Konflikte der Kulturen

Fragen an den Prähistoriker Ralf Schwarz

Dr. Ralf Schwarz ist Prähistoriker und Luftbildarchäologie am Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Er befasst sich vorrangig mit der Chronologie- und Datierungsfragen verschiedenster Zeitepochen.

Glockenbecher-Krieger auf Pferden (Spielszene)
Glockenbecher-Krieger auf Pferden (Spielszene)

Frage: Wie war das zeitliche und räumliche Verhältnis zwischen Schnurkeramik, Glockenbecherkultur und Schönfelder Kultur in Mitteldeutschland?

Ralf Schwarz: Schnurkeramik-, Glockenbecher- und Schönfelder Kultur bilden die drei bedeutendsten Ethnien im südlichen Sachsen-Anhalt des fortgeschrittenen 3.Jahrtausends v.Chr. (2700-2200/2050 v.Chr.). Im Unterschied zur Schönfelder Kultur weisen die Schnurkeramik und die Glockenbecherkultur eine weite Verbreitung auf, die sich bei der Schnurkeramik von der Ukraine bis in die Schweiz und bei der Glockenbecherkultur von Marokko bis nach Ungarn und Großbritannien erstreckt.

Süd- und Nordgruppe

Während Schnurkeramik und Glockenbecherkultur im Raum südlich der Bode beheimatet waren, siedelten die Menschen der Schönfelder Kultur nördlich des Flusses und im Gebiet beidseits der Elbe und bildete dort einen Sperrriegel, den keine der beiden anderen, südlichen Kulturen nach Norden durchdringen konnten. Im Unterschied zur Schnurkeramik und Glockenbecherkultur, die ihre Toten unverbrannt beisetzten, werden die Toten der Schönfelder Kultur verbrannt. Auch sie kann anhand der archäologischen Funde in eine Süd- und eine Nordgruppe unterschieden werden.

Das Ursprungsgebiet der Schönfelder Kultur ist allerdings noch unbekannt, ebenso die Wurzeln für die ausschließlich praktizierte Brandbestattungssitte. Die Schönfelder Kultur war Einflüssen von außen wenig aufgeschlossen. Sie bildet gleichsam eine Insel im kulturellen Umfeld der Schnurkeramik und der Glockenbecherkultur und einen Sperrriegel bei deren Ausbreitung nach Norden.

Zunehmende Siedlungsdichte

Um 2500 v.Chr. taucht im Mittelelbe-Saale-Gebiet die Glockenbecherkultur auf, und teilt sich ab diesem Zeitpunkt die gleichen Siedlungsräume mit den Schnurkeramikern. Während die frühe Phase der Glockenbecherkultur in Sachsen-Anhalt kaum vertreten ist, nimmt die Siedlungsdichte ab der mittleren (2500-2300 v.Chr.) bis in die späte Phase (2300-2050 v.Chr.) deutlich zu. Schnurkeramik und Glockenbecherkultur grenzten sich jedoch bewusst räumlich und kulturell voneinander ab. Die gleichzeitige Nutzung eines Ortes ist in keinem Fall sicher belegt, sondern immer nur ein einander ablösen an einer Fundstelle.

Frage: Welche Hinweise haben Sie als Luftbildarchäologe auf Konflikte während des Neolithikums in Mitteldeutschland?

Schwarz: Hinweise auf Konflikte vermitteln unter den luftbildarchäologischen Sachzeugen die vielen in Sachsen-Anhalt während des Neolithikums vorhandenen Befestigungen. Erste Anlagen lassen sich mit den ersten jungsteinzeitlichen Kulturen ab etwa 5200 v.Chr. nachweisen. Wie die Toten im Graben einer Siedlung bei Schletz in Niederösterreich und in einem Massengrab von Heilbronn beweisen, wurden Dörfer überfallen und deren Bewohner erschlagen. Es waren demnach schon wenige Jahrhunderte nach dem Eintreffen der ersten Siedler in Sachsen-Anhalt Konflikte durchaus eine in der Forschung lange Zeit negierte Tatsache. Befestigungen bezeugen auch in den nachfolgenden Perioden (4750-3950 v.Chr.) des Neolithikums einem Schutzbedürfnis.

