Kurze Chronik

Das Zeitalter der Ritter

Vor 1300 Jahren verändert sich die Welt im nördlichen Europa schlagartig. Von Süden und Osten stürmen wilde Reiterheere heran: Ungarn, Hunnen, Sarazenen. Schnelle Pferde und noch schnellere Pfeile bestimmen das Tempo der Zeit. Doch fränkische Herrscher reagieren rasch. Panzerreiter leisten erfolgreich Widerstand. Die Ritter werden zur neuen Machtelite des Mittelalters. Ihr Mythos ist bis heute lebendig.

Vorbereitungen auf Kreuzzug (Spielszene)
Vorbereitungen auf Kreuzzug (Spielszene) Quelle: ZDF/Ralf Gemmecke

732 n. Ch.: Karl Martell schlägt das Heer der islamischen Araber bei Tour und Poitiers
Das Vordringen der Sarazenen nach Westen ist gestoppt. Das Frankenreich bleibt christlich. Karl der Große (768 - 814) verfügt bereits über mehrere tausend gepanzerte Ritter, die ihm, durch das Lehnswesen wirtschaftlich abgesichert, auf seinen Kriegszügen folgen. Um das Jahr 900 beginnt in Spanien die Reconquista, die von Rittern getragene Rückeroberung des Landes aus der Hand der Mauren. Doch in Friedenszeiten kommt es unter den "arbeitslosen" Berufskämpfern zum Sittenverfall, manche sehen in ihnen gar eine Landplage. Die Kirche versucht das Unwesen der Fehde durch das Gebot des Gottesfriedens in den Griff zu bekommen. Doch dazu braucht es letztlich eine neue Sinngebung für die rauen Waffenträger.

1095: Papst Urban II ruft zum 1.Kreuzzug auf - "Deus lo Vult! - Gott will es"
Als die Seldschuken 1055 Jerusalem erobern folgen viele Ritter, besonders aus Frankreich, dem Aufruf des Papstes. Sie heften ein Kreuz an ihren Mantel, um in bewaffneter Wallfahrt Jerusalem zu befreien, was ihnen 1099 gelingt. In der Folge entstehen unterschiedliche Ritterorden, zum Schutz der Pilger sowie der heiligen Stätten und zur Verteidigung der neu entstehenden Kreuzfahrerstaaten. Als erste schließen sich die "Templer" 1120 zusammen, beinahe zeitgleich die "Johanniter". In seiner Schrift: "Über das Lob der neuen Ritterschaft" erteilt der einflussreiche Abt Bernhard von Clairvaux, der Verbindung von Mönchtum und Ritterschaft die kirchliche Rechtfertigung. Als dritter bedeutender Ritterorden gründet sich 1198 der "Deutsche Orden."

1139: Päpstliche Privilegien begründen beispiellosen Aufstieg
Der Annerkennung durch Kirche und Papst folgen reiche Schenkungen und Übereignung von Ländereien, die es den Orden ermöglichen in allen Staaten Europas Nachwuchs auszubilden und die Versorgung der Brüder im Heiligen Land zu sichern. Die Orden werden zu gewaltigen und mächtigen militärischen Logistik-Unternehmen. Doch dem militärischen Misserfolg folgt auch der Niedergang. 1244 geht Jerusalem für immer an die Moslems verloren. 1291 fällt, nach 200 Jahren, mit Akkon die letzte Bastion der Christen im heiligen Land. Dem König von Frankreich sind Macht und Reichtum der Templer längst ein Dorn im Auge. Jacques de Molay, der letzte Großmeister der Templer wird mit Hilfe der Inquisition verurteilt und 1314 als Ketzer verbrannt. Der Orden wird aufgehoben und zerschlagen, sein Vermögen eingezogen.

