Der Krieg der Geheimbünde

Illuminaten gegen Gold- und Rosenkreuzer

Richtig Schwung bekommen die Aktivitäten der Illuminaten mit dem Beitritt des Freiherrn Adolph von Knigge. Der Mann, der uns heute als Verfasser von Benimm-Büchern ein Begriff ist, ist damals wie viele andere auch bereits Mitglied eines anderen Geheimbundes: Knigge ist Freimaurer. Er kennt sich aus in der “Szene“, steht auch mit Rosenkreuzern in Kontakt.

Knigge wird gewusst haben, wie ein interessanter Geheimbund auszusehen hat: Er muss zwar eine ausgeprägte Hierarchie besitzen, seine Mitglieder müssen aber trotzdem eine reelle Chance haben, die “Karriereleiter“ der Gemeinschaft hochklettern zu können. Das darf nicht zu schnell passieren, aber auch nicht zu schwierig sein. Die angebliche Existenz geheimer Oberer macht einen Geheimbund zusätzlich attraktiv –und das Versprechen, mit jedem neuen Grad ein wenig mehr Einblick in das Geheimnis zu bekommen. Ebenso vorteilhaft sind ein wenig Mystik und Symbole, die der Organisation den nötigen rätselhaften Anstrich geben. Die Rituale dürfen ausschweifend sein, und auch Kostümierungen dürfen nicht fehlen:

Ausschweifende Rituale

“Linker Hand steht ein Tisch rot bedeckt auf welchem die Kleidung der Regenten liegt. Diese Kleidung ist folgende: über dem Rock wird eine Art von Küraß oder Brustschild, aber nur von weichem Leder, getragen, worauf ein rotes Kreuz steht. Uber demselben ein offener weißer Mantel mit Ärmeln ( …). Auf dem Kopf tragen sie einen weisen Hut mit roten Federbuschen. An den Füßen rot zugeschnürte Halsstiefel ( …). Das Zimmer ist rot tapeziert und gut erleuchtet“, heißt es in einer Ritualbeschreibung. Anschließend soll das neue Mitglied in einen anderen Raum geführt werden. Der ist schwarz tapeziert, auf einer kleinen Empore steht ein Skelett, “zu dessen Füßen Krone und Schwert“ liegen.

Dann wird der Neuling gefesselt. Nachdem er höheren Ordensmitgliedern Rede und Antwort gestanden hat, legen Mitglieder ihm eine spezielle Tracht an: “Das Brustschild steht für Treue, Wahrheit, Festigkeit und Glaube, damit die Pfeile der Verleumdung und des Unglücks abgewehrt werden. Die Stiefel stehen für Schnelligkeit und die Bereitschaft zum Guten und zur guten Tat. Der Mantel ist das Symbol, ein Fürst für das Volk zu sein, ein weiser redlicher Wohltäter und Lehrer der Bruder. Der Hut steht für die Freiheit, die nie mit einer Krone zu vertauschen ist.“

Dramatische Showeffekte

Treffen und Aufnahmerituale der Illuminaten finden anscheinend vorzugsweise an pittoresken Orten statt, zum Beispiel in einer Berggrotte im Schlosspark Aigen nahe Salzburg, im sogenannten Hexenloch. Vor der Grotte grüßt damals eine über den Eingangssäulen platzierte Sphinx die Eintretenden. Im Innern der Höhle rauscht damals wie heute noch ein Wasserfall. Es ist nasskalt und unheimlich. Nur Kerzen erleuchten die Szenerie der Initiationen und Sitzungen. Es heißt, die Illuminaten-Höhle habe Wolfgang Amadeus Mozart für das Bühnenbild der “Zauberflöte“ inspiriert und in Wahrheit handele es sich bei der Oper nicht um eine Inszenierung von Freimaurer-Ritualen, sondern “um Zeremonien der Illuminaten in Aigen“.  Der Einzug dramatischer Showeffekte in den Orden beruht auf dem zunehmenden Einfluss Knigges. Weishaupt akzeptiert ihn nur zähneknirschend, weil Knigge binnen kurzer Zeit 500 hochkaratige Mitglieder für den Bund geworben hat. Knigges Fleiß setzt Weishaupt unter Druck. Seine Vorstellungen vom Ordensleben sind vage, muss Weishaupt letztlich zugeben. Er lässt Knigge bei der praktischen Ausgestaltung freie Hand. Und dieser weiß, wie aus den Illuminaten etwas Großes werden kann …

Zu jener Zeit gerät die Freimaurerei in Deutschland in eine Krise. Viele Logen losen sich auf. Das hinterlässt eine Menge heimat- und orientierungsloser Mitglieder –was wiederum eine einmalige Chance für die Illuminaten ist, erkennt Knigge. Er führt freimaurerische Grade in den Orden ein. Außerdem erfolgt der Aufstieg durch die Hierarchie nun schneller als unter Weishaupts Alleinherrschaft.

