Kopflose Feinde

Keltischer Kult um Schädeltrophäen

In der Nähe von Amiens entdeckten Archäologen die Überreste eines heiligen Bezirks mit Weihestätten, Opferplätzen und überdachten Bauwerken. Eines Tages stießen auch sie auf ein Massengrab. Doch im Vergleich zu den Skelettfunden am hessischen Kulthügel von Glauberg wurde bei Amiens kein einziger Schädel gefunden. Die Toten wurden enthauptet.

Geisterheer bei Amiens (Animation)
Geisterheer bei Amiens (Animation)

Bei der Bergung der Skelette fiel den Archäologen eine pathologische Besonderheit auf. Über hundert Gerippe wirkten wie mumifiziert. Das bedeutete, sie waren über einen langen Zeitraum Wind und Wetter ausgesetzt. Die Rekonstruktion enthüllte schließlich ein makabres Szenario: 120 kopflose Krieger wurden in vollem Ornat mit Schwert und Schild auf einer Tribüne festgebunden. Das Geisterheer stand im Heiligtum - als abschreckende Warnung an andere Stämme und als Geschenk an die Götter. Ein Krieger wurde sogar rituell getötet.

Amulett aus Frürstengrab vom Glauberg
Amulett aus Frürstengrab vom Glauberg

Fremdartiger Kult

Dem Feind den Kopf abzuschneiden - kaum ein keltischer Brauch wirkt so fremdartig wie der Schädelkult. Auch die Bewohner vom Glauberg kannten diese Tradition. Aus dem Fürstengrab holten die Forscher Gewandnadeln und Gürtelschnallen mit stilisierten Köpfen aus Gold und Bronze. Dem Glauben nach bannten die Amulette Dämonen, verliehen dem Besitzer aber auch beispiellosen Mut und unermessliche Stärke.

Der griechische Geschichtsschreiber Diodor schilderte, dass es für die Krieger Ehrensache war, das Haupt des Gegners zu erbeuten. Denn im Schädel vermuteten sie die Seele des Menschen. Erst mit der Trophäe in der Hand hatten sie den Feind endgültig besiegt. Um die berüchtigten Kopfjäger ranken sich seit jeher zahlreiche Legenden. In der Schlacht fürchteten die Kämpfer weder Verstümmelung noch Tod. Es heißt, die Kühnsten stürzten sich wie entfesselte Kampfmaschinen sogar nackt ins Gemetzel.

Edle Römerköpfe

Selbst Roms berühmtester Imperator, Julius Caesar, beschrieb die Barbaren, wie er den Erzfeind nannte, als unbeugsam und erbarmungslos. Acht lange Jahre brauchte er, um die Unbezähmbaren zu bezwingen. Doch nicht einmal die mächtigen Eroberer konnten verhindern, dass in keltischen Schatztruhen auch edle Römerköpfe landeten. Das aber verschwieg Caesar, als er der Nachwelt den Sieg als strahlenden Triumph verkaufte. Eine gallische Münze zeigt den Stammesführer Dumnorix mit einem erbeuteten Kopf in der Hand. Obwohl die Römer die Kopfjagd der Gallier verboten hatten, konnten sogar keltische Hilfstruppen in Roms Diensten nicht von ihrem Brauch ablassen.

Ob mächtige Römer oder nur feindliche Stämme - Kopftrophäen waren fester Bestandteil der Kriegsbeute. Mit ihnen schmückte man nicht nur die Tempel, sondern ebenso Stadttore, Hauseingänge und Pferdenacken. Je größer der Ruhm und die Tapferkeit eines Gegners, desto stärker die Kräfte, die auf den Besitzer des Schädels übergehen, so der Glaube. Die Köpfe ihrer vornehmsten Feinde bewahrten sie - so schreibt es der griechische Geschichtsschreiber Poseidonios - über Generationen hinweg mit Zedernöl einbalsamiert in einer Kiste auf, um sie besonders geschätzten Gästen vorzuführen: "Wenn sie diese Gastfreunden zeigen, brüsten sie sich, dass für diesen Kopf einem ihrer Vorfahren viel Geld geboten worden sei."

Sitz des Lebens

Dem Kopf wurde eine große Bedeutung zugemessen, da der Kopf als Sitz des Lebens galt. Und so ist das auch zu erklären - nicht als barbarische Sitte, sondern sich des Gegners voll zu bemächtigen und seine Stärke und seine Kraft für sich selbst nutzbar zu machen.

Auch der Fürst vom Glauberg galt als erfolgreicher Krieger. Doch er pflegte einen speziellen Kopfkult, der seine einzigartige Stellung hervorhob. Der Regent trug einen schweren Halsring. Zehn Kopfamulette schmücken das Geschmeide aus purem Gold. Sie stellen göttliche Wesen dar. Von ihnen geht eine magische Kraft aus, die sie auf den Herrscher übertragen.

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