Kostspieliger Lebensstil

Der Vatikan löst seine Finanzmisere mit Ablasshandel

Die Kunstbegeisterung von Papst Leo X. kennt keine Tabus - auch keine inhaltlichen. Es sind keineswegs bloß biblische Szenen, mit denen er die Wände des Vatikan schmücken lässt. Ganz im Gegenteil: Überall entstehen jetzt Bilder, die die Zeit der heidnischen Antike verherrlichen.

Papst beim Geldzählen Quelle: ZDF

Eines dieser Bilder ist die "Schule von Athen", die sein Lieblingsmaler Raffael bereits für einen Vorgänger geschaffen hat. Nicht christliche Heilige sind hier Thema der Kunst, sondern Platon und Aristoteles, Pythagoras oder Heraklit. Leo geht es um die ganz großen Gestalten der Weltgeschichte - und zu denen zählt er sich auch gerne selbst. Leo, hoch zu Ross, als Triumphator.

Inspiration im Nero-Palast

Leo lässt die Schätze aus fernster Vergangenheit heben. Sein Chefarchäologe ist Raffael, das Künstlergenie. Und Raffael legt das verschüttete Erbe der Antike frei, entdeckt Kunstwerke, unter denen die römischen Kaiser einst tafelten. Ausgerechnet im Palast von Nero, dem Christenmörder, findet er Inspiration für die Ausschmückung des Vatikans.

Gemälde Schule von Athen Quelle: ZDF

In der Renaissance entdecken die Menschen die Kultur der Antike wieder, die lange vergessen war - die aber nun in all ihrer Pracht wieder auflebt und zum Vorbild wird für alle großen Künstler dieser Zeit. Schönheit, Ebenmaß, Sinnlichkeit - das entspricht auch ganz und gar dem Geschmack der Päpste. Aber aus christlicher Sicht haben alle diese Werke doch einen entscheidenden Makel. Sie stellen heidnische Götter dar: nackt und sinnenfroh. Mit Jesus hat das alles nichts zu tun - mit Pomp und Pracht der Fürstenhöfe aber sehr.

Goldene Teller im Tiber

Goldgeschirr wird aus dem Tiber gefischt Quelle: ZDF

In Rom gilt es jetzt als letzter Schrei, Feste nach antiken Vorbildern zu feiern. Ob Kaufmann, Fürst oder Kardinal - das ist in dieser reichen Gesellschaft kaum zu unterscheiden. Man ist unter Seinesgleichen. Höhepunkt solch antiker Bacchanale: Die goldenen Teller werden einfach in den Tiber geworfen. Eine dekadente Lust an Überfluss und Luxus. Aber Caesar und Kleopatra konnten es doch besser: Sie hatten zu ihrer Zeit die Schätze für immer im Fluss versenkt. Die neureichen Römer zu Leos Zeiten lassen hingegen unter Wasser Netze spannen und am nächsten Morgen alles wieder aus dem Tiber fischen. Hinter der öffentlich zur Schau gestellten Verschwendung verbirgt sich der Geiz von Krämerseelen.



Die geistlichen Herren der Renaissance kleiden sich wie Fürsten und wie Könige. Sie kopieren einfach das aristokratische Modell. Aber all das kostet viel Geld. Und da hat Papst Leo eine geniale Idee: Er will die Finanzmisere des Vatikans mit so genannten Ablassbriefen beenden. Sie versprechen den Menschen Vergebung ihrer Sünden - und sie sind gegen bare Münze zu erwerben. Eine großartige Geschäftsidee, die vor allem in Deutschland einschlagen soll. Ablassprediger durchstreifen das Land und ziehen den Menschen das Geld aus der Tasche. 'Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer in den Himmel springt!' - so das Versprechen. Sündenvergebung gegen bares Geld.

Päpstliche Trachten Quelle: ZDF

Widerstand in Wittenberg

Geld, das letzten Endes die Kasse des Papstes füllt. Die Zeitgenossen berichten davon, dass Papst Leo persönlich seine Künstler mit Goldstücken entlohnt, die er in seiner Privatschatulle verwahrt. Geld, das Abertausende von Menschen mit ihrer Hände Arbeit erwirtschaftet haben. In Wittenberg regt sich dagegen Widerstand - das Volk ist in Aufruhr. Und der Protest des Dr. Martin Luther gewinnt an Schärfe. Jetzt ist es nicht nur der Ablasshandel, den Luther anprangert. Jetzt geht es um den Papst selbst - um seinen verderblichen Einfluss auf die Kirche. Die Lage eskaliert.

Aber jetzt steht Martin Luther auf der Weltbühne. Nach dem Willen von Papst Leo X. und dem jungen Kaiser Karl V. soll er vor einem Tribunal der Fürstenversammlung seinen ketzerischen Thesen abschwören. Doch auf dem Reichstag zu Worms im April 1521 können weder Fürsten und Bischöfe noch der Kaiser seinen Widerstand brechen. "Hier stehe ich! Ich kann nicht anders!", soll Luther der erregten Versammlung erklärt haben.

Gemälde Luther beim Reichstag zu Worms Quelle: ZDF

Startsignal für die Reformation

Luthers standhaftes Auftreten vor Kaiser und Reichstag ist das endgültige Startsignal für die Reformation. Der Sturm ist nicht mehr aufzuhalten. Papst Leo wird ihn nicht mehr erleben. Nur wenige Monate nach Luthers Triumph stirbt Leo X. am ersten Advent 1521. Zu Grabe getragen wird der erste Medici-Papst nicht in seiner geliebten Heimatstadt Florenz, sondern in der Kirche Santa Maria sopra Minerva in Rom.

Handgeschriebene Bibel aus dem 14. Jahrhundert Quelle: ZDF

Was sonst noch von Leos glanzvoller Regentschaft blieb, ist ein Buch aus seinem persönlichen Besitz, eine handgeschriebene Bibel aus dem 14. Jahrhundert. Heute ist sie ein gut gehüteter Schatz im Kupferstichkabinett Berlin. Dieses Buch ist wie ein Symbol für die acht Jahre von Leos Kirchenherrschaft: Kaum ein anderes Werk ist jemals so prächtig und kunstvoll geschaffen worden wie diese heilige Schrift. Vergoldete Miniaturen erzählen von der Herrlichkeit Gottes und seiner Heiligen. Vergoldet - so hat sich auch Leo sein Papsttum vorgestellt.

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