Kontinent der Wälder

Verschwinden der Gletscher sorgt für neue Artenvielfalt

Zum Ende der letzten Eiszeit, unmittelbar dort, wo die Gletscher ihre Arbeit verrichtet haben, gleicht der Boden nach dem Rückzug des mächtigen Eisschildes einer felsigen Mondlandschaft. Aber mit den steigenden Temperaturen beginnen Flechten den nackten Fels zu besiedeln.

Dann keimen die ersten Blütenpflanzen. Allmählich bildet sich eine Humusschicht Und an geschützten Stellen wachsen die ersten Bäume, deren Samen der Wind herangetragen hat. Europa wird wieder grün.

Weideland wie nie zuvor

Rund tausend Jahre nach der Eiszeit breiten sich im Norden des Kontinents Grasländer, Moore und Tundren aus. In unglaublicher Zahl ziehen Rentierherden über die grünen Ebenen. Die Tiere finden so viel Weideland wie nie zuvor. Doch die Temperaturen steigen weiter und die Rentiere ziehen sich nach Norden zurück. Die Tundra, der Lebensraum von dem sie abhängen, wandelt sich zusehends. Von Süden und Osten her breiten sich Nadelwälder aus: Lärchen, Fichten, Kiefern und Wacholder. Die Baumgrenze rückt schnell nach Norden vor, 500 Meter jedes Jahr.

Wenige Jahre nach dem Verschwinden der Gletscher ist Europa zu einem Kontinent der Wälder geworden. Mit ihnen zieht eine völlig neue Artengemeinschaft ein. Auerhähne balzen im Unterholz. Ein Zeichen, dass in Europa wieder Jahreszeiten Einzug halten. Die Zeit der riesigen Herden ist vorbei. Kleinere Tiere nutzen die neue Landschaft. Im Schatten der dichten Kronen wächst nur spärliches Grün - wenig Futter für die großen Pflanzenfresser. Rothirsche, die einst über die offenen Tundren zogen, müssen nun in den ersten Wäldern ihr Auskommen finden.

Küstenlinien werden geschaffen

Vor rund 10.000 Jahren haben die Wälder den gesamten Kontinent erobert. Und auch seine Küstenlandschaften sehen völlig anders aus. Der Meeresspiegel ist unaufhaltsam angestiegen, etwa um 100 Meter. Die eineinhalb Millionen Kilometer Küstenlinien, wie wir sie heute kennen, werden damals geschaffen.


Die tiefen Täler, die Gletscher in Norwegens Küste gefräst haben, liegen nun unter dem Meeresspiegel. Hier mischt sich das nährstoffreiche Tiefenwasser mit den warmen Fluten des Golfstroms. Diese Gewässer sind deshalb das ganze Jahr eisfrei und reich an Leben. Jedes Jahr locken sie Hunderte Schwertwale an. Die Wale kommen vor allem wegen der enormen Heringsschwärme, die hier überwintern.

Unglaubliche Artenvielfalt

Der Einfluss des Golfstroms und der mit dem Schmelzen des Eises angestiegene Meeresspiegel prägen bis heute den gesamten Westrand unseres Kontinents: Von Norwegen bis Schottland, von Frankreich bis Irland. Umtost von den Wellen des Atlantik beherbergt diese Küste eine unglaubliche Artenvielfalt. Rund 120.000 Kegelrobben sind hier zuhause. Ebenso Seeotter. Der Fischreichtum lässt an Europas Nordküsten einige der größten Seevogelkolonien der Welt entstehen.


Die ansteigende See hat Tausende kleiner Inseln geschaffen, die nun perfekte Brutplätze bieten. Sicher vor Landraubtieren und mit reichlich Futter vor der Haustür. Imposante Steilküsten, besetzt von Abermillionen Seevögeln. Zu den größten Kolonien zählen die der Tölpel. Im Sommer erwacht der Himmel hier zum Leben. Dicht gedrängt besetzen die Tölpel die Felsen und sorgen für Nachwuchs.

Nährstoffreicher Schlamm

An anderen Stellen ist die neue Küstenbildung immer noch nicht abgeschlossen. In der deutschen Bucht nimmt Europa erst im Mittelalter die Form an, die uns heute so vertraut ist. Die flachen Schlickflächen werden täglich von den Gezeiten überspült und wieder freigegeben. Im nährstoffreichen Schlamm wimmelt es von Leben. Millionen von Watvögeln sammeln sich hier auf ihren Wanderzügen, um ihre Reserven aufzufüllen.


Heute ist das Wattenmeer der Nordsee der bedeutendste Rastplatz auf der großen ostatlantischen Vogelzugroute. Im Frühjahr und im Herbst versammeln sich gigantische Vogelschwärme und machen die Schlickbänke zu einem der letzten Naturrefugien Deutschlands. Selbst der seltene Wanderfalke ist dann bei seinen spektakulären Jagden zu beobachten.

Korridore für die Menschen der Steinzeit

Nach dem Schmelzen der Gletscher bieten diese Küsten nicht nur üppige Nahrung. Sie sind auch offene Korridore für die Menschen der Steinzeit: Die kommen aus Spanien und Sibirien.

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