"Kolossale Eindrücke"

Interview mit Robert Atzorn

Von 2001 bis 2007 ermittelte Robert Atzorn als "Tatort"-Kommissar Jan Casstorff in Hamburg. Das ZDF-Publikum kennt ihn seit 1997 als Kapitän Frank Harmsen in der Titelrolle der Reihe "Der Kapitän". Die Arbeit für eine Dokumentationsreihe ist für den dreherfahrenen Terra X-Moderator quasi Neuland und steckte voller Überraschungen.

Robert Atzorn in Petra
Robert Atzorn in Petra Quelle: ZDF

ZDF: Worin unterscheidet sich für Sie Dokumentation von Spielfilmarbeit?

Robert Atzorn: Die Arbeit für die Terra X-Reihe "Expeditionen" war für mich wirklich sehr ungewöhnlich. Ich war mit der Crew im wahrsten Sinne des Wortes auf den Spuren der drei Entdecker Johann Ludwig Burckhardt, Georg Forster und Alfred Wegener. Und somit an Orten, die außergewöhnlich sind - Orte, zu denen man als Tourist nicht ohne weiteres reisen würde - auch weil sie meist schwer zugänglich sind.

Robert Atzorn im Gespräch mit Grönländern
Robert Atzorn im Gespräch mit Grönländern Quelle: ZDF/Rupert Scheele

Für die Folge über den Polarforscher Wegner reiste ich mit dem Team bis nach Ukkussisat, das ist ein Dorf an der Westküste von Grönland, rund 40 Kilometer von Uummannaq entfernt. Von dort aus waren es dann noch einmal gute 20 Kilometer bis zu der Stelle, von der aus Wegeners große Grönlandexpedition damals startete - also richtig fernab und nur noch mit dem Helikopter und weiter mit Hundeschlitten durch Schnee und Eis zu erreichen. Natürlich gab es an diesem Ort dann keine Hotels, ja gar keinen Komfort mehr. Wir haben sehr provisorisch in Schlafsäcken in einem provisorischen Gästehaus genächtigt. Das schweißt als Team zusammen.

Beim Spielfilm weiß man vorher ungefähr, was einen erwartet, es steht alles im Drehbuch. Beim dokumentarischen Arbeiten musst du wie das ganze Team trotz Drehbuch die Dinge vielfach auf dich zukommen lassen. Du begegnest vor Ort Menschen, die du sonst wohl nicht kennenlernen würdest. Mein Zusammentreffen mit den Inuit zum Beispiel, die Nachfahren derjenigen, mit denen Wegener damals ins ewige Eis aufbrach. Das hat mich beeindruckt.

ZDF: Wie haben Sie sich auf Ihre neue Aufgabe vorbereitet?

Atzorn: Ich habe mich natürlich im Vorfeld mehrmals mit den Autoren getroffen und mich mit ihnen über die Filme intensiv ausgetauscht. Auch ging es darum, für mich als "Erzähler" den richtigen Ton zu finden. Da ist viel Persönliches von mir ins Drehbuch eingeflossen. Ich habe versucht, mich sehr in die Entdecker hineinzuversetzen, zu verstehen, was sie antrieb und warum sie sich in lebensgefährliche Abenteuer stürzten. So eine dokumentarische Reise ist bei aller Vorbereitung immer auch ein Wagnis und eine persönliche Herausforderung.

ZDF: Was macht die Aufgabe des Spurensuchens so interessant für Sie?

Atzorn: Ich habe mich während dieser Produktion meist als Wissensvermittler aus der Perspektive der Zuschauer gesehen - und ein bisschen auch als Abenteurer wie die Entdecker, um die es ging, die ja selbst welche waren. Die Leistung und das Lebenswerk dieser drei Forscher einem breiten Publikum zu vermitteln - und zwar durch meine eigene Anschauung und indem ich vieles auf der Spurensuche selbst nachvollziehe - das war die eigentliche Herausforderung für mich bei diesen Filmen.

ZDF: Sie folgen den Entdeckern auf ihren Abenteuern, Sie wandeln auf Ihren Spuren. Wie anstrengend waren die Reisen und wie viel Zeit mussten Sie vorab in die Recherche investieren?

Atzorn: Die Reisen waren schon allein durch die unterschiedlichen Klimaverhältnisse anstrengend. Wir haben in Grönland bei minus 20 Grad gedreht, dann aber auch in der jordanischen Wüste bei weit über 40 Grad plus im Schatten. Gerade in Grönland hatten wir viel Pech mit dem Wetter, wir mussten mit extremen Witterungsbedingungen leben, mit Schnee, Nebel und Stürmen. Aber es gab auch andere Unwägbarkeiten.

Während unserer Reise im Nahen Osten spielten politische Umbrüche plötzlich eine Rolle, die wir bei Planung der Drehreise so nicht voraussehen konnten. So waren wir in Kairo, als es immer noch Unruhen gab. Zum Glück blieben unsere Dreharbeiten davon unbeeinträchtigt. Aber wir waren schon etwas angespannt und froh und glücklich, als wir dort alles im Kasten hatten.

Robert Atzorn in der Mohamed Ali Moschee in Kairo
Robert Atzorn in der Mohamed Ali Moschee in Kairo Quelle: ZDF/Friedrich Klütsch

ZDF: Welche Reise war die spannendste? Welches Erlebnis ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

Atzorn: Das ist schwer zu sagen. Die Natur in Grönland - das hat auf mich einen kolossalen Eindruck gemacht. Unvergesslich auch die unglaubliche Landschaftskulisse der Wüste von Wadi Ram. Aber auch die Schönheit der alten Stadt Petra und der Alltag in Kairo, einer Stadt die nun so sehr im Wandel ist, haben mich beschäftigt.

ZDF: Ist irgendwas passiert, mit dem Sie nicht gerechnet hätten?

Atzorn: Eigentlich ständig, und das, obwohl alles bestens vorbereitet war. Aber das ist - diese Erfahrung habe ich jetzt gemacht - auch der eigentliche Zauber des dokumentarischen Drehens. Vieles ist einfach unvorhersehbar und man muss immer wieder spontan auf die neue Situation reagieren. Es ist unerträglich heiß, es ist unerträglich kalt, du erreichst den Drehort nur nach nicht enden wollender Fahrt auf einer Serpentinenstraße oder nächtigst eben auch mal im Schlafsack irgendwo im Niemandsland. Aber nur so bekommst du für die Filme das richtige Gefühl, die richtigen Bilder und mit einer Portion Humor und Teamgeist sind es letztendlich immer tolle Erlebnisse.

ZDF: Welcher Entdecker hat Sie am meisten gefesselt?

Atzorn: Das kann ich so nicht sagen. Was mich an allen drei Entdeckern fasziniert: dass sie sich auf den Weg machten, der Natur und sich das Äußerste abtrotzen, ihr Leben riskierten, um ein Rätsel zu lösen. Was das bedeutet, konnte ich als Reisender recht gut nachvollziehen. Auch wenn ich es, bedingt durch moderne Technik, natürlich unvergleichlich sicherer und einfacher auf der Reise hatte. Darüber hinaus ist es natürlich auch spannend, vorher so viel gelesen zu haben, und mit diesem Wissen dann die Spuren der Entdecker zu verfolgen. Das wird dann plötzlich alles sehr lebendig und sehr intensiv.

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