleib des sagenumwobenen Steins mit Gewalt herauspressen und lässt ihn blenden. Doch Rukh Mirza widersteht der Folter. Achmed Shah Durani, der Herrscher Afghanistans, befreit den Geblendeten. Zum Dank schenkt ihm der Gerettete den Koh-i-Noor. Als der Enkel des neuen Besitzers von seinem grausamen Bruder vom Thron gestürzt und ins Gefängnis geworfen wird, bleibt der Stein unentdeckt. Der Gefangene verbirgt ihn im Lehmputz seines Kerkers und nimmt sein Geheimnis mit in den Tod. Ein Zufall bringt ihn ans Licht und in Besitz des grausamen Bruders. Der wird bald darauf ebenfalls vertrieben und findet Exil in Lahore, bei Ranjit Singh, dem Löwen von Pandschab.

Der Landflüchtige Shah nimmt den Koh-i-Noor mit. So kehrte der "Berg des Lichts" nach Indien zurück. Damals soll er nach alter indischer Art geschliffen und 186 Carat schwer gewesen sein. Unter sanftem Druck, aus Not und wohl auch um seine Dankbarkeit zu zeigen, verkauft der Gast seinem Retter, Ranjid Singh, seinen kostbarsten Besitz. Der "Löwe von Pandschab" fragt höflich nach dem Preis, doch der Gast winkt ab. Der "Berg des Lichts" ist unbezahlbar. Welche Summe er seinem unglücklichen Besitzer eingebracht hat, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass ein sehr zufriedener Ranjit Singh den Schatz gemeinsam mit anderen Edelsteinen in einem goldenen Armband fassen ließ, das sich bis 1849 in der Schatzkammer von Lahore befand.

Der Stein der Kaiserin von Indien

Statue der Königin Victoria vor dem Kensington Palace
Statue der Königin Victoria Quelle: imago/Scherf

Als die mächtige Ostindien-Kompanie nach dem Ende der Sikh-Aufstände 1849 den Pandschab annektiert und Lahore besetzt, nimmt sie den Schatz des gestürzten Herrschers als Kriegsbeute an sich. In England steht die Ostindien-Kompanie wegen ihres Vorgehens in Indien unter Druck. Um sich das Wohlwollen der Monarchin zu sichern, macht der Handelskonzern seiner Königin ein Geschenk: den Koh-i-Noor. Königin Victoria lässt den Stein im Londoner Kristallpalast ausstellen. Doch das Publikum ist enttäuscht. Der legendäre Stein macht - nach der schlichten indischen Art geschliffen - in europäischen Augen offensichtlich nicht viel her. Den Namen "Berg des Lichts" verdient er nach Meinung vieler Besucher nicht.

Königin Victoria fasst einen Entschluss. 1858 wird die Ostindiengesellschaft aufgelöst. Die britische Krone übernimmt die Herrschaft in Indien. Und die pflichtbewusste Monarchin stellt sich der Verantwortung. 1877 nimmt sie den Titel Kaiserin von Indien an. Sie gibt den Auftrag, den Koh-i-Noor umzuschleifen. Bei Coster in Amsterdam wird der Stein von 186 auf 108,93 Carat verkleinert und erhält zugleich einen ovalen Brilliantschliff. In ihrem Testament setzt Victoria fest, dass keiner ihrer männlichen Nachfolger den Stein in seiner Krone tragen darf. Ihr Wille wird respektiert. Der "Berg des Lichts" schmückte die Krone von Königin Mary, der Frau König Georgs des IV. Später trug ihn Königin Elisabeth, die Mutter der heutigen Monarchin. Im Tower von London wird der Koh-i-Noor aufbewahrt. Im Schatz der britischen Krone ist er nicht der größte Stein, doch sicher der mit der bewegtesten Geschichte.

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