"Aristokratie des Geistes"

70 Prozent der ca. 1500 Illuminaten sind Akademiker. Der Bund spiegelt daher so etwas wie die “Aristokratie des Geistes“ wider. Besonders in Bayern finden sich zahlreiche Weishaupt-Anhänger in der Verwaltung des Königreichs. Viele glauben, einer Freimaurerloge beigetreten zu sein. Sie erfahren erst nach und nach, dass sie Illuminaten geworden sind. Diese Strategie funktioniert zunächst. Es scheint, als könnten Weishaupts Visionen einer friedlichen Transformation der Gesellschaft durch Unterwanderung Wirklichkeit werden.

Immer neue Mitglieder werden geworben, Freimaurer von Rang wie Johann Christoph Bode und hohe Adlige, Fürsten sogar. Auch Goethe, Lessing und Pestalozzi versprechen sich etwas von der Mitgliedschaft. Sie alle wollen erkunden, ob dieser Bund vielleicht wirklich etwas vollkommen Neues ist: ein Geheimbund, der den Weg zur Macht jenseits aller höfischer Etikette ebnet. Bei den Illuminaten handelt es sich um eine Art Proto-Partei: Eine Gruppe Gleichgesinnter tut sich zusammen, um ihre Ziele zu erreichen. Das Einzige, was diese Proto-Partei von modernen Parteien unterscheidet, ist der Zwang zur Heimlichkeit ihres Tuns.

Ideologische Kluft

Das 18. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Geheimgesellschaften. Wer Freimaurer ist, war oder werden will, kennt sicher jemanden, der Rosenkreuzer ist, war oder werden will, der wiederum jemanden kennt, der Illuminat ist, war oder werden will. Und so bleiben die Aktivitäten des Ordens nicht das, was sie sein sollten: unentdeckt.

Rosenkreuzer und Alchemie
Rosenkreuzer waren äußerst beliebt. Sie waren von der Alchemie fasziniert.

Bald sind auch die Gold- und Rosenkreuzer über die zunehmende Aktivität der Illuminaten im In- und Ausland informiert –und alles andere als erfreut. Die Rosenkreuzer sind den Illuminaten nicht nur feindlich gesinnt, weil diese im Gegensatz zu den Rosenkreuzern von der Krise der Freimaurerei profitieren. Die ideologische Kluft zwischen beiden Geheimbunden ist einfach riesig: Der eine ist ein aufgeklärter Tugendbund und trotz mystischer Einsprengsel spiritistischer Schwärmerei abgeneigt. Der andere ist schwärmerisch-spirituell und sieht Aufklärung als ein Grundübel der Zeit an. Geheimbund des Wissens contra geheime Kirche: Kein Wunder, dass der Gold- und Rosenkreuzer und preußische Staatsminister Johann Christoph von Wollner in den Illuminaten “gefräßige Wolfe“ und “Seelenmörder“ sieht. Der Hass auf die Illuminaten nimmt zu, als bekannt wird, dass Freiherr von Knigge unter Pseudonym ein Buch namens “Über Jesuiten, Freymaurer und deutsche Rosenkreutzer“ veröffentlichen lässt und darin die Rosenkreuzer als “unwissende Brüder“ bezeichnet, die ein Reich aus “Betrug und Dummheit“ aufbauen wollen.

Showdown zwischen den Bünden

Es kommt zu einer Art Showdown zwischen den beiden konkurrierenden Geheimbunden, und es stellt sich heraus, dass die Illuminaten den Rosenkreuzern nicht gewachsen sind. Von den 270 Ordensfilialen, die Knigge plant, existieren erst 90. Die Machtbasis ist also weiterhin klein. Die Unterwanderung der Freimaurerlogen bringt zwar viele neue Mitglieder. Doch die machen Ärger. Sie fordern mehr Einblick in die Strukturen, wollen mehr über die Ziele des Ordens wissen. Das ist unvereinbar mit den Grundsätzen der Illuminaten.

Seit 1783 gibt es zudem Warnungen vor dem zunehmend schlechten Ruf der Illuminaten und möglichen Staatsaktionen gegen den Bund. Im Dezember jenes Jahres lost das Buch “Über Freymaurer. Erste Warnung“ heftige Diskussionen aus. Die Autoren sind enttäuschte Ex-Illuminaten und treten mit dem Buch eine Agitationswelle gegen den Geheimbund los. Doch damit nicht genug. Knigge zerstreitet sich mit Weishaupt. Denn der Freiherr will eine umfassende Reform des chaotisch geführten Ordens, scheitert aber am Widerstand Weishaupts. Im Juni 1784 verlasst Knigge den Orden – zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt.

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