1159: Heinrich der Löwe gründet Lübeck als neues Fernhandelszentrum
Unter dem Schutz des Sachsenherzogs wird Lübeck zur Metropole des Nordens und schließt sich mit Städten wie Köln und Hamburg zur Deutschen Hanse zusammen. 1192 richten die Kaufleute im russischen Nowgorod ein ständiges Kontor ein. 1194 bewilligt Richard Löwenherz, der König von England und Held des 3. Kreuzzugs, nach seiner Rückkehr aus dem Heiligen Land, ein Hansekontor in London. Die Schiffe der Händler sind neuen Typs. Koggen und Karavellen, die sich im Mittelmeer bei den Kreuzrittern bewährt haben, erobern im 13.Jahrhundert auch die Ostsee. Entlang der Küste erweitern Städtegründungen den deutschen Einfluss in Polen und im Baltikum. Entscheidenden Anteil daran gewinnen die Ritter des Deutschen Ordens. Die Johanniter setzen sich nach Vertreibung aus dem heiligen Land auf Malta fest. Der Deutsche Orden verlegt 1309 den Sitz seines Hochmeisters zur Marienburg in Westpreußen.

1165 bis 1190: Chretien de Troyes - Artus Romane prägen Europäische Literatur
König Artus gilt als Idealbild eines ritterlichen Herrschers. Chretien de Troyes Roman "Erek" greift sagenhafte Elemente und Überlieferungen auf, die in britischer, normannischer und französischer Tradition wurzeln. Zugleich mit der höfisch-ritterlichen Kultur entwickelt der Stoff eine überregional europäische Tradition. In Deutschland erscheint 1210 das Versepos "Parzival" von Wolfram von Eschenbach. Im "Codex Manesse", einer Liedersammlung aus dem 14.Jahrhundert, wird der Glanz des Rittertums in allen Details besungen. Fahrend Spielleute verbreiten ihre Geschichten ebenso wie Neuigkeiten aller Art und Lieder über die "Minne" den Frauendienst, den ein Ritter seiner Dame zu leisten hat. Ullrich von Liechtenstein ist einer der Fahrenden Sänger. Mit seiner Klage über den Verfall ritterlicher Zucht um 1250 endet die Epoche des deutschen Minnesangs.

1339 - 1453: Hundertjähriger Krieg zwischen England und Frankreich
Die Städte entwickeln sich zu Handels- und Machtzentren. Reiche Bürger und ein neu entstehender Hofadel verdrängen die Ritter vom Zentrum der Macht. Der Gründung der Medici-Bank in Florenz folgt 1409 die Eröffnung der ersten Börse in Brügge. Im Hundertjährigen Krieg erweist sich, dass die Zeit schwer gepanzerter Reiterkrieger zu Ende geht. Große Schlachten, wie die bei Crecy 1346, werden nicht durch die Ritter entschieden, sondern durch bewegliche Fußsoldaten mit Spieß und Armbrust und besonders durch die englischen Langbogen, deren Durchschlagskraft in den dicht gefügten Reihen der Ritter verheerende Wirkung zeigt. Kaiser Maximilian (1459-1519) wird "Der letzte Ritter" genannt. Er veranstaltet glänzende Turniere im traditionellen Stil, doch er gilt auch als "Vater der Landsknechte" und setzt auf die neuen Mauern- und Panzerbrechenden Feuerwaffen.

15. Jahrhundert: ein Nachhall
Im Jahr 1476 versucht Karl der Kühne, Herzog von Burgund, die Schweizer Eidgenossen in die Knie zu zwingen. In Karls moderner Armee befinden sich nur noch wenige Ritter, doch sie haben keine Chance. Die einstigen Elitekämpfer treffen auf gut organisierte Fußtruppen. Schweizer Bürgersoldaten kämpfen hoch motiviert und in kleinen Gruppen, spezialisiert darauf, die Reiter mit Spießen und Haken von ihren Pferden zu zerren. Am Boden liegend werden die Ritter zu hilflosen "eisernen Käfern", die leicht zu töten sind. Was hilft ein ritterlicher Ehrenkodex, wenn ihn niemand mehr beachtet? Kein Herrscher investiert Geld in eine teure Ritterschaft, wenn Söldnerheere billiger und wirkungsvoller Kriege gewinnen. Doch ihr Mythos hat die Ritter überlebt: Der Mythos von Tapferkeit, Freiheitsliebe und Treue, zu denen freilich untrennbar auch die Liebe zu Recht, Kultur und zum "Minnedienst" gehören.

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