Kulturelle statt biologische Evolution

Teil 2 des Interviews mit Friedemann Schrenk

Der Frühmenschenforscher spricht über die Rollenverteilung urspünglicher Menschen und den Einfluss der Evolution auf unser heutiges Leben.


ZDFonline: Wie stellen sich Paläoanthropologen die Rollenteilung zwischen Mann und Frau vor?


Schrenk: Diese Frage mit Mann und Frau ist die allerschwierigste. Wir haben ja Vergleiche mit Primaten, zum Beispiel mit heute lebenden Schimpansen. Es gibt hier den Sexualdimorphismus, das heißt unterschiedliche körperliche Ausprägung bei Weibchen und Männchen. Interessanter Weise ist es so, dass dieser Sexualdimorphismus je geologisch älter die Fossilien sind, umso stärker ausgeprägt ist.

Rollenverhalten: Viel Spekulation

Wenn man ein Fossil der Australopithecinen anschaut, gibt es ganz klare Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen. Bei heute lebenden Menschen sind die generellen Unterschiede im Knochenbau minimal. Es gibt allerdings große individuelle Unterschiede. Bei Homo sapiens können sie Männer finden, die vom Skelett her eher wie Frauen sind und Frauen, die wie Männer sind. Anders bei Gorillas: weibliche Gorillas haben gar keinen Knochenkamm mehr auf dem Kopf und die männlichen haben einen. Mit anderen Worten: es gibt Unterschiede und diese Unterschiede sind dann natürlich auch auf unterschiedliche Lebensweisen zurückzuführen. Es ist ganz klar, dass der wichtigste Aspekt bei den Frauen ist, Kinder zu bekommen.

Man stellt sich auch vor, dass diese Rollenverteilung bei der Fortpflanzung auch einen Einfluss auf den aufrechten Gang gehabt haben könnte. In der Frühphase bei den Australopithecinen geht man davon aus, dass die Mütter in der Buschsavanne - wie es auch bei den Schimpansen üblich ist - bei den Kindern bleiben, während die Männer die Nahrung beschaffen. Eine schöne Hypothese, die zum aufrechten Gang führt, weil die Männer die Nahrung beschaffen und herantragen müssen. Die Rollenteilung und alles, was an sozialen Verhaltensweisen daraus resultiert, ist also mit der Fortpflanzung verbunden. Wir können das aber nicht aus den Skeletten ableiten sondern aus dem Vergleich mit heute lebenden Primaten. Das ist immer viel Spekulation. Fossiles Rollenverhalten haben wir leider nicht.

Frühe Ausbreitung entlang der Küste


ZDFonline: Schon vor zwei Millionen Jahren begann die erste große Ausbreitungswelle, früher Menschen. Homo sapiens hat das später noch einmal viel konsequenter betrieben, was macht uns zu so expansiven Wesen?


Schrenk: Diese Expansion muss man sich nicht so vorstellen, dass irgendwelche Leute auf Wanderschaft gehen. Sondern es geht ja ganz langsam, vielleicht fünf Kilometer pro Generation. Solche Expansionen gibt es bei allen Tieren, die passieren die zum Teil schneller als bei den Menschen. Ich würde das gar nicht als besonders expansiv bezeichnen. Bei der Frage, warum Menschen sich irgendwo anders hinbewegen, werden verschiedene Gründe diskutiert. Höchstwahrscheinlich hat es immer irgendwas mit Nahrungsgrundlagen zu tun, das man sich weitere Nahrungsquellen erschließt und weitere Räume dazu eben auch in Besitz nimmt. Wenn man das geologisch sieht, sind diese Ausbreitungen eher langsam. Die frühen Expansionen gehen auch immer an der Küste entlang, die gehen ja nicht sofort ins Landesinnere. Das hat immer etwas auch mit Nahrungsbeschaffung zu tun.

Nicht eine Wahrheit - Nur Hypothesen


ZDFonline: Für Laien ist es schwierig, sich eine Orientierung zu verschaffen, weil Artnamen, Verwandtschaftsgrade und zeitliche Zuordnungen zwischen den verschiedenen Wissenschaftlern so stark umstritten sind und in jeder Publikation wieder anders dargestellt werden. Warum ist es so schwierig, zu einer einheitlichen Sichtweise zu kommen?


Schrenk: Das Hauptproblem ist, dass es kein Richtig und kein Falsch gibt. Es gibt nicht die eine Wahrheit. Wir arbeiten nach einem ganz anderen Prinzip. Es geht hier um Wahrscheinlichkeiten und zwar geht es um die Erarbeitung von Hypothesen, die am wahrscheinlichsten sind desto weniger Hilfsannahmen man da reinstecken muss. Ich werde auch oft gefragt," ja wie war das denn nun?" Dann sag ich: "weiß ich nicht. Ich kann Euch nur sagen, wie es unter dem einen Blickwinkel wahrscheinlich erscheint oder unter dem anderen Blickwinkel." Sie wissen ja selbst: Wenn man bei der Geschichtsschreibung mal guckt, was vor 50 Jahren hier passiert ist, sind die Leute sich uneinig, je nachdem aus welchem Blickwinkel man das betrachtet. Wenn wir nur 0,0001 Prozent von dem haben, was mal gelebt hat und das auch nur fragmentarisch, da kann man einfach noch weniger erwarten, dass das einheitlich ist.


ZDFonline: Unterliegen wir Menschen heute noch der Evolution? An welchen Stellen zeigt sie sich?


Schrenk: Das eine ist die biologische Evolution. . Es gibt beim Homo sapiens ja keine geografische Trennung mehr in kleine Gruppen. Das ist es, was man normalerweise braucht, um neue Arten hervorzubringen. Wir haben Genfluss von überall nach überall. Das heißt also wir unterliegen schon der Evolution, nicht in dem Sinne, dass neue Arten gebildet werden sondern, in dem wir bestimmte Dinge reduzieren im Laufe der Zeit. Ein gutes Beispiel sind ja die Weißheitszähne, also die dritten Backenzähne. Die brauchen wir eigentlich gar nicht, bei der Nahrung, die wir zu uns nehmen und wie wir sie aufbereitet haben. Die Weißheitszähne kann der Zahnarzt problemlos rausreißen und bei einigen Menschen werden die auch gar nicht mehr angelegt. Das ist ein Paradebeispiel für eine rückschreitende Evolution.

Starke kulturelle Evolution

Aber durch unsere Kultur bremsen wir ja die biologische Evolution aus. Die Kultur hat vor 2,5 Millionen Jahren begonnen - das ist das, wo die Evolution weiterläuft. Das gehört auch zu der Evolution, denn die Kultur beginnt in einem Naturrahmen und setzt sich dann immer weiter davon ab.


Wenn Sie die ersten Steinwerkzeuge vor 2,5 Millionen Jahren ansehen, das sind ja Betriebssysteme im eigentlichen Sinne. Die waren dann eine Million Jahre unverändert. Und wenn sie heutige PC Betriebssystem ansehen dann ist das schon nach einem Jahr wieder veraltet. Das ist aber vom Prinzip her eigentlich das Gleiche. Externe Informationsspeicherung und all das, was mit diesen ersten Steinwerkzeugen beginnt. Und insofern unterliegen wir heute vielleicht nicht so sehr der biologischen aber auf jeden Fall der kulturellen Evolution in ganz starkem Maß.

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