Monumentale Größen

Später, etwa in der Zeit um 3950-3100 v.Chr. erreichen sie monumentale Größen von 8 bis 64 Hektar und werden mit doppelten Grabenringen umschlossen. Nur an wenigen Stellen sind Toranlagen, die den Zugang in das Innere der Siedlung zuließen, archäologisch gesichert. Die Schutzmaßnahmen wurden möglicherweise erforderlich, da die Ackerbauern von nach Süden strebenden Megalithkulturen aus dem Norden bedrängt wurden. Ab etwa 2700 v.Chr. verschwanden die Befestigungen mit dem Auftreten von Schnurkeramik-, Schönfelder und später auch Glockenbecherkultur für längere Zeit, da die vermutlich in Kriegerbünden organisierten Stämme dieser Kulturen auf wehrhafte Anlagen verzichteten.

Frage: Welche Gründe könnten Ihrer Meinung nach zu einem Konflikt geführt haben?

Schwarz: Konflikte hatten im Neolithikum unterschiedliche Ursachen:

1. Landnahme auf der Suche nach fruchtbarem Boden
Da das Mittelelbe-Saale-Gebiet durch fruchtbare Lössböden gesegnet ist, erwächst für die im Norden auf kargen Sandböden ansässigen Bauern der Wunsch, ihre Siedlungsgebiete dorthin zu verlagern, denn fruchtbare Schwarzerden bieten nicht nur dem Ackerbau, sondern auch der Viehhaltung gute Voraussetzungen.

2. Landnahme aufgrund von Bevölkerungszunahmen
Bei ökonomisch abgesicherten Ackerbauernkulturen entsteht über Generationen hinweg eine Bevölkerungszunahme, die im Verlauf von Generationen die Ernährungsmöglichkeiten eines Dorfes übersteigen. Handwerkliche Spezialisierung auf der einen Seite und Abwanderung auf der anderen sind die Folge, wobei letztere zur Anlage von Filialdörfern geführt haben dürfte, deren Entfernung vom Mutterdorf schrittweise sich vergrößerte und bei der Durchdringung bereits besiedelter Gebiete und der Beanspruchung von Ackerland und Viehweide für die Ernährung zu Konflikten führte.

3. Gegensatz von Ackerbauern und Viehhaltergesellschaften
Das Nebeneinander von Ackerbauern und Hirten verläuft nicht immer reibungslos, denn letztere dringen auf der Suche nach neuen Weiden in die Gefilde der territorial gebundenen Ackerbauern ein. Zudem ergänzen Hirtenkulturen den Verlust an Vieh durch Viehraub. Neben einer wirtschaftlichen Symbiose besteht damit nicht unerhebliches Konfliktpotenzial.

4. Rivalitäten zwischen Dorfgemeinschaften oder Clans um die Vorherrschaft in einem Gebiet oder zwischen konkurrierenden Ethnien
Bei der Schnurkeramikkultur zeigt sich, dass die für Clan-Chefs nach dem Tode aufgestellten Ahnensteine (Menhire) sekundär in Grabkisten als Wandsteine verbaut wurden und damit einer weiteren Verehrung entzogen wurden. Dies deutet auf Wechsel der herrschenden Familien hin, wobei die Menhire nicht zerstört wurden, vermutlich um durch diese versöhnliche Geste nicht den Fluch des Ahnen und/oder der in den Erdgeistern verkörperten Urahnen auf sich zu laden.

5. Frauenraub
Landnahmen werden oft von Männergruppen durchgeführt, die, um eine Familie zu gründen und eine wirtschaftliche Keimzelle zu schaffen, auf Frauen aus den Dörfern der einheimischen Bevölkerung zurückgreifen müssen. Dieses Bedürfnis kann auf friedlichem Wege geregelt oder aber durch Raub, der auch rituell organisiert sein kann, kompensiert werden.

6. Kontrolle von Verkehrswegen
Da Warenverkehr an Verkehrswege gebunden ist und der Zugang begehrter Güter von deren Kontrolle abhängt, entweder, um am Zwischenhandel zu profitieren, oder durch Schutzanlagen und Märkte am Güterverkehr und -tausch zu verdienen, wächst der Wunsch nach Inbesitznahme strategisch günstiger Zwangspunkte, die auch durch Gewalt entwendet werden können.

7. Kontrolle von Rohstoffquellen
Da bestimmte Rohstoffe nur an wenigen Orten vorhanden sind, wachsen Begehrlichkeiten um den Zugang oder/und Besitz entsprechender Vorkommen. Je nach Zeitstellung können dies ganz unterschiedliche Rohstoffe sein, wobei für das Neolithikum Feuersteinvorkommen und Salzquellen in Frage kämen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet